22. Juni 2015

Grenzenlos schönes Schengen

Vor 30 Jahren unterzeichneten fünf EU-Mitgliedstaaten in einem unbekannten luxemburgischen Grenzort ein Abkommen. Heute ist Schengen weltberühmt. Doch fast niemand weiss, dass das Winzerdorf auch touristisch interessant ist.

Der luxemburgische Grenzort Schengen
Der luxemburgische Grenzort Schengen befindet sich in einer malerischen Landschaft an der Mosel.

Eine Landschaft mit Rebbergen, ein ruhiger Fluss, ein verschlafener Dorfkern, viele Denkmäler und Museen: Das ist das Winzerdorf Schengen in Luxemburg, das an das deutsche Saarland und die französische Region Lothringen grenzt. Seit dem 14. Juni 1985 ist es das wohl berühmteste Dorf Europas: Damals unterzeichneten auf dem Schiff «Princesse Marie-Astrid» fünf EU-Mitgliedstaaten ein erstes Abkommen, um Grenzkontrollen in Europa abzuschaffen.

Seither ist Schengen für Verträge und Reisefreiheit bekannt, nicht aber für seine touristischen Attraktionen. Zu Unrecht. In der Nähe der Brasserie de Schengen mit ihrer Spezialität «Fierkels-Gelie a gebotschen Gromperen», also «Spanferkel-Gelée mit Gschwellti», stehen am Moselufer zwei Teile der Berliner Mauer mit einem aufgemalten Porträt des einstigen sowjetrussischen Präsidenten Gorbatschow, vis-à-vis das Musée européen Schengen und gleich daneben ein Touristeninformationsbüro mit Broschüren und Souvenirartikeln. Im September wird zusätzlich im Schengener Naturschutzgebiet ein Besucherzentrum zum Thema Zugvögel eröffnet – wobei diese schon vor dem Abkommen ohne Kontrollen über die Grenzen fliegen konnten.

Wirklich auffallend im Ort mit seinen 560 Einwohnern ist jedoch das Schloss Schengen mit seinem Turm aus dem 13. Jahrhundert sowie seinen Barock- und Kräutergärten. Das Schloss, in dem der französische Schriftsteller Victor Hugo Gast war, steht zum Verkauf. Für 15 Millionen Euro ist es zu haben. Hugos Luxemburgzeit ist auch auf der Etikette des Grauburgunders Château de Schengen verewigt. Sie zeigt das Schloss nach einer Zeichnung von ihm, die er aus Kaffeesatz anfertigte.

Schengen ist auch Weingebiet

Vom Rebberg der Domaine Henri Ruppert bietet sich ein überwältigender Blick auf Schengen und die Umgebung. Bereits der eigenwillige Baustil des Weinguts ist eine Attraktion. Entworfen hat ihn der lokale Architekt François Valentiny, der auch für den Schengen-Park in Peking Hand angelegt hat. Schengen und damit auch Luxemburg ist eben auch Weinland. Im 80 Kilometer langen und 54 Kilometer breiten Grossherzogtum gibt es Rebberge auf einer Fläche von 1300 Hektar mit seltenen Sorten wie Rivaner, Auxerrois oder Elbling. Das Anbaugebiet ist rund drei Mal grösser als jenes im Kanton Graubünden.

Die Weine Luxemburgs – vornehmlich die Weissen wie der Riesling Wormeldange Koeppchen von Alice Hartmann oder der Qualitätssekt Crémant de Luxembourg (für nur rund zehn Euro die Flasche) – erreichen heute internationales Spitzenformat. Sie haben Tradition: Die Caves St Martin im zehn Kilometer von Schengen entfernten Dorf Remich wurde bereits 1921 gegründet. Sie ist die einzige Kellerei im Land, die ihre Flaschen tief im Felsen lagert.

10'000 EU-Beamte in Luxemburg

Die edlen Tropfen werden auch in der gehobenen Gastronomie angeboten. Schliesslich wollen neben den Einheimischen auch die rund 10'000 in Luxemburg arbeitenden EU-Beamten auf hohem Niveau durchgefüttert werden. Das gilt gerade in diesen Tagen: Das Land übernimmt ab Juli die EU-Ratspräsidentschaft für 2015. Bereits seit Februar sind deshalb für die nächsten Wochen einige Hotels ausgebucht. Das betrifft insbesondere den Grossraum der gut 30 Kilometer nördlich von Schengen gelegenen Hauptstadt, wo jeder Fünfte der 550'000 Luxemburger Einwohnerinnen und Einwohner lebt.

