11. Juni 2019

Gleichstellung: Das sagen Migros-Frauen

Am 14. Juni gehen Frauen in der Schweiz für die Gleichstellung auf die Strasse. Sechs Migros-Angestellte über Chancengleichheit und was die grösste Arbeitgeberin im Land für die Frauenförderung tut – und noch tun sollte.

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Hat Privates und Berufliches immer unter einen Hut bekommen: Patricia Cardamone Ricco, verantwortlich für die Milchprodukte-Abteilung in der Migros-Filiale Crissier. (Bild: Vera Hartmann)
Hat Privates und Berufliches immer unter einen Hut bekommen: Patricia Cardamone Ricco, verantwortlich für die Milchprodukte-Abteilung in der Migros-Filiale Crissier.

«Manchmal streike ich zuhause»

Patricia Cardamone Ricco (44) ist ein Migros-Kind durch und durch. Sie hat bei der Migros die Lehre als Fachfrau Detailhandel gemacht und arbeitet seither beim orangen M. Kurz nach Abschluss der Lehre wurde sie zur Leiterin der Abteilung Milchprodukte ernannt. Von da an ging es für sie weiter aufwärts auf der Karriereleiter, stets in gleicher Funktion, aber in immer grösseren Filialen. «Dabei bekam ich jedes Mal mehr Verantwortung und auch einen höheren Lohn.» Cardamone kann aus eigener Erfahrung» sagen: «Frauen haben in der Migros einen hohen Stellenwert und können sich weiterentwickeln.» Das gelte auch für Mütter. «Ich habe Privates und Berufliches immer unter einen Hut bekommen, zumal ich nach der Geburt meines zweiten Kindes in Teilzeit arbeiten konnte.» Heute sind ihre Söhne erwachsen, und sie arbeitet wieder hundert Prozent.

Im Allgemeinen, sagt Cardamone, müssten sich ihrer Ansicht nach Frauen im Berufsleben mehr anstrengen als Männer, um Anerkennung zu finden. «Die Geschlechter sind noch immer nicht vollständig gleichgestellt, es gibt noch viel zu tun. Auch in der Familie.» Darum warte sie auch nicht bis zum 14. Juni, um ihr Recht geltend zu machen: «Manchmal streike ich zu Hause, wenn meine Söhne mich wie ein Dienstmädchen behandeln.» Ausdrücklich lobt sie ihren Mann, der stets auf ihre Bedürfnisse Rücksicht nehme: «Er ist wirklich toll und hilft bei allen Arbeiten im Haushalt mit. Ich könnte nicht mit einem Mann ohne Sinn für Gleichberechtigung zusammenleben.»

Findet den Frauenstreik sinnvoll: Eliana Zamprogna Rosenfeld, Technologie-Chefin (CTO) M-Industrie. (Bild: Vera Hartmann
Findet den Frauenstreik sinnvoll: Eliana Zamprogna Rosenfeld, Technologie-Chefin (CTO) M-Industrie.

«Wir sollten darauf vertrauen, dass wir es können»

Eliana Zamprogna Rosenfeld (45) war schon im Studium von mehr Kollegen als Kolleginnen umgeben. «Als Chemie­Ingenieurin ist es keine Besonderheit, in Männerteams zu arbeiten.» Ihr wurde dabei klar: «Eine Frau muss hart arbeiten und viel leisten, um beruflich weiterzukommen. Gute Resultate sind die beste Visitenkarte», sagt sie. Mit dieser Devise und einem Doktortitel in der Tasche startete sie ihre Laufbahn bei einem Technologiekonzern. «Ich habe absichtlich stets in Teams gearbeitet, in denen Talent und gute Ergebnisse anerkannt werden.» Während der ersten Schwangerschaft absolvierte sie eine Managementausbildung. «Das war für manchen Kollegen zu viel.» Sie habe die geltenden Sozialkonventionen wahrgenommen, aber am Ende mit ihrer Familie selber entschieden, was im Beruf mit Kind möglich ist. «Wir Frauen sollten darauf vertrauen, dass wir es können.»

Seit zwei Jahren ist die 45-Jährige Technologie­Chefin der M-Industrie. Dabei beschäftigt sie sich mit Zukunftsfragen, beispielsweise wie wir uns gesund und nachhaltig ernähren werden. Auch die Diskussion über Frauen in Führungspositionen berge noch viel Potenzial, sagt sie. Es werde zwar viel diskutiert, aber Taten fehlten. «In vielen Führungsgremien
sind die Männer in der Mehrheit. Gibt es tatsächlich zu wenig kompetente Frauen für Führungsrollen?» Eine Firma, die Frauen fördere, verbessere die Diversität und damit ihre Ergebnisse. Das werde unterschätzt. Den Frauenstreik findet sie sinnvoll: «Er gibt dem Thema Gleichstellung die nötige Visibilität und Emotionalität, ähnlich wie beim Klimastreik.»

