18. Januar 2018

Grossmeister der Schweizer Popmusik

Roman Camenzind ist der erfolgreichste Popmusikproduzent der Schweiz. Ein Gespräch über die Anfänge mit der Band Subzonic, harte Kritiker und seine Vorliebe für die Schweizer Mundart.

Roman Camenzind posiert mit einer Disco-Kugel
«Wir lernen jemanden erst mal gründlich kennen, bevor wir über die Musik sprechen.»
Lesezeit 10 Minuten

Roman Camenzind, wie entsteht ein Hit?

Ein Song wird durch das Publikum zum Hit. Er muss von einer breiten Masse von Leuten geliebt werden. Für einen Musikproduzenten gibts aber keine standardisierten Knöpfe, die er drücken kann, um das zu erreichen. Die Musik muss zur Art und zum Charakter des Künstlers passen, zu seiner persönlichen Geschichte, sie muss authentisch sein. Nur dann hat er eine Chance.

Sie erarbeiten also mit dem Künstler, was zu ihm passt?

Das ist meine Herausforderung, genau. Ich führe zunächst lange Gespräche, um herauszufinden, wie er tickt, was ihn besonders macht, womit er sich abhebt. Darauf versuche ich aufzubauen.

Geben Sie uns ein Beispiel aus Ihrem Produzentenalltag?

Als Adrian Stern zu mir kam, brachte er Demos voller verzerrter Gitarrenklänge mit. Aber wenn man mit ihm spricht, merkt man sofort, dass er ein verträumter Romantiker ist. Ich sagte ihm, dass er nicht der Typ sei, zu dem verzerrte Gitarrentöne passen, sondern eher akustische Gitarre und romantische Texte. Er ging heim, überlegte sich das und kam drei Wochen später mit dem Song «Amerika» . Das macht den Erfolg von Hitmill aus: Wir lernen jemanden erst mal gründlich kennen, bevor wir über die Musik sprechen.

Ich selbst bin ein Popmusikfan, aus mir kann kein grossartiger Jazz kommen.

Welche Elemente machen einen Hit aus? Wie viel davon ist musikalische Qualität, wie viel die Fähigkeit, den Mainstreamgeschmack zu treffen, wie viel Marketing, wie viel Glück?

Das ist immer ein bisschen anders. Die Musik sollte zum Charakter passen, aber man muss auch noch den Zeitgeist treffen. Baschis «Bring en hei» wurde in dem Moment zum Hit, als ihn die Fans an der WM in Deutschland 2006 sangen.

Wie schwierig ist es, den Zeitgeist zu treffen?

Ich selbst bin ein Popmusikfan, aus mir kann kein grossartiger Jazz kommen, der steckt einfach nicht in mir. Aber ich weiss, wie sich Popmusik anfühlt. Da sie per se auf den Massengeschmack ausgerichtet ist, gelingt mir auch immer wieder ein Treffer.

Wie hat sich dieser Geschmack verändert, seit Sie mit Subzonic erfolgreich waren?

Der Mainstream verändert sich laufend, er ist ein Kondensat vieler Stilrichtungen, und er wird vom Feuilleton gern unterschätzt. In den vergangenen zehn Jahren war die elektronische Clubmusik wichtig – die war zu Subzonic-Zeiten noch eher exotisch. Der Mainstream ist heute auch fragmentierter als früher, weil das Publikum viel offener geworden ist. Früher gab es die Metal-Fans, die Hip-Hopper, die Skater. Alle hörten ihre Musik und lehnten die anderen ab. Das gibts heute nicht mehr. Eins aber bleibt: Im Mainstream fassen immer nur die Besten und Talentiertesten Fuss.

«Der Mainstream wird vom Feuilleton gern unterschätzt.»

Hitmill will Hits produzieren. Wie gut gelingt das?

Es gelingt nicht immer, aber unsere Erfolgsquote ist sehr hoch. Mit sieben Nummer-1-Hits in der Schweiz liegen wir mit deutlichem Abstand an der Spitze.

Wie wählen Sie die Künstler oder Bands für Hitmill aus?

Nach Talent: Kann jemand singen, hat er Charisma? Ist er offen, über sich und seine Musik zu reden? Das merkt man alles relativ schnell. Wir kriegen natürlich viele Demos, aber wenn eine Metal-Band einfach nur so klingt wie eine schlechte Kopie von AC/DC, dann muss ich es gar nicht erst versuchen. Jeden Tag kommen 3000 neue Songs raus – jeden Tag! Da fällt nur auf, wer etwas Originelles, etwas Eigenes mitbringt. Wer das tut, ist interessant für uns, den lernen wir gern kennen.

