30. Juni 2017

Gorbatschow machte Jules Kyburz Eindruck

Der ehemalige Migros-Chef Jules Kyburz über die «goldenen» 1980er-Jahre, sein Treffen mit dem damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow – und Gottlieb Duttweilers immerwährende Thesen.

Jules Kyburz
Jules Kyburz arbeitete rund 60 Jahre für die Migros und leitete das Unternehmen in den 80er Jahren.
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Ende der 1980er-Jahre herrschte in der Schweiz Hochkonjunktur. Auf den Aufschwung folgte eine erste Börsen- und danach eine Immobilienkrise. Wie war das damals für die Migros?
Wir haben Krisen nie als solche erlebt. Bei uns hatte eine Krise die Auswirkung, dass wir vielleicht ein Prozent weniger Mehrumsatz hatten. In meiner ganzen Zeit bei der Migros kann ich mich an keine Krise erinnern.

Weshalb war die Migros nicht betroffen?
Das hat mit dem Geschäft zu tun. Wenn wir weit zurückgehen, dann bestand der Migros-Umsatz zu 100 Prozent aus Lebensmitteln. Dieser Anteil ist zwar nach und nach zurückgegangen. Aber gegessen wird auch in Krisenzeiten, deshalb spürten wir Krisen nie direkt.

Auch nicht in den 1970er-Jahren? Das war doch eine Zeit der grossen Krisen. Energiekrise, Terrorismus, die Grenzen des Wachstums.
Ich habe es nicht so in Erinnerung. Ich war von morgens bis abends ein positiver Mensch. Es ist immer nur aufwärtsgegangen. Ich habe eben auch die gute Zeit erwischt. Als ich zur Migros kam, machten wir 300 Millionen Franken Umsatz pro Jahr. Das machen wir heute in 3½ Tagen. Die Entwicklung war unglaublich.

Ich war dabei, als Gorbatschow von Bundesrat Kurt Furgler in Genf empfangen wurde.

Provokativ könnte man nun sagen: Die guten Manager erkennt man in schlechten Jahren.
Ich hatte nie ein schlechtes Jahr. Das hat mich durchs Leben begleitet. Als ich Filialleiter war, hatte ich immer die besten Umsatzzunahmen. Als Verkaufsleiter ebenfalls und als Geschäftsleiter der Migros Bern auch.

Sicher hatte das mit guter Arbeit und der Konjunktur zu tun, die für die Schweiz sehr vorteilhaft war. Aber gab es Grundsätze, die Ihre Arbeit geprägt haben?
Sie meinen Führungsgrundsätze?

Ja, zum Beispiel.
Das Wichtigste ist das Team.

Wie merkt man, dass das Team stimmt?
Die bekannten vier M: Man muss Menschen mögen.

Das klingt jetzt sehr einfach. Wie findet man die richtigen Personen?
Das ist schwierig zu sagen. Ich hatte immer Teams, die für mich durchs Feuer gegangen wären. Da kann man gar nicht verhindern, dass man Erfolg hat. Dabei muss man aber nicht seinen eigenen Erfolg suchen. Ich habe immer gesagt, dass es fünf Leute braucht, um eine Firma zu führen, egal, wie gross sie ist. Du musst den Erfolg dieser fünf Leute suchen. Dann erntest du als Chef den Erfolg, ohne viel beitragen zu müssen. Es ist relativ einfach.

Kommen wir zurück zu den 1980er-Jahren. Wie haben Sie die Öffnung und den Umbau des Ostblocks unter dem damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow erlebt?
Ich war dabei, als Gorbatschow von Bundesrat Kurt Furgler in Genf empfangen wurde. Es war ein Empfang beim Roten Kreuz mit einer kleinen Gästeschar. Ich weiss gar nicht, warum ich eingeladen wurde (lacht).

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Welchen Eindruck hatten Sie von Michail Gorbatschow?
Er hat einen starken Eindruck gemacht. Aber natürlich auch wegen der historischen Ereignisse. Die Geschichte prägt ja eine Persönlichkeit.

