17. September 2019

Goldstücke im Wald

Ob Steinpilze oder Eierschwämmli: Unsere Wälder geben wunderbare Delikatessen her. Sie zu suchen, ist noch besser als wellnessen. Und so findet man sie.

Grosse Beute: Autorin Yvonne Samaritani sucht mit ihrer Familie im Wald regelmässig Pilze.
Grosse Beute: Autorin Yvonne Samaritani sucht mit ihrer Familie im Wald regelmässig Pilze.
Lesezeit 4 Minuten

Unter dunklen Tannen, irgendwo im Berner Oberland an einem Freitagmorgen. Der Wald liegt noch im Schatten der hohen Berge, bis aufs Dü-Da-Do des Postautos ist es mucksmäuschenstill. Wir streifen durch das dichte Geäst zu einer versteckten Lichtung. Es riecht schon herbstlich modrig. Feucht. Aus dem moosbedeckten Boden spriessen Kunstwerke. Gelbe, braune, orange, weisse, violette und rote Pilze. Das ist ein gutes Zeichen: Wo die ungeniessbaren, die giftigen und die unbekannten stehen, da sind die gesuchten Delikatessen meist nicht weit.

Meine Familie sammelt seit Generationen nur Steinpilze und Eierschwämmli. Für uns sind sie die Allerbesten. Wagnisse gehen wir nicht ein, Experimente schon gar nicht. Heisst: Wir halten nur Ausschau nach Eidottergelb und Kartoffelbraun. Alle anderen Launen der Natur bestaunen wir, aber wir pflücken sie nicht. Wir berühren sie nicht einmal. Eierschwämmli leuchten tatsächlich wie kleine Eidotter auf dem Waldboden. Oder wie Goldstücke.

Wer findet welchen Pilz?

Das Schöne am Eierschwamm: Wer einen findet, stösst nicht selten gleich auf einen ganzen Schatz. Es lohnt sich, das unterirdische Netz zu erraten, das die Pilze spinnen. Meist findet sich nicht unweit ein weiterer und noch einer und noch einer – als würden Eierschwämmli den Hang hinunterfliessen. Das mit dem Goldschatzsuchen funktioniert übrigens wunderbar als Motivator für kleine Pilzsammler.

Mit dem Pilzmesser schneidet man den Eierschwamm aus dem Boden. Je grösser der Pilz, desto tiefer, denn der Stiel ist genauso schmackhaft wie der Hut. Pilze boden­eben zu schneiden, ist also schade. Den Steinpilz legt man am ­einfachsten von Hand frei, greift ihn mit beiden Händen so tief wie möglich und dreht ihn aus der Erde heraus. Die hängen gebliebene Erde kann man mit dem Pilzmesser abputzen.

Steinpilze entdeckt man meist nicht auf den ersten Blick, aber wo einer ist, finden sich oft noch mehr. Gerüstet werden sie gleich am Fundort – so gibt man dem Wald das zurück, was man sowieso nicht essen wird
Steinpilze entdeckt man meist nicht auf den ersten Blick, aber wo einer ist, finden sich oft noch mehr. Gerüstet werden sie gleich am Fundort – so gibt man dem Wald das zurück, was man sowieso nicht essen wird.

Wahrscheinlich gibt es keine Studie dazu, ob manche Menschen eine besondere Nase für ganz bestimmte Pilze haben. In unserer Familie ist es aber klar aufgeteilt: Die einen sind Eierschwämmli-Champions, die anderen Steinpilz-Champions. Vielleicht hat das mit dem Sehvermögen zu tun, vielleicht auch tatsächlich mit dem richtigen Riecher. Auf jeden Fall leuchten Steinpilze leider nicht wie Goldstückchen. Gefärbt wie ungewaschene Kartoffeln, der Tannen. Wer sie dort aufspürt, hat aber im Nu einen schweren Fund zusammen.

Auch fürs «Pilzlen» gelten Regeln

Apropos schwer: Es ist kantonal geregelt, wie viel gesammelt werden darf. Im Kanton Zürich etwa ist es maximal ein Kilo pro Person, im Kanton Bern sind es zwei. Und bevor man loszieht: sich unbedingt über die Schonzeiten informieren! In vielen Kantonen (etwa in Zürich und Graubünden) gilt vom ersten bis zum zehnten des Monats ein absolutes Sammelverbot. Die gefundenen Schätze sollte man in einem Korb oder in einer Stofftasche mit sich tragen, nie aber in einer Tasche, die keinen Sauerstoff durchlässt.
Nach drei Stunden hat jeder einen Sack voll Gold und Kartoffeln gefunden. Die besten Plätze bleiben ein Familiengeheimnis.

Erfolgreiche Suche: Es ist kantonal geregelt, wie viele Kilo pro Person maximal gesammelt werden dürfen.
Erfolgreiche Suche: Es ist kantonal geregelt, wie viele Kilo pro Person maximal gesammelt werden dürfen.

Neue Fundplätze markieren wir mit einem Sternchen auf Google Maps, damit wir sie wiederfinden. Nach 2018 ist auch 2019 ein herrliches Pilzjahr. Wir mussten uns auch schon mit viel geringerer Beute begnügen. Eins bleibt sich aber immer gleich: Gemächlich durch den Wald wandern, ganz auf Sehen und Riechen konzentriert, dabei keiner Menschenseele begegnen und die Zeit vergessen – das erdet und entspannt noch besser als Wellnessen. Fragen Sie mal unseren Sohn, der nickt dabei in der Kindertrage immer ein.

Wir gönnen ihm einen ruhigen Schlaf und pausieren alle. Wir setzen uns auf einen Baumstamm und rüsten Pilze. So ­geben wir dem Waldboden all das zurück, was wir sowieso nicht essen würden: das erdige Ende des Stiels und Stücke des Pilzes, die kleine Löcher aufweisen. Diese sind der sichere Garant, dass da schon andere Gourmets, namentlich Maden, am Werk sind. Inzwischen erhellt die Sonne die Waldlichtung. Eigentlich wollen wir gerade in Richtung Tal aufbrechen. Da leuchtet in einem Sonnenstrahl just ein weiteres Goldstück auf. 

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