24. Juli 2019

Hanspeter Latour mag Schwalben

Als Fussballtrainer konnte Hanspeter Latour wegen einer Schwalbe schon mal aus der Haut fahren. Heute hüpft sein Herz vor Freude, wenn er den Vogel sieht. Der 72-jährige ehemalige Goalie widmet seinen Garten der Artenvielfalt.

Latour beim Jäten und Ansäen in seinem Chaletgarten

Ein struppiger Blätz Land bringt Hanspeter Latours Herz zum Blühen. Die lehmige Erde ist aufgeworfen, daneben schiessen Wildblumenbüschel in die Höhe. Thymian, Skabiose, Natternkopf. Letzten Frühling nahm er diese Brache im Berner Oberland – einen Katzensprung von seinem Chalet entfernt – in Pacht. Der Eigentümer wollte darauf nichts bauen: Die 540 Quadratmeter liegen in der Gefahrenzone, bei heftigem Regen schwillt das angrenzende Bächlein zum Bach an.

Latour will das Land ökologisch aufwerten, ein Paradies schaffen für Wildbienen, Schmetterlinge, Insekten und Schwalben. Anfangs Sommer liess er die Wiese mähen und den Boden aufreissen. Er säte pfundweise Wildblumensamen, pflanzte 140 Wildblumenziegel, liess zwei Felsbrocken herkarren. Ob die Tiere die Landschaft, die er für sie angelegt hat, goutieren werden – noch weiss er es nicht. Plötzlich reckt er den Kopf: «Lueget dört, ä Schwaube!» Tatsächlich kommt eine angeflogen. Sie steuert eine Pfütze an, landet, steckt – zack – den Schnabel ins Wasser und fliegt wieder weg. «Nei, wie mi das fröit!», ruft Latour.

Im Paradies für wilde Pflanzen und Tiere turnen Eichhörnchen
Im Paradies für wilde Pflanzen und Tiere turnen Eichhörnchen.

Der Blätz ist Latours neuestes Naturgartenprojekt. Schon 1986 liess er im bernischen Innereriz auf 1100 Metern Höhe ein Chalet bauen und drumherum einen Garten anlegen. Damals arbeitete er als Laborleiter der Gruppe für Rüstungsdienste in Thun und als nebenamtlicher Trainer des FC Solothurn. An den freien Tagen verzog er sich mit seiner Frau Mathilde und den Kindern Yves (damals 9) und Jeanine (damals 6) in sein Ferienhaus. Hier, wenige Kilometer von Thun entfernt, tauchte er in eine andere Welt ein. Über grün gepolsterte Hügel wachen die schroffen Flanken des Hohgant und der Sieben Hengste. In dieser Landschaft konnte er alles vergessen: «Hier war es egal, ob wir einen Match gewonnen oder verloren hatten», sagt er. 2000 Quadratmeter misst dieser Garten, ein Stück Wald inklusive. Raum für Artenvielfalt. «Ein wildes Ding», sagt Latour.

Ein Bienenkäfer weidet sich am Wiesenkerbel
Typisch biodivers: Ein Bienenkäfer weidet sich am Wiesenkerbel.

Was die Frau jätet, pflanzt er wieder

Erstaunlich, dass damals neben Vollzeitjob und Trainer-Nebenamt noch Zeit für den Garten blieb. «Vieles liess ich einfach wachsen», erklärt Latour. Ausreissen, allerdings nicht rübis und stübis, tut er nur die invasiven Pflanzen, die alles überwuchern wollen, den Schachtelhalm etwa oder das orangerote Habichtskraut. Macht sich seine Frau im Garten zu schaffen, beobachtet er sie mit Argusaugen: «Thilde rupft für meinen Geschmack zu viel aus», sagt er. «Er pflanzt es dann wieder ein», sagt sie.

Naturfreund Latour liebt es, die Tierwelt zu beobachten
Naturfreund Latour liebt es, die Tierwelt zu beobachten. Nicht immer zur Freude seiner Frau.

Sie habe lediglich einen hellgrünen Daumen, ihre Leidenschaft gilt den Büchern und den Fernsehkrimis. Doch Letztere kann sie im Erizer Chalet kaum ungestört schauen. Wegen der Wildtiere, die ihr Mann nachts beobachten will. Dann steht er in der Küche am offenen Fenster und äugt durch den Feldstecher ins Dunkel. Bemerkt er in den Büschen ein Huschen, gibt er Thilde, die auf dem Sofa mit den Kommissaren mitfiebert, ein Zeichen: abstellen, sofort! Klar, dass sich die Viecher immer dann anschleichen, wenn die Spannung am grössten ist.

