22. August 2019

Gute Ideen für eine bessere Schweiz

Alljährlich wird im «Wunsch-Schloss» die beste innovative Idee aus der Bevölkerung gekrönt. Dieses Jahr hat Christian Siegenthaler den Wettbewerb gewonnen. Der Student schlägt einen obligatorischen Schüleraustausch zwischen den Landesteilen vor.

Christian Siegenthaler
Christian Siegenthaler vor der Poyabrücke über die Saane in Freiburg. Der Fluss markiert die Grenze zwischen Deutschschweiz und Romandie.

Duracell lautet Christian Siegenthalers Pfadi-Name, inspiriert von der legendären TV-Werbung für eine Batterie, die Stoffhasen länger trommeln lässt. Genauso energiegeladen kommt auch der 24-jährige Student aus Burgdorf BE rüber. Neben seiner Bachelorarbeit in Geschichte, die er Mitte Juli beendet hat, arbeitet er seit diesem Frühling im Generalsekretariat der FDP Schweiz mit, spielt Es-Tuba in einer Brassband, ist Abteilungsleiter bei den Pfadfindern – und nun auch noch Sieger des Ideenwettbewerbs «Wunsch-Schloss» , der dieses Jahr zum fünften Mal stattgefunden hat.

Gefragt waren diesmal Vorschläge, wie man Vielfalt in Politik und Wirtschaft fördern kann. Von den 70 eingereichten Ideen wählte eine Jury zehn aus, die Mitte Juni auf dem Schloss Thun im grossen Finale vor Publikum präsentiert wurden. Christian Siegenthalers Idee war eine dieser zehn. Dabei war es purer Zufall, dass er überhaupt teilgenommen hatte. «Ich bin in den sozialen Medien darüber gestolpert – fünf Tage vor Ablauf der Eingabefrist.» Und mitten in seiner Bachelorarbeit.

Das Angebot sprach ihn an. «Man hat in der Schweiz viele Möglichkeiten, das Land mitzugestalten, und ich finde es wichtig, das auch zu nutzen.» Er dachte zwei Tage lang darüber nach, legte eine Nachtschicht ein und lieferte schliesslich fristgerecht seine Idee ab: einen obligatorischen Schüleraustausch zwischen der 7. und 9. Klasse in einem anderssprachigen Landesteil zur Förderung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt.

In einer fremden Umgebung wird man offener und entwickelt ein Flair für Problemlösungen.

Christian Siegenthaler

Es geht ihm dabei nicht nur um eine erhöhte Sprachkompetenz und einen besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. «In einer fremden Umgebung wird man offener und entwickelt ein Flair für Problemlösungen.» Er hat das selbst erlebt, als er während seines Studiums ein halbes Jahr an der Humboldt-Universität in Berlin verbrachte.

Einen Sprachaustausch hingegen hat er während seiner Schulzeit nie gemacht, «was ich heute sehr bedauere». Doch er ist damit durchaus repräsentativ. «Heute machen laut Statistiken landesweit nur gerade zwei Prozent aller Schülerinnen und Schüler einen solchen Austausch.» Das will Siegenthaler ändern.

Doch seine Konkurrenz beim «Wunsch-Schloss» war stark. Andere Ideen waren das Entwickeln einer Onlineplattform für direkte Vorschläge aus dem Volk an Wirtschaft und Politik, Flüchtlingskinder während der Schulzeit speziell für naturwissenschaftliche und IT-Fächer zu begeistern oder eine Neuausrichtung der Milizarbeit durch Jobsharing und Heimarbeit.

Die zehn Finalistinnen und Finalisten bekamen im Schloss Thun je fünf Minuten, um für ihre Ideen zu werben. «Ich habe ziemlich viel Zeit in die Vorbereitung investiert», sagt Siegenthaler, der jüngste der Bewerber. Er glaubt denn auch, sein Auftritt habe stark dazu beigetragen, dass das 150-köpfige Publikum aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Politik und Medien am Ende seine Idee ausgewählt hat.

Durch seine Teilnahme am «Wunsch-Schloss» bekam Siegenthaler einen direkten Draht in die Politik, im November darf er seine Idee den Generalsekretärinnen und -sekretären der grossen Parteien vorstellen. «Ausserdem gibt es bereits eine gewisse Bewegung in diese Richtung: Zum Beispiel will man in der Verwaltung des Kantons Bern die Zweisprachigkeit stärker fördern, und Bundesrat Berset hat in seiner Kulturbotschaft 2021–24 das Budget für Sprachaustausch auf 10 Millionen Franken erhöht.» Seit ein paar Jahren gibt es auch die Agentur Movetia , eine vom Bund getragene Stiftung, die Austausch und Mobilität während der Schule und Ausbildung fördern will.

Letztlich wird Siegenthaler selbst aber nicht mehr tun können, als für seine Idee bei den richtigen Leuten zu weibeln. Ob daraus wirklich was wird, liegt nicht in seiner Hand. «Aber nur schon wenn sich dadurch mehr Jugendliche freiwillig auf einen solchen Austausch einlassen würden, wäre das ein Gewinn.»

Bald für ein halbes Jahr nach Brüssel

Für sich selbst hat er bereits eine andere Art Austausch organisiert: Im Januar wird er für ein halbes Jahr nach Brüssel ziehen und dort im politisch-juristischen Bereich einer Interessensorganisation mitarbeiten, die sich für eine europaweite Vereinheitlichung im Zugverkehr einsetzt. Heute können viele Züge aus technischen Gründen nicht länderübergreifend verkehren, das soll sich ändern. Das Jobangebot erhielt er auf der Heimfahrt von seinem Berliner Auslandssemester – im Zug. «Ich kam dort mit einer Frau ins Gespräch, die sich als Leiterin dieser Organisation herausstellte. Am Ende bot sie mir an, mich zu melden, falls ich interessiert sei.» Siegenthaler lacht. «So ein Austauschsemester öffnet eben tatsächlich Türen.»

Sein Master-Geschichtsstudium an der Universität Bern will der junge Mann dann ab Herbst 2020 beginnen. Konkrete Berufspläne hat er zwar noch nicht, aber er weiss, was er will: «Wie das Beispiel mit Brüssel zeigt, ergeben sich manchmal ganz unerwartet neue Möglichkeiten, wenn man dafür offen ist. Idealerweise geht es um eine Herausforderung, an deren Lösung ich mitarbeiten kann, etwas das die Gesellschaft vorwärtsbringt.»

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