27. Dezember 2018

Ansgar Gmür: «Ich bin ein gottbegnadeter Redner»

Im Traum sagte man ihm voraus, dass er eines Tages Pfarrer werden würde. Bald ist es für Ansgar Gmür soweit: Der frisch pensionierte Chef des Hauseigentümerverbands studiert Theologie. Blondinenwitze will der gewiefte Rhetoriker in der Kirche nicht erzählen, seine biblische Botschaft spritzig rüberbringen hingegen schon.

Ansgar Gmür
Sass in jungen Jahren auch mal an der Migros-Kasse: der angehende Pfarrer Ansgar Gmür

Ansgar Gmür, was haben Sie vergangene Nacht geträumt?
Letzte Nacht nichts. Vorletzte Nacht diskutierte ich mit diversen Leuten. Ich erinnere mich bloss, dass wir uns nicht einig waren. Schlafen ist übrigens mein Hobby. Unter acht Stunden Schlaf, da bin ich tot. Am Wochenende gern zwölf Stunden. Ich könnte hier gleich einschlafen.


Wir hoffen sehr, Sie wachhalten zu können. Eines Nachts träumten Sie, dass Sie Pfarrer werden sollten.
Ja, in diesem Traum war ich am Fischen. Sehr erfolgreich. Als der Teich leer war, dachte ich: Gut, jetzt bin ich fertig. Da hörte ich eine Stimme: «Es hat noch viel grössere Fische. Schau richtig hin.» Ich schaute genauer hin, sah die grösseren Fische und dachte: Was mache ich mit denen? «Du wirst Menschen-Fischer», sagte die Stimme. Ich dachte «aha» – und erwachte.


Wie interpretierten Sie das?
Es war eindeutig.


Helfen Sie uns.
Die Fische, die ich an Land zog, waren materielle Fische. Als «Menschen-Fischer» hingegen sollte ich Menschen für den Glauben gewinnen. Ich befasste mich immer mit der Frage: Was mache ich nach der Pensionierung? Da ich ein gottbegnadeter Redner bin, wusste ich: Eines Tages werde ich dieses Talent für Gott einsetzen können, schliesslich hat er es mir verliehen. Ich will ja nicht, dass er mich, wenn ich oben ankomme, fragt: «Was hast du aus deinen Talenten gemacht?» Und ich ihm antworten muss: «Geld.» (lacht) Denn dann wird er zu Recht fragen: «Und für mich?» «Eigentlich herzlich wenig», wäre die Antwort. Das wurde mir in dem Moment bewusst.


Als Menschen-Fischer möchten Sie vor allem Geschäftsleute ansprechen. Warum?
Geht ein normaler Pfarrer auf Geschäftsleute zu, denken die: Sie sind ja ein guter Typ, aber Sie mussten noch nie Umsatz und Gewinne bolzen. Ich aber verstehe die Geschäftsleute. Auch ich musste jedes Jahr am 31. Dezember um Mitternacht die Zähler auf null stellen und loslegen. Den Geschäftsleuten kann ich sagen: Ich weiss, in welcher Situation ihr euch befindet.

Was können Sie den Geschäftsleuten in der Kirche mitgeben?
Es geht nicht bloss um den Mammon. Ich weiss auch, wie einfach man dem Ehrgeiz erliegt, Geld zu verdienen. Meine Frau nennt mich manchmal einen Getriebenen. Ich denke, das hat auch mit meiner Biografie zu tun. Wir lebten auf einem Bergheimatli und kannten nichts anderes als arbeiten, arbeiten, arbeiten. Den Geschäftsleuten in der Kirche würde ich sagen: Ihr wart erfolgreich. Aber seid ihr euch bewusst, dass es damit irgendwann vorbei ist? Ihr seid mit nichts gekommen und geht mit nichts. Geld verdienen ist nicht schlecht, reich sein auch nicht. Entscheidend ist, was ihr daraus macht.

Die Leute wollen von Gott hören, wie sie leben sollen. Und nicht, wie sie abstimmen sollen.


Was ist Ihre Aufgabe als Pfarrer?
Ich möchte ein Hirte sein. Ich möchte das Evangelium rüberbringen und für die Leute da sein. Und nicht politisieren, wie es viele Pfarrer heute tun. Das finde ich völlig daneben. Denn im Evangelium findet sich nicht viel Politik. Die Leute wollen von Gott hören, wie sie leben sollen. Und nicht, wie sie abstimmen sollen. Das wissen sie bereits. Auch wenn es in der heutigen Zeit schwierig ist, eine Kirche zu füllen, glaube ich daran.


Ihr Ziel ist eine volle Kirche?
Ja, sicher. Aber nicht für mich. Auch wenn das meinem Ego schmeicheln würde. Meine Frau weist mich da immer wieder zurecht.