Die Liebe zur Natur bekam Hanspeter Latour von seinem Vater eingepflanzt. Mit dem ersten Sackgeld, das er in seiner Jugendzeit mit Aushilfsbüez bei Bäckern, Metzgern und Gärtnern verdiente, kaufte er sich «Brehms Tierleben». Doch die Faszination für den Fussball war stärker, für Flora und Fauna blieb keine Zeit mehr.

Latour ist Gastgeber für zahlreiche, zum Teil seltene Arten
Glücklicher Herr über Blumenwiesen: Hanspeter Latour ist Gastgeber für zahlreiche, zum Teil seltene Arten.

Und so war Latour ein Anfänger, als er in den 80er-Jahren den Garten um sein Ferienhaus anlegte. Er kämpfte mit dem lehmigen Boden. Ein Bekannter machte ihn auf Chinaschilf aufmerksam, das wachse gut, sagte er. Latour setzte es. Es gedieh prächtig, begann zu wuchern, überallhin, wie wahnsinnig. Latour, dem inzwischen klar geworden war, dass «dä Cheib nid dahäre ghört», rodete den halben Garten. «Aber da!», er zeigt auf dunkelgrüne Halme, «da drückt er scho wieder düre!»

Pflanzen und wachsen lassen

Das Ziel war, die Natur machen zu lassen. Doch zuerst musste Latour den Boden bearbeiten. Er liess einen Teil abtragen und mit Flusskies auffüllen. Material wegführen, Material hinkarren – ökologisch einwandfrei sei das nicht. «Aber das hinterfrage ich nicht mehr. Wenn ich sehe, was heute in meinem Garten lebt, kann ich sagen, diese Aktion hat Sinn gemacht.» Viele Libellen- und mehr als 70 Schmetterlingsarten sind hier heimisch, darunter das Schachbrett, der Bläuling, der Kleine Fuchs. Er sieht sich sonnende Eidechsen und fotografiert Ringelnattern. In der Abenddämmerung sausen ihm die Fledermäuse um den Kopf.

Das Biotop
Das Biotop steht im Zentrum von Hanspeter Latours Garten.

Dieser Artenvielfalt half Latour eigenhändig auf die Sprünge. Er setzte Felsenbirne, Holunder, Heidelbeeren, Berberitze; sorgte für Pfützen, damit die Frösche darin laichen können; hängte Nistkästen in die Bäume, für Blau- und Kohlmeisen, Stare und Kauze. Die Scheiterbeigen vor dem Haus und beim Biotop hat er den Insekten als Hotels überlassen. Wildbienen und Goldwespen – Winzlinge mit rotem Oberkörper und blauem Hinterteil – haben Schlupflöcher ins Holz gebohrt.

Anderes liess er einfach wachsen. Kartäuser Nägeli, Beinwell, Steinbrech, Leberblümchen etwa: Vögel und Mäuse brachten ihre Samen, Latours Garten bot den Boden zum Gedeihen. Nur weniges hat der Hobbygärtner selber gepflanzt: Wiesenknopf als Nahrung für den Bläuling, zudem Türkenbund, Wilde Feuerlilien und Frauenschuh. Auf Letztere machte ihn einst der damalige Wegmeister aufmerksam. Es müsse ein Stück Wald gerodet werden, sagte dieser, dort wüchsen Frauenschuhe, die würden die Rodung nicht überleben. Latour grub sechs Pflanzen aus und setzte sie in seinen Garten. «Obwohl sie an einem saublöden Ort stehen, zwischen Grill und Kompost, haben sie heuer bereits zum sechsten Mal geblüht», sagt er. Er hat sie fotografiert, wie jedes Jahr. So wie er jedes Jahr vom Kleinen Fuchs unzählige Bilder macht. Und von Eidechsen, Vögeln, Libellen – von allen Tieren, die er vor seine Linse bekommt.

Magerwiesen bieten Nahrung für Dutzende von Libellen- und Schmetterlingsarten
Die Magerwiesen rund um das Chalet bieten Nahrung für Dutzende von Libellen- und Schmetterlingsarten.

80 verschiedene Schmetterlinge und ebenso viele verschiedene Vögel hat er in einem Umkreis von einem Kilometer abgelichtet, darunter rare wie den Regenbrachvogel und die Nordische Schwanzmeise. Das ist denn auch sein grösstes Glück: einen neuen Vogel oder ein neues Insekt zu entdecken. «Das ist so schön wie ein gewonnener Match!»

In seinem neuen Buch «Natur mit Latour» (siehe unten) zeigt Latour einen Teil seiner Bilder, und er stellt Überlegungen an: etwa darüber, ob die Veränderungen, die in der Natur passierten, dramatisiert würden oder tatsächlich dramatisch seien.

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