16. Juli 2018

Hauptsache Leidenschaft

Bänz Friedli erinnert sich an den Morgen danach. Hier kannst du dich mit Leserinnen austauschen und findest die vom Autor gelesene Hörkolumne.

Das Maturitätszeugnis - und nun?
Lesezeit 1 Minute

Das Erwachen am Morgen nach der Abschlussprüfung. Ohne Wecker. Einfach erwachen, wann es einem danach ist …
Unvergleichlich, unvergessen! Wie ich den Abend zuvor verbracht hatte, weiss ich nicht mehr. Vermutlich wusste ich es schon an jenem Morgen nicht mehr so genau. Ich weiss nur noch, welch erhabenes Gefühl es war: nichts zu müssen, absolut nichts. «Geniesst es!», höre ich mich – vorige Woche wars – den Maturandinnen und Maturanden in einer feierlich verdunkelten Aula zurufen. «Geniesst den Augenblick!» Dabei müsste ich wissen, dass man den Wert eines solchen Moments erst Jahre, vielleicht Jahrzehnte später erfasst.

An der Prüfung mussten wir 1984 einen Aufsatz schreiben zum Thema: «Der Jugend gehört die Welt» (Ein Zitat von Oscar Wilde, was mir damals freilich nicht bewusst war). Oh ja, schwadronierte ich, man müsse uns Junge machen lassen, an uns sei es, die Zukunft zu gestalten! Ja, sie gehöre der Jugend, die Welt. Bloss: Stimmt es? Gewiss, junge Menschen sollen bestimmen können, denn sie sind in 60 Jahren noch am Leben, ich nicht. Dennoch wärs falsch, würden wir Älteren uns aus der Verantwortung stehlen mit der Ausrede «Der Jugend gehört die Welt». Den Jungen eine Welt voller Ausbeutung, Gewalt und Elend zu überlassen ganz à la: Ihr dürft das jetzt ausbaden – es wäre eine Frechheit, ihnen diese Last aufzubürden.

Sie sollen es zunächst einmal auskosten, die Prüfungen hinter und das Leben vor sich zu haben. Ein wunderbarer Augenblick. Ein sauschwieriger auch. Sich für eine der 896 Ausbildungsmöglichkeiten zu entscheiden, die ihnen offenstehen, ist die schiere Überforderung. Ich rate jungen Schulabgängern, sich davon nicht allzu sehr stressen zu lassen, sondern das, was sie gerade tun, stets mit Leidenschaft zu tun. Oder wie der Rapper Macklemore seiner Tochter Sloane so schön mit auf den Lebensweg gab: «Versuche nicht, die Welt zu verändern! Finde einfach heraus, was du gern tust, tue es jeden Tag – und siehe: Die Welt wird sich ändern.» Nur dies möchte ich den jungen Frauen und Männern mitgeben, die vor mir sitzen: dass es gut kommt.

Stattdessen sind sie es, die mich zuversichtlich stimmen. Es ist beglückend, in ihre freudigen Gesichter zu blicken, diese Gesichter, glühend vor Erwartungen und Hoffnungen und der Bereitschaft für das Ungewisse, Unwägbare. Gesichter, leuchtend vor Lebenshunger. Alle werden sie auch Enttäuschungen und Krisen erleben, alle hoffentlich auf Umwegen zu sich finden. Und sich in vielen, vielen Jahren vielleicht einmal daran erinnern, wie befreiend er war, der Morgen nach dieser Abschlussprüfung.

Die Hörkolumne (MP3)

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