01. März 2018

Harry in Not

Der neue Hartmuth Malorny in der Krimikritik: ein Mann, eine Frau und eine schussfreudige Beretta

Hartmuth Malorny: Harry in Not

Harry, abgehalfterter Ex-Journalist, ist krebskrank, pleite und hat nichts mehr zu verlieren. In einem Suizidforum lernt er die junge, desillusionierte Isabella kennen, mit der er in eine morbide Amour fou gerät, die schliesslich in dem Plan gipfelt, sich gemeinsam umzubringen. Als irrwitzige Ménage à trois (Harry, Isabella und seine Beretta) machen sie sich auf die Reise gen Südfrankreich. Der Trip beginnt mit einem Tankstellenüberfall und droht schon kurz hinter Dortmund zu scheitern.

Das ungleiche Paar ist wie «zwei Fremde, die … in unterschiedlichen Bahnhöfen zugestiegen sind und feststellen, dass sie das gleiche Ziel haben», schreibt Malorny. Und mit Harrys Worten ausgedrückt: «Wir sind zwei betrunkene Ertrinkende, zwei aus dem Leben geworfene Schicksale, die sich an einen Rest Utopie klammern.»

Malorny beschränkt sich in seinem Roadmovie «Harry in Not» – eine Mischung aus Bonnie and Clyde aus dem Ruhrpott und Lolita 4.0 – auf kurze, knappe Sätze. Manchmal nicht länger als ein nicht zu Ende gebrachter Halbsatz, und trotzdem ist alles gesagt. In der Kürze liegt das ganze Elend von Harrys verkorkstem Leben. Harry ist auf Sparflamme, in jeder Hinsicht. Isabella nennt er Isi, denn «das spart zwei Silben».

Hin und wieder kommt Malorny ein bisschen ins Labern, wenn er die Protagonisten immer und immer wieder dasselbe tun lässt: Sie fahren, shoppen, essen, trinken, koksen, kiffen, kotzen, tauschen Körperflüssigkeiten aus, zoffen, trennen und finden sich wieder. Dann sind sie «zwei viele Lichtjahre voneinander entfernte Protonen, die eine Wechselwirkung zeigen». Also fast wie im wahren Leben. Dazwischen «löst» sich der eine oder andere Schuss. So pflastern denn Harrys vermeintlich letzten Weg auch diverse Leichen, denn er muss missgeschicklicherweise immer wieder einen Zeugen aus dem Weg räumen, auch wenn er das gar nicht wirklich will. Harrys absurder Glaube an die Liebe und sein sehr locker sitzender Colt lassen die ganze Reise grotesk, bizarr und mitunter etwas surreal daherkommen, was dem Lesevergnügen durchaus zuträglich ist.

Wie viel echter Malorny steckt in Harry? Gibt es diese Isabella? Und muss man aus dem Ruhrpott stammen, um all das zu verkraften? Egal. Vielleicht. Nein.
Wer allerdings auf ein Happy End hofft, wird enttäuscht. Ebenfalls, wer auf ein Unhappy End aus ist. Das Ende ist wie das ganze Buch: «… ein Orgasmus im grossen Nichts». Lesen!

Bei Ex Libris: Harry in Not
Autor: Hartmuth Malorny
Verlag: Wiesenburg Verlag

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