18. April 2016

Gewinner und Verlierer der Digitalisierung

Von KV über IT und Detailhandel bis zur Polizei: Sechs Porträts von Arbeitstätigen mit unterschiedlichen Zukunftsaussichten.

Jessica Wysser, KV-Mitarbeiterin

Jessica Wysser, KV-Mitarbeiterin
Jessica Wysser muss flexibel bleiben: Laut der Uni Oxford werden KV-Jobs in den nächsten 20 Jahren automatisiert (Wahrscheinlichkeit: 96 Prozent).

Jessica Wysser muss flexibel bleiben: Die Studie der Uni Oxford hat berechnet, dass KV-Jobs mit einer Wahrscheinlichkeit von 96% in den nächsten 20 Jahren automatisiert werden.

Im Grossraumbüro der Finanzabteilung der Migros Aare in Schönbühl BE wird konzentriert gearbeitet. Umso mehr als derzeit eine grosse Umstellung bei den Kreditoren naht: Die Einführung eines neuen E-Workflows, der ab August den gesamten Fakturen-Ablauf effizienter machen wird. Zudem sollen in naher Zukunft sämtliche Rechnungen die Buchhaltung rein elektronisch passieren. Mitverantwortlich für den reibungslosen Ablauf des Projekts ist Jessica Wysser (27), Leiterin Kreditoren. «Der Einführungsprozess wird viel Zeit in Anspruch nehmen und verschafft uns erst mal mehr Arbeit, bis dann Routine einkehren kann.» Prognosen für die weitere Zukunft sind schwierig. «Es kann schon sein, dass es in diesem Bereich irgendwann mal weniger Leute braucht, aber der persönliche Kontakt zum Beispiel mit den Lieferanten bleibt wichtig und kann nicht einfach so ersetzt werden», ist Wysser überzeugt. «Und die letzte Kontrolle liegt ohnehin immer beim Mensch.»

Man muss offen und flexibel sein, sonst hat man schon verloren.

Wysser kam auf einem Umweg zu ihrem Job. Sie hat zuerst sechs Jahre als Koch gearbeitet. Weil sie jedoch schon immer ein Flair für Zahlen und Planung hatte, machte sie dann doch noch eine KV-Lehre und ergatterte anschliessend 2013 eine Stelle in der Migros-Buchhaltung. Die damalige Teamleiterin förderte sie von Anfang an im Hinblick auf eine mögliche Kaderstelle. «Zuerst ohne mein Wissen, ich habe mich zu Beginn nur immer gewundert, warum ich alles können muss, während andere strikt ihr eigenes Gebiet hatten», sagt sie und lacht. Zusätzlich machte sie noch eine Weiterbildung zur diplomierten Betriebswirtschafterin und leitet nun seit Juli 2015 die Abteilung. «Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich, es dauert schon eine Weile, bis man alle Zusammenhänge versteht.»

Jessica Wysser hat sich bereits daran gewöhnt, dass sich ihre Arbeit stets verändert. «Schon heute lernen die Jungen im KV etwas anderes als ich.» Und sie ist sich bewusst, dass es auch so weitergehen wird. «Dafür muss man offen und flexibel sein, sonst hat man schon verloren», sagt sie. Grundsätzliche Sorgen macht sie sich nicht. «Die KV-Berufe werden sich sicher stark verändern, aber nicht verschwinden.» Ob sie selbst allerdings in 20 Jahren noch im gleichen Bereich arbeitet, ist völlig offen. «Ich betreibe jetzt schon in der Freizeit eine Bar, und wer weiss, vielleicht eröffne ich ja später mal mein eigenes Restaurant.» Die Buchhaltung hätte sie auf jeden Fall im Griff.

Daniel Buhmann, IT-Security

Daniel Buhmann, IT-Security-Spezialist
Daniel Buhmann hat Glück: Ohne menschliche IT-Experten gehts auch künftig nicht (Wahrscheinlichkeit der Automatisierung: 0,5 Prozent).

Daniel Buhmann hat Glück: Ohne menschliche IT-Experten gehts auch künftig nicht. Sein Job wird nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 0.5% automatisiert.

Daniel Buhmann (38) hat schon als Kind gerne am Computer getüftelt. Ein richtiger «Hacker» sei er nie gewesen, versichert er, aber es ist klar: Wenn er gewollt hätte, hätte er gekonnt. Heute ist der studierte Informatiker Buhmann bei der Koramis GmbH zuständig für die IT-Sicherheit von Industrieunternehmen – er beschützt die Firmen vor Hackern mit bösen Absichten. «Vielfach sind Unternehmen sich gar nicht bewusst, wie leicht es ist, in ihr System einzudringen.» Buhmann erzählt von einem öffentlichen Schwimmbad in Deutschland, bei dem sich die Temperatur des Kinderplanschbecken online auf 80 Grad hätten einstellen lassen. «Das haben wir den zuständigen Behörden gemeldet, die das Bad sofort geschlossen haben, bis diese Sicherheitslücke behoben war.»