Als sich Osteuropa öffnete, hatte man den Eindruck, dass die ganze westliche Wirtschaft in den Osten expandieren wollte. Weshalb tat die Migros das nicht?
Das durfte man nach unseren Statuten gar nicht. Deshalb war das nie ein Thema – obwohl wir gute Verbindungen gehabt hätten. Denn zwischen 1960 und 1970 bildeten wir Leute aus Osteuropa aus. Ich war damals Verkaufschef der Migros St. Gallen. Es kamen immer rund zwölf Personen, wir hatten sogar eigene Wohnungen für sie. Wir bildeten die Leute aus, dann fuhren sie wieder nach Hause.

War die internationale Politik ein Thema in den Verwaltungssitzungen der Migros?
Politik waren für uns die Waren- und Finanzmärkte. Die grösste politische Diskussion in der Verwaltung gab es immer, wenn es um den Kredit für den Landesring der Unabhängigen ging.

Die Migros ist eine kleine Schweiz.

Gab es Leute, die sich gegen das politische Engagement der Migros stellten?
Ja, da musste man richtiggehend kämpfen. Wenn man nicht selber ein gewisses Gewicht gehabt hätte in der Verwaltung, wäre das abgeklemmt worden.

Das heisst, dass Sie dafür gekämpft haben?
Ich habe wohl am meisten dafür gekämpft.

Weil Sie das Gefühl hatten, die Migros müsse Politik betreiben?
Der Hauptgrund war, glaube ich, der, dass der Landesring von Gottlieb Duttweiler gegründet worden war. Weil Dutti auf dem politischen Parkett bekämpft wurde, sagte er: Du musst den Kampf dort führen, wo er stattfindet. Also musste er in die Politik. Mich hat das geprägt. All die politischen Kämpfe von Dutti habe ich erlebt. In der Verwaltung sass nicht mehr mancher, dem das so ging. Aber je grösser eine Firma wird, desto weniger muss sie eine Partei haben. Und irgendwann ist die Firma so gross, dass sie keine Partei mehr verträgt. Diese Meinung ist immer stärker geworden, bis sie eine Mehrheit hatte. Heute bin ich auch dieser Meinung. Es wäre undenkbar, dass im eidgenössischen Parlament fünf Vertreter von Novartis, fünf von der Roche und zehn von der Migros sitzen würden.

Finden Sie auch, dass die Migros ein Spiegel der Schweiz ist? Mit der wirtschaftlichen Entwicklung, den komplexen Strukturen, dem Föderalismus?
Ja, die Migros ist eine kleine Schweiz. Sie ist ja auch so organisiert wie das Land.

Wurde sie von Gottlieb Duttweiler bewusst so organisiert?
Ja. Die Delegiertenversammlung ist die Bundesversammlung. Die Genossenschaften sind die Kantone. Die Delegation sind die Bundesräte. Es ist genau das Modell Schweiz, in dem niemand etwas allein entscheiden kann.

Müsste man Duttweilers Grundsätze und Thesen nicht einmal revidieren und dem Zeitgeist anpassen? Oder haben sie Bestand für die Ewigkeit?
Ich glaube nicht, dass man sie anpassen muss. Sie sind eine Art moralisches Testament. So heisst es zum Beispiel: «Das Frauenherz ist der sicherste Aufbewahrungsort unseres Ideengutes.» Was soll man da ändern? Das zeigt, dass Dutti der Erste war, der die Frauen beigezogen hat. Und ebenfalls wichtig: «Grosswerden muss in der Demokratie abverdient werden.» Was gibt es da zu ändern? «Keine Beteiligung an Umsatz oder Gewinn.» Es ist doch verrückt, dass Duttweiler schon 1957 die Problematik von Boni erkannte, bevor es das Wort überhaupt gab.

Sie erinnern sich ehrfürchtig an Gottlieb Duttweiler.
Ja, natürlich. Ich habe die Migros noch zehn Jahre unter ihm erlebt. Allerdings war er ganz oben und ich ganz unten. Ich hatte mit ihm also kaum zu tun. Aber in jedem unserer Führungskurse kam Dutti jeweils in der letzten Stunde kurz vorbei. Das machte uns natürlich wahnsinnig Eindruck. Und als ich in Zug Marktleiter war, kam er praktisch jeden Samstag zwischen zwei und halb drei Uhr mit seiner Frau Adele in die Filiale. Dann kauften sie sich eine Glace: Er bekam ein paar Schlecke, dann sie (lacht).

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