Wie viele schaffen das?

Etwa einer von 100.

Arbeiten Sie lieber mit Rohdiamanten, bei denen Sie noch Einfluss nehmen können, oder mit Leuten, die schon ein ziemlich fertiges Päckchen bringen?

Ich mag es, wenn ich mitarbeiten kann. Mein Anspruch ist, dass der Künstler durch unsere Mithilfe erfolgreicher ist als vorher. Wenn ich den Eindruck habe, dass ich das nicht bieten kann, dann lasse ich es.

Und das Ziel ist immer, einen Nummer-1-Hit zu landen?

Im Grunde ja.

Was passiert, wenn der Erfolg ausbleibt? Versucht ihr, die Strategie zu ändern, oder kommt es zur Trennung?

Wenn sich für den Künstler die Zusammenarbeit nicht lohnt, wird er gehen. Diesen Entscheid trifft dann er, völlig zu Recht.

Eine Schweizer Band wird immer weniger Sex-Appeal haben als eine amerikanische oder englische.

Warum schaffen nicht mehr Schweizer Pophits den internationalen Durchbruch? Spontan fallen einem da nur Songs von DJ Bobo und Yello ein ...

Die Anforderung, etwas Neues, Innovatives zu machen, ist auf internationaler Ebene noch höher. Eine Schweizer Band wird immer weniger Sex-Appeal haben als eine amerikanische oder englische, wir gelten einfach nicht als Künstlerland, wir bringen keine vergleichbare Historie mit. Hitmill hat gar nicht erst versucht, einen internationalen Hit zu landen. Wir fokussieren auf die Schweiz, das ist der Markt, den wir kennen.

Sie produzieren viel in Mundart – eine weitere Hürde für den internationalen Markt?

Auf jeden Fall. Trotzdem bin ich ein vehementer Verfechter von Mundart. 99 Prozent aller Schweizer Bands, die Englisch singen, sind schlecht – nur schon, weil sie sich auf Englisch weniger gut und treffend ausdrücken können. Und wenn ihnen ihre Message nicht wichtig ist, dann können sie genauso gut Panflöte spielen. Natürlich machen sie es aus rein kommerziellen Gründen, eben in der Hoffnung, international wahrgenommen zu werden. Dabei hätten sie in Mundart weitaus höhere Erfolgschancen in der Schweiz.

Wenn einer kommt, der super Musik macht aber auf Englisch singen will: Versuchen Sie, ihn umzustimmen oder arbeiten Sie gar nicht mit ihm?

Ich versuche das natürlich immer! Aber wenn es nicht klappt und der Rest stimmt, arbeiten wir trotzdem mit ihm. Das beste Beispiel ist die Band Pegasus, deren Leader Noah ein musikalisches Genie ist, auch auf Englisch. Diskutiert haben wir darüber trotzdem immer wieder. (lacht)

Die Musik von Pegasus klingt heute anders als früher, man möchte sagen, sie sind weniger authentisch. Ist das nicht generell ein Risiko, dass Künstler durch Produzenten zwar erfolgreicher werden, aber dabei auch an Charme und Authentizität verlieren?

Mit ihrem früheren Sound haben Pegasus 5000 CDs verkauft, nach dem sie mit uns zusammen arbeiteten waren es 30 000. Aber die Geschmäcker sind halt verschieden. Ich würde sogar sagen, Pegasus ist heute authentischer als früher. Die haben mit 9 Jahren als Beatles-Coverband angefangen, und als sie mit 20 zu uns kamen, klangen ihre eigenen Songs immer noch so. Dank unserer Zusammenarbeit haben sie nun ihren eigenen Sound, ihre eigene Stimme gefunden.

Trotzdem: Muss man als Künstler nicht Kompromisse machen, um der Masse zu gefallen? Braucht es da nicht ein gewisses Abschleifen von Ecken und Kanten?

Auf keinen Fall! Das ist das Dümmste, was man machen kann. Nochmals: Ein Künstler muss authentisch sein, etwas Spezielles haben, eine Haltung vertreten, nur dann hat er eine Chance auf Erfolg.

«Die Frau bei Sony Music, die uns damals unter Vertrag genommen hat, hatte reichlich Fantasie, um in der Musik von Subzonic Potenzial zu sehen.»

1992 haben Sie als 16-Jähriger mit einem Schulfreund Subzonic gegründet. In der Hoffnung, Hits zu landen, oder eher aus Spass?