Buhmann ist ein sogenannter White-Hat-Hacker, also einer, der quasi auf der Seite des Guten steht und Schutzmassnahmen gegen die Black-Hat-Hacker entwickelt, die versuchen Daten zu stehlen oder Firmen zu erpressen. Dann gibt es noch die Grey-Hats, die auch in Systeme eindringen, jedoch nicht zur persönlichen Bereicherung sondern für einen höheren Zweck. Edward Snowden zum Beispiel. «Er hat uns viele neue Kunden beschert», sagt Buhmann. «Viele sind sich erst durch ihn und seine Veröffentlichung der US-Spionageaktivitäten bewusst geworden, wie gross das Problem ist.»

Wir brauchen Leute, die gern tüfteln.

Die Koramis GmbH sitzt in Deutschland, hat aber in Zug eine Zweigstelle und in der Schweiz auch ein paar Dutzend Kunden. Familienvater Buhmann, der in der Nähe von Saarbrücken lebt, ist deshalb oft hierzulande unterwegs. Er leitet ein Team von 15 Personen. Die grösste Herausforderung in seinem Job ist es, stets auf dem Laufenden zu bleiben. «In unserer Branche verändert sich alles in rasendem Tempo, und die Black-Hats sind uns stets einen Schritt voraus.» Weiterbildung passiert also nicht einmal im Jahr, sondern praktisch jeden Tag.

Und die Branche sucht verzweifelt nach guten Leuten. «Das Problem ist, dass viele Junge heute eher IT-Konsumenten sind. Wir aber brauchen welche, die es lieben zu tüfteln, auszuprobieren und zu experimentieren.» Wer das gerne tut, hat eine vielversprechende berufliche Zukunft vor sich, schon jetzt werben die Firmen mit hohen Löhnen um sie. «Wir könnten problemlos doppelt so viele Leute beschäftigen», sagt Buhmann. «Und die Digitalisierung wird uns noch viel mehr Arbeit bescheren. Je mehr Systeme automatisiert werden, desto grösser der Bedarf an IT-Security.»


Claudia Jaun, Fleischfachfrau

Claudia Jaun, Fleischfachfrau
Der Metzgerberuf steht vor einem grossen Umbruch. Berufsleute wie Claudia Jaun werden sich weiter spezialisieren müssen.

Der Metzgerberuf steht vor einem grossen Umbruch. Berufsleute wie Claudia Jaun werden sich weiter spezialisieren müssen. Der Metzgerberuf wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 93% automatisiert.

Konzentriert arbeitet Claudia Jaun (21) hinter der Fleischtheke an der kalten Platte, schneidet Wurst und Fleisch und dekoriert die Bestellung sorgsam. Veredelung nennt sich dieser Teil ihrer Arbeit als Fleischfachfrau – und er wird auch in Zukunft gefragt sein, davon ist sie überzeugt. «Dazu gehört auch das Dekorieren von Auslagen, das Kreieren neuer Rezepte für den Party-Service, die Beratung der Kundschaft.»

Auch die Verarbeitung beherrscht sie, dabei geht es darum, aus grossen Fleischteilen jene Stücke zu schneiden, die anschliessend in der Auslage präsentiert werden. Nur mit der so genannten Gewinnung, dem eigentlichen Schlachten, hat sie nie zu tun. «Wenn das Teil der Ausbildung gewesen wäre, hätte ich sie nicht gemacht», sagt Jaun, die mit ihrer Schwester zusammen das Volksmusik-Duo Geschwister Jaun bildet.

Die junge Bernerin, die bei den Eltern in der Dorfmetzg Jaun in Neuenegg BE arbeitet, ist stolz auf ihren Beruf und geniesst daran vor allem die Abwechslung, die Teamarbeit und den intensiven Kundenkontakt. «Früher wollte ich immer Lehrerin werden, realisierte dann aber, dass ich keine Lust hatte, noch länger zur Schule zu gehen, sondern lieber etwas mit den Händen tun will, etwas wo man am Abend sieht, was man gemacht hat.» Sie schnupperte in diversen anderen Berufen, darunter auch eine Bäckerei, aber Fleischfachfrau hat ihr am besten gefallen.

Ich mache mir keine Sorgen um meinen Job.

«Der Beruf hat sich in den letzten Jahren stark verändert und zieht auch immer mehr Frauen an», sagt Jaun. Nicht zuletzt, weil Kreativität und soziale Kompetenzen wichtiger geworden sind. Letzten Herbst hat sie mit einem Frauenteam an den Europameisterschaften der Fleischfachleute in den Niederlanden den ersten Platz erreicht.

