18. März 2019

Goodbye, Olivia!

Bänz Friedli wundert sich über eine kurze Begegnung. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Piste Falera

«Hi, I’m Olivia!» Forsch und ziemlich überraschend kam es unter dem grossen Helm und hinter der dicken Skibrille hervor: Olivia stellte sich mir vor, sie sass neben mir auf dem Sessellift, und ich hätte nicht erwartet, dass das kleine Mädchen mich anspricht. Eben noch hatte ich mich gewundert, dass sie sich überhaupt allein auf den Lift getraute. Und die gewitzte Technik bestaunt, mittels der sie, die dazu eigentlich zu klein war, sich rittlings auf den Sessel katapultierte. Kaum waren wir nun losgefahren, platzte sie mit der Information heraus, die ich schon dem Kleber auf ihrem Helm entnommen hatte, mit dem jedes Skischulkind benamst ist: dass sie Olivia heisse.

«Bist du erkältet?», fragte sie in elastischem Englisch. «Nein, eigentlich nicht», gab ich zurück. «Du siehst aber krank aus», erwiderte sie, «oder bist du nur alt?» Und ­vermutlich hat man mein lautes Lachen bis nach Falera hinunter gehört. «Ich bin wohl nur alt.» – «Wie alt?» – «Bald vierundfünfzig.» Nun schrie Olivia es förmlich in die Schneelandschaft hinaus: «Oh! My! God! Sooo alt? Dann bist du älter als Daddy. Und der ist uralt. Er wird nächste Woche vierzig.»

Über meine Familie fragte Olivia mich aus, meine Stadt. Sie erzählte, dass sie in Australien lebe, bald sieben werde und in wenigen Monaten zur Schule komme. Später wolle sie auch snowboarden, wie ich. «Dann kannst du ja bei euch daheim mal das Surfen auf den Wellen ausprobieren», schlug ich vor. «Viel zu gefährlich, wegen der Haie», fand Olivia. In der kurzen Zeit brachte sie mich zum Lachen und zum Nachdenken. Denn es war mehr als die übliche Drolligkeit, die vorlauten Kindern eigen ist. Olivia strahlte Lebensweisheit und Heiterkeit aus. Wie offen sie mir, dem Wildfremden, begegnete! Sie wurde mir eine gute Freundin für die Dauer von ­sieben, vielleicht acht Fahrminuten. Oben half ich ihr noch vom Sessel, holte ihre Ski aus der Halterung … Und fort war sie.

Seither muss ich oft an das kleine Mädchen denken. Und ich trage ihr Bild im Herzen, jetzt, in den Frühling hinein. Das feste schwarze Haar, die dunklen Augen, die zum Vorschein kamen, als sie die Skibrille hochschob. Ihre Unerschrockenheit, ihre Entschlossenheit.

Ich hoffe, es geht dir gut, liebe Olivia, nun, im australischen Herbst, der bald Winter wird. Du wirst ein gutes Leben haben und in vielen Menschen Freude wecken. Du musst das nicht wissen, aber ich sage es dir trotzdem; jeden Morgen schmunzle ich beim Blick in den Spiegel und murmle: «Du siehst krank aus – oder bist du nur alt?»

Bänz Friedli live: 22. 3. Weinfelden TG, 29./30. 3. Olten SO

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