Sie waren Nachtportier, Taxifahrer, Kassierer, Lehrer, Ausbildner, Richter, Bauchredner, Tenor, Direktor des Hauseigentümerverbands. Wo haben Sie am meisten gelernt?
Ich habe überall gelernt – das ist eine Einstellungssache. Auch wenn ich als Kassierer bei der Migros einen Routinejob erledigte, lernte ich dabei, wie die Leute sind. Das war mein strengster Job.


Warum?
Mit der einen Hand tippen Sie, mit der anderen tragen Sie Tonnen. Manche Hausfrauen studierten den Kassenzettel und herrschten mich dann an: «Da haben Sie 15 Rappen zu viel getippt!» Männer haben nie reklamiert, das war ihnen egal.


Frauen waren schwieriger als Männer?
Nein. Frauen sind genauer – und das ist auch gut so. Das ist ihre Stärke. Ich bin froh, dass meine Frau sehr genau ist, auch wenn das zu Konflikten führt.


Sie finanzierten Ihr Studium, indem Sie im Nebenjob Taxi fuhren. Wie war das?
Ich hatte mit ganz unterschiedlichen Leuten zu tun: Prostituierte beschimpften mich, weil sie die Fahrkosten nicht zahlen wollten. Paare stritten sich bei mir im Taxi. Er: «Du bist nichts wert.» Sie: «Mein Freund ist besser im Bett als du.» Ein Erlebnis ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Ich fuhr einen reichen Herrn in eine herrschaftliche Villa. In der Einfahrt stand ein grosser Audi, und seine Frau hiess ihn mit den Worten willkommen, dass sie eine Zusatzgarage bräuchten. Die Fahrt kostete 16.80 Franken. Wie viel, denken Sie, hat er bezahlt?


16.80 Franken?
Genau. Da lernte ich die Reichen kennen. Ein Büezer hätte auf 20 Stutz aufgerundet.


Welchem Job trauern Sie nach?
Jeder hatte etwas Tolles. Nachtrauern tue ich keinem. Da halte ich mich an die Bibel, in der es heisst: Weinen hat seine Zeit, und Lachen hat seine Zeit; Klagen hat seine Zeit, und Tanzen hat seine Zeit. Fragen Sie doch nach der besten Zeit.


Die da war?
Beim Textilverband. Ich war Vizedirektor und nicht Chef. Der musste den «Scheiss» erledigen. Ich konnte schön arbeiten und um 17 Uhr nach Hause zu meinen Kindern gehen. Diese waren damals klein – und es war toll, Zeit mit ihnen zu verbringen.


Ein bewegtes Leben mit vielen Stationen. Wie konnte es sein, dass Sie 18 Jahre lang beim gleichen Arbeitgeber geblieben sind?
Weil ich beim Hauseigentümerverband (HEV) viel bewegen konnte. Ich durfte eine erneuerte Zeitung herausgeben, riss viele Projekte an, die ich dann auch abschliessen wollte. Wie die Initiative zur Eigenmietwert-Abschaffung. Innerhalb von viereinhalb Monaten sammelten wir gut 140 000 Unterschriften.


Was haben Sie für den HEV erreicht?
Als ich die Leitung übernahm, war der Hauseigentümerverband vielen unbekannt. Heute ist er allen ein Begriff. Durch die wachsende Bekanntheit und Grösse ist er politisch gewichtiger geworden. Dafür habe ich viel Hintergrundarbeit geleistet. Wirklich stolz bin ich, dass ich vor 16 Jahren das «Bankenmonopol» bei den Hypotheken brechen konnte. Davon profitieren heute alle Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer.

Für mich persönlich war es wichtig, nach dem 150-Prozent-Job ausgefüllt zu sein. Und das bin ich an der Uni. Sonst wäre ich zum Problemfall geworden.


Jetzt sind Sie frisch pensioniert. Wie fühlt sich das an?
Sehr speziell. Viele sprechen mich auf mein Theologiestudium an und gratulieren mir zu diesem Schritt. Dabei hätte ich erwartet, dass manche die Nase rümpfen würden. Für mich persönlich war es wichtig, nach dem 150-Prozent-Job ausgefüllt zu sein. Und das bin ich an der Uni. Sonst wäre ich zum Problemfall geworden.


Ihre Frau ist wohl nicht unglücklich, dass Sie beschäftigt sind?
Nachdem meine Frau 20 Jahre lang zu Hause geblieben ist, schliesst sie in Kürze ihr Psychologiestudium ab. Jetzt löse ich sie ab. Ich bewundere das Mädchen.


