09. Oktober 2017

Halb nackt durchs Dorf

Bänz Friedli wurde kalt geduscht. Hier kannst du die Hörkolumne herunterladen und dich mit dem Autor oder anderen LeserInnen austauschen.

Kalte Dusche
Kalte Dusche für Bänz Friedli.
Lesezeit 2 Minuten

Was werden die Leute im Dorf sich bloss gedacht haben? Damals machte ich mir keine Gedanken, wenn ich nackt, mit nur einem Frottiertuch um die Hüfte – noch dazu einem knappen –, über die Schwelle unseres alten Bauernhauses ins Freie trat, ein Stück Wiese querte, über einen Zaun stieg, durch den Garten zum nachbarlichen Vierfamilienhaus gelangte und dann die Treppe hoch zu einer verheirateten Hausfrau hüpfte. Wahlweise stieg ich auch durchs Küchenfenster im Parterre ein – zur ebenfalls verheirateten Schwester der Frau im Obergeschoss. Junggeselle war ich, knapp über zwanzig. Und sass erst noch für eine grüne Bürgerinitiative im örtlichen Gemeinderat. Es muss zu reden gegeben haben.

Schön ists auf dem Land. Aber es ist halt auch so, dass man im Dorf keinen Schritt unbeobachtet tut. So wird es den Leuten aufgefallen sein, dass es gewissen Kräutern, die mein Mitbewohner im Garten zog, an Legalität gebrach. Und weil ich oft schwarze Lederhosen trug, galten wir bald mal als «lätzgfäderet» – als Tunichtgute, irgendwie andersrum.

Kaufte ich dann auch noch im Lädeli Kondome, und die Kassierin wünschte mir maliziös «no e schöne Aabe», dann war klar, wovon sie ausging: dass der Mitbewohner und ich die Kondome gemeinsam verwenden würden. Zwei junge Männer unter einem Dach? Bestimmt schwul! Und so etwas war im Bernbiet in den 1980er-Jahren weiss Gott noch nicht an der Tagesordnung. Umso mehr muss denjenigen, die es hinter halb gezogenen Vorhängen hervor beobachteten, zu denken gegeben haben, wenn ich dann anderntags dennoch halb nackt zur Nachbarin rannte. Am späteren Morgen, wie so oft.

Daran musste ich denken, als letzte Woche in unserer Siedlung eines Morgens nur kaltes Wasser zum Hahn rauskam. Denn damals, in der WG auf dem Land, war es so: Mein Mitbewohner begann den Tag gern mit einer warmen Badewanne. Er war Frühaufsteher, ich hingegen schlief etwas länger. Wollte ich, der ich meist bis spätnachts gearbeitet hatte, dann im Verlauf des Morgens duschen, war das warme Wasser aus dem kleinen Boiler meist aufgebraucht. Und so ganz kalt duschen mochte ich nicht. Also griff ich mir – nackt, wie ich war – ein Tuch, umhüllte mich damit mehr schlecht als recht und spurtete, ob im Winter oder Sommer, zu einer der Nachbarinnen, um dort warm zu duschen. (Nie, ich schwöre es, geschah dabei noch etwas anderes.)

Halb nackt durchs Dorf rennen? So unbedarft und unbelastet wäre ich manchmal gern noch mal. Letzte Woche habe ich dann aber kalt geduscht. Man will ja nicht als Warm­duscher gelten. 

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 19.10. Sursee LU; 21.10. Olten

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