16. August 2018

Hausarzt gesucht

Über 35 Jahre lang kümmerte sich Martin Sigg als Arzt in der Nidwaldner Gemeinde Hergiswil um die Beschwerden, Sorgen und Nöte der Patienten. Mit Unterstützung des Schweizer Fernsehens hat er einen würdigen Nachfolger gesucht – und festgestellt: Das ist gar nicht so leicht.

Martin Sigg
Jagdgewehr statt Stethoskop: Martin Sigg geht nach 35 Jahren als Hausarzt in Pension. (Bild: Oscar Alessio/SRF)
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Eigentlich hätte Martin Sigg (70) schon lange nicht mehr arbeiten müssen. 36 Jahre lang betreute er Patienten in seiner Hausarztpraxis in Hergiswil
im Kanton Nidwalden. «Herr Doktor, warum arbeiten sie noch? Sie haben es ja nicht mehr nötig», fragte ihn vor Kurzem ein Patient. Martin Sigg dachte nur: «Du Armer, arbeitest du wirklich nur wegen des Geldes?» Denn Geld ist nie sein Antrieb gewesen. «Ich mag meine Patienten sehr, die Menschen allgemein.»

Trotzdem sei es dieses Jahr an der Zeit, einen Schlussstrich unter die Karriere zu ziehen. «Ich möchte spontaner sein können: morgens im See schwimmen oder paddeln, auf die Jagd gehen, Motorrad fahren. Und mehr Zeit für meine Frau haben, mit ihr reisen.»

Die heilende Kraft des Gesprächs

Martin Sigg ist aber auch müde geworden: Der Wandel im Gesundheitswesen macht ihm zu schaffen. «Es ist eine Frechheit, uns Hausärzten vorzuschreiben, dass eine Konsultation nicht länger als 20 Minuten dauern darf.» Ein Hausarzt müsse sich für seine Patienten Zeit nehmen. Nicht nur Medikamente hätten eine heilende Wirkung, sondern auch Mitgefühl und gute Gespräche. «Ich kenne hochbetagte Menschen, die vereinsamt sind. Was sie früher dem Pfarrer erzählten, bekommt heute der Hausarzt zu hören.» Psychosomatische Unterstützung nennt Sigg dieses aktive Zuhören.

Eher passiv zuhören musste er in den vergangenen Jahren, wenn – zumeist eher junge – Patienten in die Praxis kamen und dank «Dr. Google» schon genau wussten, was ihnen fehlte. «Da fühle ich mich als Arzt gar nicht mehr ernst genommen. Die wollen einfach direkt an einen Spezialisten weiterverwiesen werden.»

Er hätte auch einfach vor Jahren schon seine Praxis dichtmachen und gleich auf die Jagd gehen können. Dann hätte ihn aber das schlechte Gewissen geplagt. «Ich wollte für meine Patienten eine gute Nachfolgelösung finden.» Weil ihm das so wichtig ist, hat er sogar bei der SRF-Serie «Abenteuer Nachfolge» mitgemacht, die diese Woche beginnt (siehe Kasten).

 Martin Sigg erinnert sich noch genau an die harte Zeit, als er als junger Arzt mit 35 Jahren die Praxis in Hergiswil eröffnete. Zuvor hatte er sechs Jahre lang in Spitälern in Zürich, Sydney und Luzern gearbeitet. Die Klinikatmosphäre sprach ihn aber nicht an. Der Umgang mit den Patienten sei ihm zu anonym gewesen.

Vom Lausbub zum angesehenen Arzt

In Hergiswil war Martin Sigg kein Unbekannter, schliesslich war er hier aufgewachsen. Doch genau das war zu Beginn ein Problem: «Die kannten mich als ‹Schnuderbueb›. Und nun sollte ich plötzlich der hoch angesehene Dorfarzt sein. Damit hatten einige Mühe», erzählt er lachend. Einmal habe er gehört, wie jemand sagte: «Wenn ich leichte Beschwerden habe, gehe ich zum jungen Sigg, bei etwas Ernstem zu einem anderen.»

Damals gab es neben Sigg noch zwei andere Hausärzte im steuergünstigen Hergiswil. Sie bemühten sich um die teilweise sehr gut betuchte Klientel. «Zu mir kamen zunächst vor allem die einfacheren Hergiswiler. Damit fühlte ich mich von Anfang an wohl.» Zwei Jahre habe es gedauert, bis er schwarze Zahlen schrieb: «Es kam gut an, dass ich etwa die Alternativmedizin nie als Feind betrachtete und auch nicht immer sofort Chemie verabreichte.» Alte Hausmittelchen wie Quark- oder Essigwickel bei Fieber hätten neben Medikamenten ebenso ihre Berechtigung.

Martin Sigg war Dorfarzt mit Leib und Seele – und nahm auch alle Begleiterscheinungen in Kauf. «Mich störte nie, wenn mich jemand auf der Strasse um ärztlichen Rat anfragte. Es war eher mein Umfeld, das Mühe damit hatte.» Er habe seinen Patienten nicht nur etwas geben, sondern von ihnen auch etwas nehmen können. «Wie Schwerkranke mit ihrem Schicksal umgingen, beeindruckte mich immer wieder.» Diejenigen, die ihre Diagnose annehmen konnten und nicht nach einem Schuldigen suchten – weil es in der Regel keinen Schuldigen gab –, seien am besten mit solchen Situationen klargekommen.

Was lange währt ...

Mit der Nachfolge hat es nun endlich geklappt: Marcelo Walker (38), ein deutscher Kollege, der bereits zwei Jahre lang in der Zentralschweiz gearbeitet hat, wird die Arztpraxis übernehmen. «Er ist nicht nur ein guter Arzt, sondern auch sympathischer Mensch und Kollege», sagt Martin Sigg.

Dorfarzt Martin Sigg mit Nachfolger Marcello Walker
Martin Sigg übergibt seine Arztpraxis an Marcello Walker (Bild: Oscar Alessio/SRF).

Der scheidende Arzt wünscht seinem Nachfolger alles Gute. Und dass Marcello Walker das erleben darf, was für ihn stets mit zum Schönsten in seinem Beruf zählte: «Viele Patienten kommen in die Praxis als kranke Fremde – und verlassen sie nach Jahren als Freunde.»

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