Mädchen?
Na ja, sie sieht so jung aus. Wollen Sie ein Bild sehen? Sie ist 56 und sieht noch so toll aus! Unsere drei Töchter kommen alle nach ihr. Zum Glück. Zwei wohnen noch zu Hause, die Jüngste zog aus, als sie als Notfallärztin dienstete. Alle drei Töchter haben bald einen Doktortitel, und auch unser Hund will jetzt doktorieren – er will schliesslich nicht der letzte Tubel im Haushalt sein. (lacht) Wenn ich sage, meine Töchter leben noch zu Hause, dann denken alle: Der muss hässliche Töchter haben. Aber sie haben die Schönheit und Intelligenz der Mutter. Was war noch mal die Frage?


Wie Sie Ihre Pensionierung erleben.
Es ist speziell, wieder Student zu sein. Ich habe bereits vor zwei Jahren mit Althebräisch an der Uni begonnen, das ist wirklich sehr schwierig. Dann habe ich mich durchs Altgriechisch gekämpft. Ich wollte diese Hürden vor dem Vollstudium nehmen. Hätte ich die Prüfungen in den alten Sprachen nicht bestanden, wäre das Theologiestudium nicht infrage gekommen. Ich bin kein Sprachengenie und musste jeden Tag hinhocken und büffeln …


… um eines Tages Pfarrer zu werden.
Ja, aber eine Gemeinde werde ich nicht übernehmen. Ich war 26 Jahre lang Chef, das reicht.


Sie könnten sich einfach ausruhen, viel schlafen in Ihrem Zehn-Zimmer-Haus, Zeit mit Ihrer Frau verbringen. Wieso tun Sie sich das Bibelbüffeln an?
Es gibt Leute, die «selbsternannte Pfarrer» sind. Das kann ich mir nicht vorstellen: Ich möchte die richtige Basis zum Predigen haben. Dafür muss ich wissen, was Luther, Zwingli, Kant und Aristoteles gesagt haben.


Machen Sie auch mal Pause?
Ja, dann schlafe ich, jasse mit der Familie oder gehe mit dem Hund raus. Ich habe seit Jahren nicht ferngesehen und gehe nicht ins Kino. Da nutze ich die Zeit lieber anders und bleibe lebendig. An der Uni sitzen immer die Alten mit den Alten und die Jungen mit den Jungen zusammen. Ausser mir: Ich setze mich zu den Jungen. Mit denen habe ich es lustig. Ich fühle mich nicht so alt, wie ich bin.


Wie alt fühlen Sie sich denn?
Höchstens Mitte fünfzig. Sehe ich die Zahl 65, fühle ich mich gebrechlich. Mit der Pensionierung ist mir meine Endlichkeit sehr bewusst geworden. Bestenfalls habe ich noch 20 Jahre. Der Gedanke, dass jetzt der letzte Abschnitt begonnen hat, fährt mir ein.


Sie sind als jüngstes von sieben Kindern erzkatholisch aufgewachsen. Wie hat Sie das geprägt?
Damals war die Katholische Kirche eine Angstreligion. Wir mussten in die Kirche gehen. Wir gingen aber nicht ungern, denn wir waren Ministranten, das war eine Art sozialer Anlass. Als Bergbauern mussten wir heuen, Gülle austun, zäunen. Viele Leute hatten eine schwierige Jugend, ich wahrscheinlich auch. Aber man kann nicht das ganze Leben sagen, dass man deswegen nicht weitergekommen ist. Man muss das Leben selbst in die Hand nehmen und etwas daraus machen. Mein Bruder war Strafanwalt
und sagte jeweils: «Begehen wir einen Mord, kriegen wir nur bedingt – wegen unserer schweren Jugend.» Jetzt bin ich abgeschweift.


Warum sind Sie als Erwachsener aus der Kirche ausgetreten?
Wegen der Angst, die sie verbreitete. Ein Grundsatz missfiel mir sehr: Wenn du das und das machst, kommst du in die
Hölle. Ich wünschte mir ein befreiendes, kein bedrohendes Evangelium.


Wie wurden Sie wieder bekehrt?
1983 war ich zu Besuch bei den sogenannten Christlichen Geschäftsleuten. Ein amerikanischer Geschäftsmann hielt eine Predigt und sagte, wer an Gott und Jesus Christus glaube, solle aufstrecken. Ich erhob meine Hand. Er sprach mich als Gläubigen und als Geschäftsmann an – das entsprach mir.

Ich versuche einen schwierigen Spagat: Ich möchte eine Botschaft vermitteln und doch lustig, fröhlich und spritzig rüberkommen.