Samstag ist für Andrea Scheller Markttag.
Samstag ist für Andrea Scheller Markttag. Dann kauft sie oft am Place Guillaume II ein.

Eine davon ist die Zürcherin Andrea Scheller (49). Sie ist 2008 aus der Schweiz ausgewandert und heute Direktorin des fünfköpfigen Statistischen Büros der EFTA. Als damalige Angestellte des Statistischen Amts in Neuenburg hat sie sich auf eine Ausschreibung beworben. «Als ich einreiste, wechselte ich von einem kleinen Land in ein noch kleineres. Ich hatte keinen Kulturschock. Hier ist alles gut organisiert, die Menschen sind gegenüber Ausländern sehr freundlich und sprechen fast alle Deutsch, Französisch und Englisch», sagt die am Zürichsee aufgewachsene Schweizerin. Die Freundlichkeit ist bei einem Ausländeranteil von 45 Prozent nicht selbstverständlich. 1991 lag die Zahl noch bei 29 Prozent.

Scheller lebt zwischen dem modernen Luxemburger Stadtteil Kirchberg und der Altstadt. Ihren in Zürich wohnhaften Mann sieht sie am Wochenende und in den Ferien. Das Kirchberg-Plateau ist ein Hotspot moderner Architektur mit dem vom chinesischen Stararchitekten I. M. Pei entworfenen Museum für Moderne Kunst (Mudam) als Höhepunkt.

Die Hauptstadt Luxemburg mit dem Fluss Alzette.
Die Hauptstadt Luxemburg mit dem Fluss Alzette.

In der Nähe befinden sich mehrere europäische Institutionen wie der Gerichtshof oder das Sekretariat des europäischen Parlaments.
«In Kirchberg ist in den letzten Jahren sehr viel gebaut worden. Und seit 2007, als Luxemburg Europäische Kulturhauptstadt war, hat sich das kulturelle Angebot mit Philharmonie, Theateraufführungen und kleinen Konzerten stark verbessert», erklärt sie. Kommt Scheller auf Luxemburg zu sprechen, gerät sie immer wieder ins Schwärmen. «Das Moseltal rund um Schengen ist zu schön, um wahr zu sein. Fast schon kitschig.»

Das historische Fort in Kirchberg
Das historische Fort in Kirchberg.

Sie empfiehlt das «Miselerland», wie es auf Luxemburgisch heisst, mit dem Velo zu entdecken oder durch die Rebberge zu wandern. Am Samstagmorgen trifft man die Schweizerin meist in der Hauptstadt auf dem Markt am Place Guillaume II an, wo lokale Produzenten Gemüse, Käse und Brot verkaufen. Das kompakte Altstadtviertel Luxemburgs mit der pittoresken Logenstrasse figuriert auf der Unesco-Welterbeliste.

Für die überraschendste Begegnung im kleinen Land sorgt die Region Müllerthal, rund 50 Kilometer nördlich von Schengen: Sie gilt als kleine Luxemburger Schweiz. Scheller: «Das ist ein wunderschönes Wandergebiet mit interessanten Gesteinsformationen, wie man sie in der Schweiz nicht findet.» Der 2008 ins Leben gerufene «Mullerthal Trail» besteht aus einem Netz mit drei Routen und 112 Kilometer langen Wanderwegen. Sie führen durch Schluchten, Wälder und zu Felsen, die an Skandinavien erinnernde Weitblicke freigeben. Pauschalen bieten Wanderungen ohne Gepäck in drei oder vier Tagen an.

Um 18 Uhr schliessen die Läden


In ihrem neuen Heimatland fühlt sich die Schweizerin rundum wohl. «Ich bin kein Heimwehmensch. Aber mit den Jahren habe ich festgestellt, dass es in der Stadt Luxemburg keinen See und keine Berge hat. Das ist das Einzige, das ich vermisse.» Hat Scheller Lust auf Luxemburgerli, geht sie zur Konditorei Oberweis. Deren Macarons und Törtchen sind mindestens so gut wie jene von Sprüngli in Zürich – nur schliessen viele Luxemburger Läden breits um 18 Uhr. Aber auch dafür hat Andrea Scheller einen Tipp: «Wenn man danach etwas zu feiern hat, sollte man im Restaurant der mehrfach prämierten Spitzenköchin Léa Linster essen gehen.»

Kartenausschnitt mit Luxemburg
Kartenausschnitt mit Luxemburg

Die Recherche dieser Reise wurde unterstützt vom Landesverkehrsamt Luxemburg
www.visitluxembourg.com

Bilder: Reto Wild

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