Wird nicht streiken: Conny Bircher, LKW-Fahrerin bei der Genossenschaft Migros Zürich. (Bild: Vera Hartmann)
Wird nicht streiken: Conny Bircher, LKW-Fahrerin bei der Genossenschaft Migros Zürich.

«Ich habe mich noch nie benachteiligt gefühlt»

Punkt 4 Uhr dockt Conny Bircher (34) den Auflieger an ihren Schlepper. Sie steckt Luft- und Kühlkabel ein und klettert in den Führerstand. Mit Brot, Milch, Käse, Joghurt, Früchten und Gemüse im Anhänger fährt sie die erste Filiale an. Bircher ist eine von drei Lastwagenfahrerinnen der Genossenschaft Migros Zürich. Sie hat 90 Kollegen. «Dass ich in einem Männerberuf tätig sein würde, hat mich nie abgeschreckt», sagt die Zürcherin. Während der Lehre als Detailhandelsfachangestellte fand sie Gefallen an den tonnenschweren Gefährten. «In meiner Freizeit bin ich mit den Chauffeuren, die uns belieferten, mitgefahren.» Sie bestellte einen Lernfahrausweis und wechselte in die Logistik.

Damals, vor elf Jahren, war sie eine Exotin in diesem Bereich. «Klar hätte ich gern mehr Kolleginnen», sagt sie, «aber ich habe es gut mit meinen Arbeitskollegen und werde akzeptiert.» Sie habe sich noch nie benachteiligt gefühlt – auch beim Thema Lohngleichheit nicht. Über den Frauenstreik und die Frage, ob ihr Job mit Familie vereinbar wäre, macht sich Bircher keine Gedanken. «Ich habe Spass am Fahren, das ist das Wichtigste», sagt sie, startet den Motor, löst die Bremse und fährt los.

Ging in der Warenpräsentation neue Wege: Violette Felder, früher Migros-Filialleiterin. (Bild: Vera Hartmann)
Ging in der Warenpräsentation neue Wege: Violette Felder, früher Migros-Filialleiterin.

«Ich war mit der Familie ausgelastet»

Als sie 1943 zur Migros kam, war Violette Felder (95) gerade mal 20 Jahre alt. Nach dem Verkäuferinnenseminar in Muttenz bekam sie eine Stelle in einer Zürcher Filiale, um kurz darauf als eine von wenigen Frauen eine «eigene» Filiale zu übernehmen. Oft arbeitete sie von morgens um 6 bis abends um 20 Uhr. Sie machte Inventur, löste Bestellungen aus, nahm Waren entgegen, führte Buch, dekorierte den Laden und bediente einen Grossteil der Kunden selbst. Eines Tages wurde sie zu einer Sitzung mit Gottlieb Duttweiler gerufen. Sie erzählt: «Ich hatte keine Ahnung, um was es ging, und war nervös. Alle Filialleiter der Stadt Zürich waren versammelt, die meisten davon gestandene Herren. Ich machte mich ganz klein, wollte auf keinen Fall auffallen. Duttweiler fragte, wie es sein könne, dass die meisten Filialen Umsatz verloren hätten, während meine Filiale Zuwachs verzeichnete.» Violette Felder wusste die Antwort: «Es lag an meiner damals noch ungewohnten Warenpräsentation.»

Während die Kundinnen und Kunden darauf warteten, bedient zu werden – in den frühen 40er-Jahren gab es noch keine Selbstbedienung –, schauten sie sich die Auslagen an. «Durch meine schönen Präsentationen animiert, kauften sie mehr ein als beabsichtigt.» Gottlieb Duttweiler habe an jener Sitzung versprochen, dass Frauen in den Filialen fortan den gleichen Lohn wie Männer erhalten würden, erinnert sich Violette Felder. Ihre Stelle bei der Migros kündigte sie 1948, als sie heiratete und eine Familie gründete. «Damit war ich ausgelastet, weil viel in Handarbeit erledigt werden musste.»

Bedient sich keiner Stereotypen: Hedy Graber, Leiterin der Direktion Kultur und Soziales beim Migros-Genossenschafts-Bund.  (Bild: Vera Hartmann)
Bedient sich keiner Stereotypen: Hedy Graber, Leiterin der Direktion Kultur und Soziales beim Migros-Genossenschafts-Bund.

«Es braucht neue Vorbilder und Modelle»

Gleichstellung und Chancengleichheit gehören für Hedy Graber (58) zum Alltag. «Wir haben den Auftrag, uns diesen Themen im gesellschaftlichen und sozialen Bereich anzunehmen», sagt die Leiterin der Direktion Kultur und Soziales beim Migros-Genossenschafts-Bund. Sie findet es schade, immer noch über das «Frauenthema» sprechen zu müssen. «Gleichzeitig ist es wichtig, darüber zu reden, da die Gleichstellung in vielen Punkten noch nicht umgesetzt ist.» Dass Lohndiskriminierung noch immer existiere, dafür gebe es kein Pardon. «Es ist zudem überfällig, die klas­sischen Rollenbilder von Frauen und Männern aufzubrechen.»

