06. November 2017

«Gsehsch?», fragte sie

Bänz Friedli (52) will beim Sockensortieren gelassener werden. Hier kannst du dich mit anderen Lesern und dem Autor austauschen und die vom Kolumnisten gelesene Hörkolumne herunterladen.

Socken sortieren
Socken sortieren: Echt mühsam oder ein Luxusproblem?
Lesezeit 2 Minuten

Worüber ärgern Sie sich im Alltag? Darüber, dass Leute auf Rolltreppen nebeneinander stehen bleiben und den Weg versperren? Dass im Kino mit Bonbonpapierchen geraschelt wird? Dass im Büro jemand – und es sind immer ­dieselben! – das Kafitassli nicht selber abwäscht, sondern es einfach in die Spüle stellt? Dass die Öffnungen der Reispackungen so unglücklich perforiert sind, dass alle Körner neben der Pfanne landen, wenn man sie ins heisse Wasser geben will? Und dass zuletzt immer noch zahlreiche Körner in der Packung verbleiben, die sich nicht aus besagter Öffnung schütteln lassen, weshalb man die Packung entnervt aufreisst – und deshalb erst recht alles verschüttet? Ärgern Sie sich im Auto über gefährliche Velofahrer? Oder als Velofahrer über rücksichtslose Automobilistinnen?

Vielleicht ärgern Sie sich auch über Ihre Familie. Wegen der Socken, die oft einzeln in der Wäsche landen. Und über die Waschmaschine, die einzelne Socken verschluckt. Was für eine Sortiererei! Weil der Kopf es mir nicht zugibt, einen weissen Füssling der Marke Nike mit einem der Marke Adidas zu paaren oder einen ­unbeschrifteten mit einem, in den die Angabe «39–42» genäht ist – auch wenn diese Socken vielleicht schon als falsches Paar in die Wäsche geraten sind –, wirds bei mir besonders knifflig. Falls dann endlich ­alles passt, geht noch das Rätselraten darüber los, welche der sehr, sehr ähn­lichen Socken nun meiner Frau, der Tochter und dem Sohn gehören.

Künftig werde ich an Antonella denken. Ich habe sie an einer Veranstaltung des Blindenverbands kennengelernt. Krauses Haar, herzliches Lachen, eine offene, unkomplizierte Person. Sie setzte mir eine «Dunkelbrille» auf, wie sie das nannte, damit ich mal «sähe», wie es sei, nichts zu sehen.

So wie sie, Antonella, die blind ist. Und dann liess sie mich Socken sortieren. Blindlings. Ich wühlte in zwölf Einzelsocken, ertastete Grösse, Muster und Art der Faserung, und nach einigen Minuten hatte ich mit Mühe und Not ein Paar geschafft – das sich dann freilich als falsch erwies. «Gsehsch?», fragte sie, den oberen Saum befühlend, der bei dem einen Socken etwas feiner gerippt war als beim anderen, und hielt mir meine falsche Paarung unter die Nase.

Alltagsärger wie das Sockensortieren? Meistert sie spielend. Der Nachmittag mit Antonella und ihren blinden Freunden zeigte mir, wie gut diese Menschen sehen. Sie sehen einfach anders. An Antonella werde ich denken müssen, wenn ich mich das nächste Mal über eine Nichtigkeit ärgern will. Ich werde in Heiterkeit an sie denken. 

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 10.11. Aesch BL / 14.11. Luzern, Stadtkeller

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