Ziel war schon, grosse Konzerte machen zu können und Erfolg zu haben, diese Ambition war immer da. Aber so, wie wir damals geklungen haben, wäre es schon sehr vermessen gewesen, an die Hitparade zu denken. Trotzdem haben wir hart gearbeitet, viel geprobt – und das ganz ohne Alkohol oder Kiffen.


Hätten Sie sich damals eigentlich selbst unter die Fittiche genommen, aus heutiger Perspektive?

(Überlegt) Das kann ich echt nicht beantworten. Aber wenn ich mir heute die Demos anhöre, die wir an Plattenfirmen schickten, muss ich sagen, dass die Frau bei Sony Music, die uns damals unter Vertrag nahm, reichlich Fantasie hatte, um darin Potenzial zu sehen. Ich bin ihr wirklich ewig dankbar dafür.

Welche Songs und Bands haben Sie geprägt? Wie ist das bei Subzonic eingeflossen?

Ich mochte schon damals Popmusik, aber für die Band war wohl meine Offenheit das Wichtigste. Subzonic war ein wilder Mix aus verschiedenen Musikstilen, ein DJ, ein Rapper, ein Hip Hopper, Metal-Fans, das war es, was die Band ausgemacht hat. Wir haben zwangsläufig mit all den Stilmitteln experimentiert.

Subzonic landete dann ja Hits – wie viel haben Sie aus dieser Zeit gelernt für Ihre spätere Arbeit bei Hitmill?

Ich habe sicher viel für mich und meine Arbeit gelernt, nicht zuletzt, dass ich mich im Studio wohler fühle als auf der Bühne, weil ich dort vielfältiger arbeiten kann – heute Hip-Hop, morgen Pop, das ist es, was mir Spass macht. Ich mag es nicht, mich zu wiederholen.

Gäbe es trotzdem eine Band, in der Sie mitspielen würden?

(Überlegt) Duran Duran, aus Sentimentalitätsgründen. Und für mein Mami.

Die Reduktion aufs Einfache ist geradezu die Definition von Popkunst.

Sie haben gesagt, Sie spielen jedes Ihrer Lieder höchstens zweimal: einmal beim Komponieren und einmal beim Aufnehmen. Aber eigentlich klingen die populären Popsongs doch aller irgendwie recht ähnlich – es scheint schwierig, etwas wirklich Neues hinzukriegen.

Wer kein Popmusik-Hörer ist, für den wird das alles gleich klingen. So wie für mich Free Jazz oder Death Metal immer gleich klingt – ich nehme dort die Nuancen nicht wahr, die ein Kenner sehr wohl hört und zu schätzen weiss. So ist das mit allen Musikstilen. Trotzdem bleibt es natürlich eine Herausforderung, in einem Genre noch Neues zu machen, aber es gelingt uns immer wieder.

Böse Zungen behaupten, Popmusik zu machen sei sehr einfach, weil sie so banal ist.

Etwas gut zu vereinfachen ist viel schwieriger, als Komplexität ungefiltert zu übermitteln. Die Reduktion aufs Einfache ist geradezu die Definition von Popkunst. Und das gut zu machen, ist alles andere als banal, sonst wäre es viel einfacher, Hits zu landen. Dann bräuchte es Hitmill nicht.

Konnten Sie von Subzonic leben oder erst mit Hitmill?

Ich versuchte, ab Gründung von Hitmill 1997 von der Musik zu leben. Zuvor war ich Programmierer. Das Leben als Musiker war anfangs schwer: Ich lebte auf kleinem Fuss in einer WG, mit winzigem Schlafzimmerstudio.

Wann wurde es komfortabler?

Baschis «Bring en hei» 2006 war ein Meilenstein, von da an waren wir auf dem Radar der Musik- und der Werbeindustrie.

Der Musikmarkt hat sich seither stark verändert. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Die Umsätze der Musikindustrie sind in den vergangenen 15 Jahren um 80 Prozent eingebrochen, während gleichzeitig mehr Musik denn je konsumiert wird. Die Folge ist, dass Plattenfirmen weniger neue Bands produzieren, weil ihnen das Risiko zu hoch ist. Geld verdient man heute noch mit Konzerteinnahmen und Streaming. Wir sind dazu übergegangen, auch die Aufgaben von Plattenfirmen zu übernehmen, bieten den Künstlern also einen Rundumservice. Und wir arbeiten stärker mit der Werbeindustrie zusammen. Zu Beginn kamen rund 30 Prozent der Einnahmen aus diesem Sektor, eine Zeit lang waren es 70, mittlerweile sind es 50 Prozent, weil es in der Musikindustrie durch das Streaming langsam wieder aufwärts geht.

