15. März 2019

Hass im Internet – es braucht mehr Solidarität

Autorin Ingrid Brodnig setzt sich für mehr Zivilcourage im Internet ein. Im Interview erklärt sie, wie man auf den Hass reagieren kann.

Ingrid Brodnig, Autorin und Journalistin
Ingrid Brodnig, Autorin und Journalistin (Bild: Ingo Pertramer)

Welche Form von Hass haben Sie selbst schon erlebt?
Die Spannbreite reicht von sanften Beleidigungen wie «linker Gutmensch» oder «Schreibhure» bis zu Sexismus gegen mich als Frau, etwa in Form von E-Mails mit klar sexistischem Inhalt.

Was lösen die Angriffe bei Ihnen aus?
Jeder ärgert sich, wenn er solche Anfeindungen erhält. Ich habe den Luxus, dass ich solche Dinge in Artikeln oder Büchern verarbeiten kann – das tut gut.
Wer so etwas anspricht, herumerzählt und -zeigt, erfährt oft sehr viel Solidarität – das hilft.

Welche Gründe gibt es für Hass gegen andere?
Hass und Wut stecken in jedem. Das Problem ist, dass wir diese negativen Gefühle online enthemmter ausleben. Es gibt die These des Online-Enthemmungseffekts, der mehrere Gründe auflistet, warum Menschen online Dinge sagen, die sie einem Menschen nie ins Gesicht schmettern würden. Ein wichtiger Faktor ist die Unsichtbarkeit: Ich muss nicht mit ansehen, wie eine Frau reagiert, wenn ich sie als Schlampe bezeichne, oder wie sich ein Mann verhält, der sich anhören muss, er gehöre am nächsten Baum aufgeknüpft.

Verleitet die Anonymität im Netz also dazu, auf andere «einzudreschen»?
Anonymität ist nicht der einzige Faktor. Auf Facebook sind viele mit echtem Namen unterwegs, auch da passiert Strafbares. Ich bin immer wieder überrascht, was Menschen alles schreiben, selbst wenn ihr Name danebensteht.

Ich bin immer wieder überrascht, was Menschen alles schreiben, selbst wenn ihr Name danebensteht.

Und Hass klickt gut, nicht?
Ja, schlimm an der digitalen Debatte ist, dass Rüpel mit derben Kommentaren das bessere Feedback erhalten, also viele Likes oder viel Beifall in Zeitungsforen. Eine Auswertung von rund 75 000 Leserkommentaren in Zeitungen in Südkorea hat gezeigt, dass die Kommentare, die Schimpfworte enthielten, im Schnitt mehr Likes bekamen. Wut bringt Menschen zum Klicken, Wut aktiviert User.

Belohnen auch die Algorithmen Hassbotschaften?
Die Gefahr ist tatsächlich, dass die Technik eine unbehagliche Nebenrolle spielt. Im Internet haben wir das Problem, dass viele Seiten von Algorithmen sortiert werden und wir nicht genau wissen, wie sie funktionieren. Bekannt ist zumindest, dass die Facebook-Software Posts bei mehr Menschen einblendet, wenn sie viele Likes und Kommentare erhalten oder geteilt werden. Die Software ist so programmiert, dass alles mit vielen Likes als relevant gilt. Es besteht also die Gefahr, dass Algorithmen wütendes Kommunizieren belohnen. Dieser Verdacht steht zumindest im Raum. Facebook ermöglicht es Forschern nicht, derartige Effekte zu untersuchen. Wir tappen hier im Dunkeln. Die Plattformen behalten viele Informationen für sich.

Könnte man Facebook vorwerfen, durch Gleichgültigkeit und Wirtschaftsdenken Hass zu schüren?
Ich denke nicht, dass Facebook das geplant hat, aber das Unternehmen war lange ignorant. Es hat das Thema nicht ernst genommen und erst auf immensen Druck, auch aus Europa, reagiert. Inzwischen werden zum Beispiel Gewaltandrohungen gegen Flüchtlinge eher gelöscht als früher. Facebook hätte selbst auf die Idee kommen können, dass es nicht gut ist, wenn Menschen der Tod gewünscht wird. Das zweite Problem ist: Je mehr Zeit wir auf einer Plattform verbringen, desto mehr Werbung sehen wir. Jede werbebasierte Website läuft Gefahr, dass sie eine Spur emotionalisierender, derber ist, dass die sachlichen Inhalte es schwerer haben. Was das für den gesellschaftlichen Austausch in unserer Demokratie bedeutet, darüber wurde lange wenig nachgedacht.

