30. März 2015

Häufige Frühchen-Handicaps und -Spätfolgen

Dank Fortschritten der Medizin überleben zum Glück viel mehr Frühchen als früher. Viele kämpfen aber in den ersten Wochen mit ernsten gesundheitlichen Problemen. Einige leiden noch nach vielen Jahren an Spätfolgen. Hier sind die häufigsten.

Frühchen leiden an Folgen
Viele Frühchen überleben, haben aber in der ersten Zeit zu kämpfen und leiden teils noch Jahrzehnte später an Folgen.

KURZFRISTIGE PROBLEME

Bis gegen Ende des sechsten Monats ist es auch heute noch nahezu unmöglich, eine Frühgeburt mit guten Aussichten längerfristig am Leben zu halten. Deshalb verzichten Ärzte (Neonatologen) bis zum Erreichen der 24. Schwangerschaftswoche üblicherweise auf lebenserhaltende Massnahmen. Deutsche Zahlen sprechen bereits von einer Überlebenschance von um 80% bei Geborenen in der 25. Woche, nach Ablauf der 28. Woche liegt sie bereits bei mindestens 90%.

Doch auch bei Überlebenden treten nicht selten die folgenden Phänomene auf:

Lungenfunktion: Ist die Lunge noch nicht fertig ausgebildet – besonders bei Geburten vor Abschluss des siebten Monats, kann es zu Atmungsstörungen kommen – in ernsteren Fällen zum Atemnotsyndrom IRDS. Hauptverantwortlich: kollabierende Lungenbläschen.
Zudem kann der noch nicht stabile Atemreflex zu ungenügender respektive unregelmässiger Versorgung mit Sauerstoff führen. Gewöhnlich soll die Verabreichung von Kortikoiden noch vor der Geburt die Lungenentwicklung beschleunigen.

Gefässwände: Ebenfalls ein ernst zu nehmendes Risiko besteht bei sehr frühen Geburten, weil die Gefässwände manchmal noch sehr dünn sind, besonders bei Blutbahnen. Im Extremfall drohen Blutungen, am gefährlichsten im Gehirn.

Immunsystem: Neugeborene verfügen zu Beginn über ein noch nicht fertig ausgebildetes Immunsystem. Bei Frühchen besteht in der Regel ein zusätzlicher Rückstand. Dadurch ist das Infektionsrisiko in den ersten Wochen stark erhöht.
Verstärkt wird der Effekt, weil Frühchen zuerst oft noch nicht gestillt werden können, sondern über eine Magensonde oder allenfalls spezielle Fläschchen ernährt werden. Dadurch entgehen ihnen bestimmte Abwehrstoffe, welche nur die Muttermilch enthält.

Magensonden-Ernährung: Muss das Frühchen eine Weile durch die Magensonde ernährt werden, kommt es danach gelegentlich zu Schluckstörungen beim Stillen.

Leberinsuffizienz: Oft ist bei Frühgeburten die Leber nicht vollständig ausgebildet und deshalb nicht vollständig funktionsfähig. Das kann zur sogenannten Neugeborenen-Gelbsucht führen, weil bestimmte Giftstoffe von der Leber nicht ausgesondert oder unschädlich gemacht werden können.

Darmbewegungen: Sie funktionieren beim Frühgeborenen oft noch nicht geregelt. Häufigstes gefährliches Phänomen ist ein Aufstau im Darm. Die entstehenden Bakterien können zu Darmentzündungen führen.

Temperaturregulierung: Frühgeborenen fehlt zum einen oft die ausgebildete Muskulatur, um bei Kälteempfinden mit Zittern zu reagieren, oder bei Hitze durch Schwitzen Linderung herbeizuführen. Denn auch das Regulationssystem gegen Überhitzung ist häufig noch nicht einsatzbereit.

Netzhautablösung: Durch zu viele neu gebildete Blutgefässe in kurzer Zeitspanne erkrankt die Netzhaut und löst sich schlimmstenfalls ab.

MÖGLICHE SPÄTFOLGEN

Wir führen hier die bekanntesten gesundheitlichen Beeinträchtigungen von Frühgeborenen auf, die bis ins Erwachsenenalter (wieder) auftreten können. Jedoch leiden etliche Frühchen unter keinem der genannten Phänomene.
Und natürlich können diese Gesundheitsprobleme auch bei Frühgeborenen aus ganz anderen Gründen auftreten.

1. Asthma oder verschiedene weitere Allergieerkrankungen oder Beeinträchtigungen des Immunsystems, speziell die Atemwege betreffend.

2. ADHS ist ebenso häufig bei sehr früh Geborenen. Laut deutschen Studien sollen davon 80% der bis zum Ende der 26. Schwangerschaftswoche zur Welt Gekommenen von der Aufmerksamkeitsstörung (mit Hyperaktivität) betroffen sein.

3. Depressionen oder andere (auch leichtere) psychische Störungen treten bei Frühgeborenen überdurchschnittlich häufig auf.

4. Die Motorik weist bei Frühchen ebenfalls mit höherer Wahrscheinlichkeit bleibende Einschränkungen auf.

5. Lernbehinderungen führen Experten ebenfalls bisweilen auf eine Frühgeburt zurück. Am bekanntesten sind die sogenannte Rechenschwäche oder die Lese-Rechtschreib-Schwäche.

6. Selbst Autismus kommt bei Frühgeborenen häufiger vor als bei anderen Menschen. Auch andere Verhaltensstörungen sollen bei Frühgeburten nach Studien bis zu vier Mal häufiger auftreten.

7. Sogar beim eigenen Nachwuchs früh geborener Eltern treten noch Folgen auf: Zum einen ist die Zeugungsfähigkeit bei beiden Geschlechtern im Durchschnitt vermindert, weil bei Frühgeburten die Sexualorgane weniger entwickelt waren als bei anderen Neugeborenen. Zum anderen erhöht sich bei zu früh geborenen Müttern das Risiko auf später wiederum früh geborene Kinder merklich.

Laut einer britischen Studie von 2013/14 mit Frühgeburten von 1995 erwies sich das Risiko für Spätfolgen bei Jungen als doppelt so hoch wie bei Mädchen. Besonders Beeinträchtigungen auf der kognitiven Ebene kommen bei Männern viel öfter vor. Neonatologen führen dies auf die meist etwas frühere Entwicklung des Gehirns bei Mädchen zurück.

Um mit etwas Positivem abzuschliessen: Eine Mehrheit der Frühchen holt Entwicklungsrückstände im Laufe der Monate und Jahre vollständig auf.

Fotografin: Tina Steinauer

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