Sie wollen auch ein lustiger Pfarrer sein. Werden Sie in der Kirche Blondinenwitze erzählen?
Nein, das liegt nicht drin. Ich versuche einen schwierigen Spagat: Ich möchte eine Botschaft vermitteln und doch lustig, fröhlich und spritzig rüberkommen. Das letzte Drittel meiner Predigt ist jeweils faktenreich und fadengrad. Ich will nicht
mit einem Witz in Erinnerung bleiben.


Hat Gott Humor?
Ja!


Woher wissen Sie das?
Sehen Sie sich um: Wie er gewisse Tiere erschaffen hat, das zeugt auf jeden Fall von Humor. Ich denke da zum Beispiel an Hängebauchschwein, Tapir oder Nasenbär.

Welches Verhältnis haben Sie zu Gott?
Ein inniges. Eine Beziehung zu Gott sollte gepflegt werden wie eine Beziehung zu einem Freund. Nur an Ostern und Weihnachten in die Kirche zu gehen, genügt nicht.


Führen Sie Zwiegespräche?
Ja, jeden Morgen und Abend. Ich höre auch gern christliche Musik und singe mit.


Und, kommt da etwas zurück?
Ja, ich bin gesegnet. Ohne Gottes Hilfe hätte ich nie eine solche Karriere gehabt, wäre materiell nicht so gut gestellt. Mein Haus konnte ich mir nur leisten, weil die Bank eine Million abgeschrieben hat. Und auch den nigelnagelneuen Mercedes, den ich mit 40 Prozent Rabatt erstanden habe, verdanke ich Gott. Meine Überzeugung ist: Ich hätte nie so viel bekommen, hätte ich nicht auch so viel gegeben. Ich trete Gott seit Jahren den Zehnten meines Lohns ab, sprich: Ich spende ihn armen Leuten. Aber das sollte man nicht rausposaunen.


Wie stellen Sie sich Gott vor?
Darüber streiten sich auch die Theologen. Niemand hat Gott je gesehen. Sähen wir nur einen kleinen Atemzug von Gott, sofern er denn atmet, wären wir tot. Gottes Gegenwart erträgt kein Mensch. Er ist so allmächtig, so allwissend, so gross. Könnte ich ihn mit meinem kleinen Menschenhirn erfassen, wäre er nicht mehr so gross. Gott übersteigt unser Vorstellungsvermögen.


Wie feiern Sie Weihnachten?
Als ich Kind war, beteten und sangen wir viel. Dann gab es irgendetwas Nützliches als Geschenk, wie einen Schirm oder einen Wecker. Als meine Mutter starb, erhielt ich erstmals ein Spielzeug geschenkt: eine Autobahn. Mit meiner Frau und den Kindern feierten wir im kleinen Kreis, bis unsere Töchter den Wunsch äusserten, einsame Menschen zur Feier einzuladen. Letztes Jahr waren wir 34 Leute in der Stube – ein Rekord. Wir haben zwei Festbänke aufgestellt und einen Tag lang gekocht.


Wie läuft der Heiligabend ab?
Wir essen nur Teures: Das beste Filet, den besten Lachs, den besten Wein. Alles für unsere Gäste! Nach dem Essen setzt sich meine Tochter Angelina ans Klavier, meine Frau nimmt die Gitarre zur Hand, und wir singen christliche Lieder. Dann beten wir, und jemand erzählt die Weihnachtsgeschichte. Zum Schluss kommt die Bescherung: Jeder erhält fünf bis sechs Geschenke.

Ich bin zu materiell, ich weiss. Das sollte ich ändern.


Materielles scheint Ihnen ja doch nicht ganz unwichtig zu sein.
(Lacht) Ich bin zu materiell, ich weiss. Das sollte ich ändern. Ich bin wohl so, weil wir früher nichts hatten.


Welchen Gedanken wollen Sie unseren Leserinnen und Lesern zu Weihnachten schenken?
Weihnachten ist der Anfang der Erlösung der Menschheit, die dann über den Kreuzestod und die Auferstehung von Jesus beginnt. Lesen Sie doch wieder einmal ganz bewusst in der Bibel und denken Sie darüber nach. Statt noch turbulenter unterwegs zu sein, schaffen Sie an Weihnachten Zeit für Ruhe. Und seien Sie einfach dankbar. Das war jetzt eine kleine Predigt.


Und was haben Sie für diejenigen, die jetzt einen Witz erwartet haben?
Es ging einer in die Buchhandlung und sagte: «Meine Frau ist krank, ich möchte ihr ein Buch kaufen.» – «Wollen Sie Belletristik?» –«Nein, danke.» – «Einen Liebesroman?» – «Aus dem Alter ist sie raus.» – «Einen Krimi?» – «Nein, sie soll sich nicht aufregen.» – «Etwas Religiöses?» – «Nein, so krank ist sie nicht.»

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