Sind Sie als Geschäftsmann talentierter als als Musiker?

Böse Zungen behaupten das. (lacht) Meine Geschäftspartner sind musikalisch talentierter als ich. Meine Stärke liegt darin, mit dem Künstler zusammen aus Gesprächen eine Vision zu entwickeln. Und das Betriebswirtschaftliche und die Verhandlungen machen mir halt einfach Spass, ich habe immer gerne debattiert.

« Es ist wohl auch eine Frage der persönlichen Reife, ob man Kritik zulassen kann.»

Zu Ihnen kommen auch Weltstars wie Lady Gaga oder The Game. Was ist bei denen anders?

Schon einiges. Lady Gaga kam nachts um 11 zu uns und blieb bis morgens um 3, ohne jemals ihre Sonnenbrille abzusetzen. Zuerst hat mich das irritiert, aber dann wurde mir klar: Das ist Teil ihrer Kunstfigur, das ist Show. Die endet vermutlich erst, wenn sie ganz allein in ihrem Zimmer ist, dann nimmt sie sie ab. Jedenfalls ist sie eine hochtalentierte Frau, und natürlich hat man nicht oft Gelegenheit, mit einem Weltstar zusammenzuarbeiten.

Lassen solche Stars sich denn von Ihnen was sagen?

Oh ja, das erwarten sie sogar. Bei The Game habe ich mich das dann allerdings doch nicht getraut. (lacht)

Als Künstler ist man laufend Kritikern ausgesetzt. Wie lernt man, damit umzugehen?

Es ist wohl auch eine Frage der persönlichen Reife, ob man Kritik zulassen kann. Früher habe ich sie sehr persönlich genommen und komplett abgeblockt. Später habe ich realisiert, dass es sich lohnen kann, Kritik ernst zu nehmen. Musikkritiker Bänz Friedli (Kolumnist des Migros-Magazins, Anm. d. Red.) zum Beispiel hat in den 90er-Jahren gegen Subzonic geschossen. Ich sah das so sehr als Angriff auf mich und die Band, dass ich gar nicht las, worum es eigentlich ging. Dabei hatte er im Kern recht: Er warf uns vor, dass wir in unseren Mundartsongs viele Worte verwendeten, die eigentlich Hochdeutsch sind und im Alltag so gar nicht gebraucht werden. Heute fällt mir das Gleiche bei anderen Künstlern auf, und es ärgert mich so wie ihn damals.

Wie stark sollte man sich von Kritik beeinflussen lassen?

Wenn man an ihr wachsen kann, dann unbedingt. Gleichzeitig darf man sich, wenn man auf dem Weg ist, der zu einem passt, von Kritik nicht beirren lassen. Adrian Stern musste sich zum Beispiel dauernd in despektierlichem Ton als Schmusebarde bezeichnen lassen, aber das hat er hingenommen, zum Glück. Das braucht Grösse.

Sie sind mittlerweile drei­facher Vater – bleibt bei all der Arbeit genug Zeit für die Kinder?

Früher führte ich ein typisches Musikerleben: bis nachts um 4 Uhr im Studio, dann schlafen bis 11 Uhr. Das ist vorbei, seit wir Kinder haben. Inzwischen verbringe ich nur noch etwa einen Tag pro Woche im Studio. Dort kann man schlecht um 17 Uhr sagen: «Sorry, ich muss los», wenn die Band gerade so richtig in Schwung ist. Die Arbeit im Büro hingegen kann ich mir gut so einteilen, dass ich Zeit für die Familie habe. Ausserdem arbeitet meine Frau Teilzeit, und ihre Mutter wohnt bei uns in der Nähe und springt oft ein.

Wie musikalisch sind die Kinder? Gibt es schon An­zeichen, dass sie ihren Eltern nachfolgen könnten?

Sie sind alle sehr musikalisch. Beim Autofahren singen meine Frau und ich immer, da machen sie natürlich auch mit. Und zu Hause steht ein Klavier, dazu gibts einen Proberaum mit Schlagzeug und Gitarre, das nutzen die Kinder alles auch schon.

Und wenn später mal eins von den Kindern auch mit Musik sein Geld verdienen will, würden Sie das unterstützen?

Ich würde wohl dasselbe sagen wie meine Eltern: Sie sollen eine klassische Ausbildung machen und daneben mit Musik anfangen. So haben sie ein Sicherheitsnetz, auf das sie zurückgreifen können, falls es mit der Musik nicht klappt.

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