Der eigentliche Schlachtprozess ist heute schon stark automatisierte Fliessbandarbeit. «Dass dies irgendwann komplett maschinell passiert, kann ich mir schon vorstellen», sagt Jaun. «Aber für das, was ich mache, wird es immer Menschen brauchen. Ich mache mir keine Sorgen um meinen Job.» Dennoch müssen auch Metzgereien auf die Veränderungen reagieren, wenn sie überleben wollen. «Sie verwandeln sich immer mehr in Feinkostgeschäfte mit einem sorgsam gepflegten Zusatzsortiment», sagt Philipp Sax, Leiter Bildung beim Schweizer Fleisch-Fachverband SFF.

Auch die Dorfmetzg Jaun bietet neben Fleisch und Wurst ein grosses Angebot an Käse, dazu selbstgemachte Fleisch- und Salatsaucen, ein sehr beliebtes Kräutermousse und diverse andere Produkte von lokalen Produzenten. «Wer innovativ ist und sich den Veränderungen stellt, der muss sich keine Sorgen machen», sagt Sax. Derzeit ist es sogar so, dass die Branche deutlich mehr Fleischfachleute brauchen könnte als zur Verfügung stehen.


Patrick Jean, Polizist

Patrick Jean, Polizist
Onlinespezialisten wie Patrick Jean haben bei der Polizei der Zukunft beste Berufschancen.

Onlinespezialisten wie Patrick Jean haben bei der Polizei der Zukunft beste Berufschancen. Sein Job wird nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 1% automatisiert.

Patrick Jean (33) hat 5000 Facebook-Freunde, berufsbedingt. Der erste Online-Polizist im deutschsprachigen Raum sitzt in seinem Büro in Zürich Hottingen vor vier Bildschirmen, beantwortet Fragen, versucht bei Sorgen und Problemen weiterzuhelfen und postet Beiträge über die Polizeiarbeit auf Facebook und Instagram. «Ich tue alles, was ein Polizist auch sonst tut, einfach online über die sozialen Medien», sagt Jean. Das Konzept nennt sich ICoP (Internet Community Policing) und existiert in Finnland schon seit 2009. «Es ist ein guter Weg, die sonst übliche Distanz abzubauen und der Polizei ein menschliches Gesicht zu geben.»

Die Stadtpolizei Zürich liess sich von den finnischen Erfahrungen inspirieren und ist seit Mai 2015 mit ihrem eigenen ICoP online . Patrick Jean hat schon bei der Konzeptionierung mitgearbeitet und ist nun der erste, der den Job macht, zu rund 50 Prozent. Die andere Hälfte ist klassische Polizeiarbeit: Patrouillen, Personenkontrollen, Aufnahme von Einbrüchen oder Verkehrsunfällen. Der Familienvater war ursprünglich im Gastgewerbe tätig, weil er Spass hatte am Umgang mit Menschen. Zur Polizeiausbildung kam er erst mit 25, auf Anregung eines Polizisten. Bei einem Stage in der Kommunikationsabteilung erzählte ihm Kommunikationschef Michael Wirz von ICoP, Jean war sofort interessiert.

Wir machen Pionierarbeit für den deutschsprachigen Raum.

«Ich liebe die Abwechslung», erzählt er, «wenn ich morgens arbeiten gehe, weiss ich nie, was genau mich erwartet.» Die Chats und Online-Kontakte sind fast immer freundlich und höflich. Ist es mal anders, versucht er zu deeskalieren, er hat auch schon verbale Streits zwischen Usern geschlichtet. Bei kritischen Fragen nimmt er aus persönlicher Perspektive Stellung. «Das Hauptproblem ist, dass ich wir nur für das Gebiet der Stadt Zürich zuständig sind, Anfragen aber aus dem ganzen deutschsprachigen Raum kommen.» Jene aus der Schweiz leitet er persönlich weiter, die anderen verweist er an die entsprechenden Polizeistellen in Deutschland oder Österreich.

Jeans Job ist einer mit Zukunft: In Finnland gibt es bereits drei Vollzeit- und 33 Teilzeit-ICoPs, und in Zürich sucht man derzeit nach einer Kollegin für Jean. Ausserdem wird die Stadtpolizei Zürich auch immer wieder mal ins Ausland eingeladen, um das Konzept vorzustellen. «Wir machen Pionierarbeit für den deutschsprachigen Raum.» Patrick Jean erwartet, dass die Digitalisierung sich bei der Polizeiarbeit primär auf Adminstration und Bürokratie auswirken wird. «Künftig werden einfache Anzeigen wohl vermehrt online erstattet werden. «Und sozialen Medien dürften noch stärker genutzt werden. Der Umgang mit Menschen wird auch in Zukunft im Mittelpunkt stehen, egal ob online oder offline.»