Stereotypen bedient Hedy Graber nicht, im Gegenteil: «Ich bin sehr darauf bedacht, dies zu vermeiden.» Das kommt nicht von ungefähr, denn sie hatte ein starkes Vorbild: Ihre Mutter war die erste Dirigentin der Schweiz. Graber selbst ging nach Genf, wo sie die Matura machte und anschliessend Kunstgeschichte, Germanistik und Fotografie studierte. Nach verschiedenen Tätigkeiten im Kunst- und Kulturbereich kam sie vor 15 Jahren zur Migros und wurde 2015 als Europäische Kulturmanagerin des Jahres ausgezeichnet.

Für Hedy Graber bedeutet Erfolg, nicht einfach so die Karriereleiter hochzusteigen, sondern Sinn in der Arbeit zu finden. «Ich will auch keinen Job bekommen, nur weil ich eine Frau bin», sagt sie und verrät damit, was sie von Frauenquoten hält. Dennoch: «Um Frauen weiterzubringen, braucht es Massnahmen: gute Vorbilder etwa, die zeigen, dass es möglich ist; Führungskräfte, die bei jeder Personalie fragen: ‹Wo sind die Frauen?›.» Und es brauche neue Modelle, die nicht bloss Frauen einbeziehen, sondern auch Männer. «Diese Modelle müssen umgesetzt ­werden – sie müssen Alltag werden.» Wie sie es bei Graber bereits sind: Ihr vierköpfiges Führungsteam besteht aus drei Frauen und einem Mann. ­«Ausser mir arbeiten alle in Teilzeit. Das ist zwar manchmal aufwendig zu organisieren, aber machbar und notwendig.»


Die Frauen sind für die Migros sehr wichtig

Vera Ramelet

Vera Ramelet, Diversitätsverantwortliche der Migros, über Gleichstellung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Setzt sich für Vielfalt ein: Vera Ramelet, Diversity & Inclusion-Verantwortliche beim Migros-Genossenschafts-Bund.
Setzt sich für Vielfalt ein: Vera Ramelet, Diversity & Inclusion-Verantwortliche beim Migros-Genossenschafts-Bund.

Vera Ramelet, 50 Prozent der Migros-Kunden sind Frauen. In den Führungsgremien sind Frauen aber untervertreten.

Frauen sind für die Migros sehr wichtig. Nicht nur, weil über 60 Prozent der Belegschaft weiblich sind, sondern auch, weil Frauen einen Grossteil der Kaufentscheide treffen. Wir konnten den Frauenanteil im Kader über die letzten Jahre kontinuierlich steigern. Mit Ursula Nold wird die Migros zudem bald eine Frau an der Spitze der Verwaltung haben. Aber es besteht selbstverständlich noch weiteres Potenzial.

Der Frauenstreik fordert Lohn, Zeit und Respekt. Wo steht die Migros hier?

Respektvoller Umgang und Gleichstellung sind für die Migros zentral. Wir haben diese Themen im Gesamtarbeitsvertrag, Verhaltenskodex und in der Unternehmenskultur verankert.

Was heisst das konkret, etwa beim Thema Lohn­gleichheit?

Gehälter werden bei uns nach Funktion, Erfahrung und Leistung festgelegt und nicht nach Geschlecht. Wir führen regelmässig Lohngleichheitsanalysen durch. Wenn wir Abweichungen feststellen, ana­lysieren wir diese mit den Vorgesetzten und veranlassen wo nötig Anpassungen.

Was hat die Migros bezüglich «Zeit und Respekt» erreicht?

Wir fördern zum Beispiel flexible Arbeitsmodelle. Beim Migros-Genossenschafts-Bund beteiligen wir uns an den Kinderbetreuungskosten und bieten kostenlose Familienberatung an. 2018 kehrten 78 Prozent der Frauen nach dem Mutterschaftsurlaub wieder an den Arbeitsplatz zurück, was fünf Prozent mehr sind als vor fünf Jahren. Unser Mutter- und Vaterschaftsurlaub ist deutlich länger als gesetzlich vorgeschrieben. Dies ist bedeutend, weil es uns wichtig ist – im Bestreben, Familie und ­Beruf besser zu verein­baren –, auch die Väter zu involvieren. Vereinbarkeit von ­Familie und Beruf betrifft beide Geschlechter.

Wo sehen Sie weiteren Handlungsbedarf?

Es ist mehrfach nachgewiesen, dass gemischte Teams erfolgreicher sind als einheitlich zusammengesetzte. Und da spreche ich nicht nur vom Geschlecht. Die Vielfalt zählt. Dafür müssen wir uns aber über gewohnte Denkmuster noch bewusster werden und lernen, ­unbewusste Voreingenommenheit zu vermeiden.

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