Könnte man also sagen, dass Donald Trump ein Glücksfall für Twitter ist?
Twitter ist sicherlich dank Trump viel präsenter in den klassischen Medien und häufiger im Gespräch. Eine wichtige Frage ist, ob Twitter einzelne Trump-Tweets hätte entfernen sollen, selbst wenn sie vom Präsidenten stammen. Twitter sagt Nein: Donald Trump sei zu wichtig, er habe quasi eine Sonderstellung.

Gibt es bestimmte Menschentypen, die Hass im Internet verbreiten?
Ich unterscheide zwei Typen: die Glaubenskrieger und die Trolle. Glaubenskrieger glauben wirklich, was sie posten. Sie bringen viel Wut in Diskussionen ein, weil das ihrer Ideologie entspricht. Ein Beispiel: Zu den aktiven Gruppen im Netz zählen Antifeministen, die glauben, dass die Idee der Gleichstellung falsch ist. Sie fürchten die vermeintliche Dominanz der Frauen in den Medien, in den Gerichten, in der Arbeitswelt. Sie glauben, dass die Männer bedroht sind und dass es darum in Ordnung ist, brutal zu argumentieren. Antifeministen verharmlosen etwa häusliche Gewalt gegen Frauen, weil sie der Meinung sind, das unterdrückte Geschlecht sei der Mann. Da sie tatsächlich an eine solche Bedrohung durch die Frauen glauben, scheint es ihnen auch angemessen, brutal gegen Feministinnen anzuschreiben.

Und die Trolle?
Die Trolle sind nicht ideologisch. Sie wollen provozieren und freuen sich, wenn sie viele Reaktionen auslösen. Sie behaupten häufig Dinge, die sie gar nicht glauben, aber sie wissen, dass sie damit Streit anzetteln können. In extremen Fällen machen Trolle andere Menschen fertig, weil sie das lustig finden. Sie sind Hacker der Gefühle, das heisst, sie posten etwas, um unsere Gefühle zu manipulieren. In schlimmen Fällen lachen Trolle sogar darüber, wenn jemand Suizid begangen hat.

Zu welcher Kategorie gehört Trump?
Trumps Kommunikationsverhalten erinnert eher an Trolle. Ich denke, dass er manches, was er sagt, überhaupt nicht glaubt. Aber er weiss, dass er ein Feedback erhält. Man nennt das Bullshitting: Man sagt etwas, wovon man weiss, dass es falsch ist, nur um damit zu punkten.

Was kann jeder Einzelne gegen Hass im
Netz tun? Ist Schweigen eine Option?

Schweigen kann dazu beitragen, dass etwas nicht sichtbar wird. Taktisches Schweigen kann sinnvoll sein. Auf provozierende Emotionalität sollte man nicht einsteigen, vor allem nicht überstürzt. Wir können auch nicht jeden Aggressor mit blossen Argumenten dazu bringen, weniger aggressiv zu sein, oder ihn von seiner «falschen» Weltanschauung überzeugen. Ich halte das für unrealistisch. Aber wir sollten Opfer stärker in Schutz nehmen. Wenn man sieht, dass mehrere User eine Politikerin fertigmachen oder dass ein Kumpel aus der Klasse üble Kommentare auf seinem Profil erdulden muss, dann kann man sich einmischen und schreiben: «Ich finde es nicht in Ordnung, was XY gerade erlebt.» Oder: «Lass dich nicht unterkriegen.» Ich habe mit vielen Opfern von Hasskommentaren gesprochen – für alle waren Solidarität und Zuspruch wichtig. Selbst berühmten Menschen, von denen man denken könnte, sie hätten ein dickes Fell, setzt es zu, wenn sie fertiggemacht werden.

Welches sind für Sie die drei wichtigsten Werte in unserer Gesellschaft?
Grosse Frage. Empathiefähigkeit ist etwas Wertvolles. Ein Mindestmass an Respekt ist ein weiterer wichtiger Wert in jeder demokratischen Debatte. Und eben Solidarität. Dass man sich in jemanden hineinversetzen kann, dass man einer Person den Rücken stärkt, auch wenn man sie nicht kennt, fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Ist das Zivilcourage?
Ja. Im Netz fehlen diese Stimmen manchmal. Dort täte uns Zivilcourage besonders gut.

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