23. Juli 2012

Grosse Stütze

Olympiahoffnung Giulia Steingruber und Jennifer Rutz sind enge Freundinnen. Die Ostschweizerinnen turnten lange gemeinsam, bis Jennifer sich verletzte. Doch bis heute ist Jennifer für Giulia eine wichtige Stütze geblieben.

Giulia Steingruber
Sportzentrum Magglingen: Giulia Steingruber bereitet sich intensiv auf die Olympischen Spiele vor. Freundin Jennifer Rutz leistet Support.

Zur Begrüssung im Sportzentrum Magglingen BE hoch über dem Bielersee geben sich Giulia Steingruber und Jennifer Rutz (beide 18) ein Küsschen auf die Wange. Sofort wird deutlich: Hier begegnen sich zwei dicke Freundinnen, die sich seit über zehn Jahren kennen und viele Gemeinsamkeiten haben. Beide sind bei Gossau SG aufgewachsen, und beide haben ein ansteckendes Lachen. Jennifer ist 163 Zentimeter klein, Giulia 160 Zentimeter. Giulia Steingruber ist nach dem Rücktritt von Ariella Käslin die grösste Kunstturnerhoffnung und jüngstes Mitglied der 102-köpfigen Schweizer Olympia-Delegation.

Im Trainingszentrum Fürstenland in Oberbüren SG lernten sich die Ostschweizerinnen kennen, wobei Giulia erst 2001, mit sieben, dazustiess. Jennifer übte die Sportart damals bereits seit drei Jahren aus. Giulia erinnert sich: «Meine Nachbarin war Turnerin und führte auf dem Rasen Kunststückli wie den Handstand vor. Ich wollte das auch können, schaute im Training vorbei und wurde danach im Zentrum aufgenommen.» In der Folge turnten die Freundinnen viele Jahre gemeinsam in Oberbüren und danach im Sportzentrum Magglingen, bis Jennifer Probleme mit den Füssen bekam. «Ich hatte immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen und musste mir eingestehen, dass ich mich nicht mehr weiterentwickeln konnte.» Deshalb hörte sie im Dezember 2010 mit dem Turnen auf. Nachdem sie in Biel ein halbes Jahr Bastel- und Dekoartikel verkauft hatte, zügelte sie zurück in die Ostschweiz und begann im August 2011 eine Lehre als Dentalassistentin. Sport übt Jennifer heute überhaupt keinen mehr aus. «Ich war vorher fast jeden Tag in der Halle. Jetzt brauche ich Zeit für mich selbst.»

28 Stunden Training pro Woche

Mit 18 Jahren ist Giulia ­Steingruber die jüngste Schweizer Olympia-Teilnehmerin.
Mit 18 Jahren ist Giulia Steingruber die jüngste Schweizer Olympia-Teilnehmerin.

Jennifers Rücktritt vom Leistungssport war der Grund, warum sie sich seit dann weniger oft gesehen haben. Mit 14 war das anders gewesen, als sie fast täglich mit der Standseilbahn zum Sportzentrum Magglingen ins Training hochgefahren und bei ihren Gastfamilien in der gleichen Strasse in Biel gewohnt hatten. Weil Giulia, die fünffache Schweizer Meisterin von 2011, mitten in den Vorbereitungen für ihre ersten Olympischen Spiele steckt und wöchentlich 28 Stunden trainiert, beschränken sich die gemeinsamen Aktivitäten inzwischen auf die Wochenenden in Gossau, wo Giulias Eltern wohnen. Dort erholt sich die Nummer eins im Schweizer Kunstturnen oft am Wochenende vom Spitzensport. Mit Jennifer besuche sie dann die Badi oder treffe die Freundin zum Kaffee. Unter der Woche tauschen sie Nachrichten auf dem Handy aus oder telefonieren.

Ich turne nicht für die Medien oder meine Eltern, sondern hauptsächlich für mich selber.

«Sie ist eine sehr gute Freundin, wir haben viel zusammen erlebt. Wie 2010, als wir Ferien auf dem Campingplatz Union Lido an der Adria verbrachten. Das prägt», sagt Giulia. Jennifer wiederum schätzt an ihrer Freundin, dass sie ihr zur Seite steht, wenn sie Probleme hat. Probleme? «Ja, wenn es um einen Freund geht.» Giulia hat einen, Jennifer ist Single. Giulia sagt über Jennifer: «Sie beeinflusst meine Karriere noch immer, wünscht mir vor einem Wettkampf viel Glück oder schaut zu, wenn der Wettbewerb in der Schweiz stattfindet. Das baut mich auf.» Ihren ersten Karrierehöhepunkt, den olympischen Qualifikationswettkampf in London am 29. Juli, verfolgt Jennifer aus zeitlichen Gründen allerdings nur zu Hause vor dem Bildschirm.

An den Olympischen Spielen will Giulia Steingruber «zuerst eine gute Qualifikation turnen. Ich hoffe auf den Sprungfinal. Das müsste möglich sein, wenn mir ein wirklich guter Wettkampf gelingt.» Dass sie in Olympiaform ist, bewies sie am 8. Juli am Länderkampf in Bukarest: Dort realisierte sie eine neue persönliche Bestleistung.

Obwohl Giulia mit 18 Jahren im Turnsport nicht mehr blutjung ist, will sie nach London weiterturnen — «so lange ich Freude habe und es der Körper zulässt. Ich hoffe, dass ich noch ein paar Europa- und Weltmeisterschaften erleben werde.» Die Zeit vergehe unglaublich schnell, schon bald würden die Vorbereitungen für Rio 2014, dem Austragungsort der nächsten Spiele, beginnen.

Winterferien mit der Freundin an der Wärme

Sie turne nicht für die Medien oder die Eltern, sondern hauptsächlich für sich. Das hört sich für eine 18-jährige Frau abgeklärt an. Dass ihre Schwester Désirée (21) seit Geburt körperlich und geistig behindert ist, habe sie geprägt. Es sei nicht immer einfach: Sie dürfe Spitzensport betreiben, und ihre Schwester sei auf den Rollstuhl angewiesen. Als Belastung habe sie die Situation aber nie empfunden.

Mit ihrer Freundin Jennifer Rutz freut sie sich auf das nächste gemeinsame Projekt: «Wir planen Winterferien an der Wärme, wissen aber noch nicht, ob dieses oder nächstes Jahr.»

Bild: Gerry Nitsch

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