25. Juni 2018

Glotzen ist menschlich

Die Berichte über Unfälle mit Schaulustigen mehren sich. Gaffer hat es schon immer gegeben, aber heute wird aufdringlicher geglotzt.

Schaulustiger macht ein Foto von Unfallopfern
Wenn das Foto wichtiger ist als Hilfe: Schaulustiger, der Fotos von einem Unfall macht.
Lesezeit 3 Minuten

Ein VW-Bus rollt auf eine Kreuzung zu und wartet an der roten Ampel. Plötzlich knallt es, und die Reifen des Busses beginnen zu brennen. Noch bevor in der Nachbarschaft der beissende Geruch wahrgenommen wird, stehen die Ersten am Strassenrand und fotografieren. Die Fotos wird man einen Tag später in «20 Minuten» sehen, zur Verfügung gestellt von Leserreportern.

«Gaffer gab es schon immer», sagt Markus Huggler, Leiter des Rettungsdienstes Winterthur. «Neu ist aber die Aufdringlichkeit, mit der Passanten die Szenerie beobachten.» Das bestätigt auch Frank Rüfenacht, stellvertretender Chef Verkehr bei der Kantonspolizei Bern.

Beide halten fest, dass sie meist nicht in der Lage seien, die Gaffer zurechtzuweisen: Ihre Aufmerksamkeit gelte den Opfern, der Sicherung der Unfallstelle und der Tatbestandsaufnahme. «Durch die Gaffer werden wir zwar nicht grundsätzlich in unserer Arbeit gestört, allerdings wird durch das Fotografieren zum Teil hart in die Privatsphäre der Verunfallten eingegriffen», sagt Huggler.

Ist die Rega involviert, kommt es zu einer anderen Situation: Da gebe es zwar auch Gaffer, «die sind aber meistens am Rega-Heli interessiert und machen davon Fotos – nicht von den Verunfallten», sagt Rega-Sprecher Adrian Schindler. Die Bilder würden ihnen dann oft zugeschickt, als Wertschätzung ihrer Arbeit, sagt er.

Nashörner gaffen auch

Warum zückt das Handy und filmt oder fotografiert, wer Zeuge eines Unfalls wird? Heute wolle man sich von anderen abheben und berühmt sein, sagt der Fachpsychologe FSP Jakob Scherrer. «Einerseits wurde dies einfacher durch die neuen technischen Mittel, anderseits wird dieses Verhalten von den Medien verstärkt und auch belohnt.»

Für die Leser springt meist Geld raus, wenn ihr Bild verwendet wird. Aber vor allem können sie sich damit brüsten, wenn ihre Aufnahmen veröffentlicht werden. «Wenn etwas passiert, schauen wir hin, das ist ein natürliches menschliches Verhalten», sagt Scherrer. «Und übrigens ist das auch im Tierreich so: bei Affen oder Nashörnern zum Beispiel.»

Anstand auf die Probe gestellt

Dass nicht alle stehen bleiben und Fotos machen, liege am Anstand, den man gelernt habe und der als Kontrollmechanismus wirke. «Trotzdem wird das Bedürfnis, einen Unfall festzuhalten, durch das Smartphone verstärkt. Die meisten Menschen sind aber in erster Linie einfach betroffen, wenn sie einen Unfall beobachten», sagt Scherrer. Diese Betroffenheit könne auch blockieren – aber bei den meisten stünde die Hilfe klar an erster Stelle und definitiv vor dem Handybild.

Reines Gaffen ist nicht strafbar. Eine Anzeige droht aber, wenn man am Steuer fotografiert oder filmt. Und damit die Aufmerksamkeit vernachlässigt. Oder wenn man dermassen langsam fährt, dass der übrige Verkehr behindert wird, so Frank Rüfenacht von der Kapo Bern. Wer Fotos von Unfallopfern veröffentlicht, verletzt möglicherweise deren Privatsphäre, was ebenfalls juristische Konsequenzen haben kann.

«Beobachtet man einen Unfall, soll zuerst der Unfallort gesichert werden», sagt Markus Huggler vom Rettungsdienst Winterthur. «Danach gern das Handy zücken. Aber nicht etwa, um ein Foto zu machen, sondern um die Rettungsdienste zu alarmieren.»

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