Anne-Juliette Muggli, Kosmetikerin

Anne-Juliette Muggli, Kosmetikerin
In der Kosmetik bleibt der direkte Kundenkontakt zentral. Die Wahrscheinlichkeit, dass Anne-Juliette Mugglis Beruf automatisiert wird, beträgt nur 11 Prozent.

In der Kosmetik bleibt der direkte Kundenkontakt zentral. Die Wahrscheinlichkeit, dass Anne-Juliette Mugglis Beruf automatisiert wird, beträgt laut Oxford-Studie nur 11%.

Auch in der Kosmetikbranche gibts immer mehr Geräte, und deren Bedienung will gelernt sein. Anne-Juliette Muggli (21) macht praktisch jedes Jahr eine Weiterbildung, damit sie während ihrer Arbeit bei Cosmetic Susan Meier in der Luzerner Altstadt alle Wünsche der Kundinnen erfüllen kann. Zum Beispiel mit dem Gerät für Ultraschall-Peeling, das auf der Gesichtshaut vibriert und so zwecks Reinigung auch in tiefere Hautschichten vordringen kann. «Aber nicht alle Kundinnen mögen solche Geräte, viele bevorzugen die klassische Handarbeit», sagt Muggli.

Sie gehört zu den besten jungen Kosmetikerinnen EFZ des Landes, 2014 schnitt sie an den Schweizermeisterschaften so gut ab, dass sie 2015 die Schweiz an der Berufs-WM in Brasilien vertreten durfte. Bevor sie sich vor etwas über fünf Jahren für diesen Job entschied, schnupperte sie auch in ein paar anderen Branchen: «Grafik und Innendekoration haben mich ebenfalls interessiert, aber mir ist die Arbeit mit den Händen und der Kontakt mit den Menschen wichtig.»

Mir ist der Kontakt mit Menschen wichtig.

Sie mag es, den Leuten etwas Gutes zu tun und findet es befriedigend, wenn sie sieht, was ihre Arbeit bewirkt, teilweise über Monate. «Ich kann mir tatsächlich nicht vorstellen, dass dieser Job je automatisiert werden könnte», sagt Muggli, «dafür ist die persönliche Beziehung zu den Kundinnen viel zu wichtig, man braucht ein gutes Gespür für Menschen.» Ob sie in 20 Jahren allerdings noch in der gleichen Branche arbeitet, weiss sie nicht. «Ich bin ein spontaner Mensch und plane nicht soweit im Voraus. Vielleicht habe ich dann mein eigenes Geschäft – oder mache etwas ganz anderes.»

Auch Mugglis Chefin Susan Meier sieht kaum Gefahren für ihre Branche durch die Automatisierung, Veränderungen wird es aber schon geben. «Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir dadurch zum Beispiel stärker mit Hautärzten zusammenarbeiten», sagt die Kosmetikerin HFP und Vizepräsidentin des Schweizer Fachverbands für Kosmetik. «Entdecken wir bei einer Behandlung ein verdächtiges Muttermal, könnten diese Information mitsamt Foto direkt einen Termin zur Kontrolle auslösen.»

Meier hält es für möglich, dass Techniker an einer Maschine tüfteln, die mindestens einen Teil der Arbeit einer Kosmetikerin erledigen könnte. «Und vielleicht gibt es sogar ein paar Leute, die bereit wären das auszuprobieren. Aber die Mehrheit wird immer Menschen mit ihrem Fachwissen bevorzugen.»


Thomas Renggli, Sportjournalist

Thomas Renggli, Sportjournalist
Sportjournalist Thomas Renggli wird von Schreibcomputern bedrängt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sein Job automatisiert wird, ist sehr hoch.

Sportjournalist Thomas Renggli wird von Schreibcomputern bedrängt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sein Job automatisiert wird, liegt bei 91%.

Schon heute können Zeitungsleser nicht mehr unterscheiden, ob ein klassischer Fussballmatch-Bericht von einem echten Journalisten geschrieben worden ist oder von einem Computer. «Diese Art Matchbericht wird es vermutlich ohnehin bald nur noch online geben», sagt Thomas Renggli (43), der als freier Sportjournalist in Ebmatingen ZH lebt und für «Schweiz am Sonntag», «Weltwoche», «Schweizer Illustrierte» und «Luzerner Zeitung» schreibt. «Beiträge im Print müssen sich abheben, müssen Mehrwert liefern, und das kann nur ein Mensch. Qualitätsjournalismus wird immer sein Publikum finden.»

Renggli ist der Sohn von Sepp Renggli, dem legendären Radio-Sportreporter. Er sei bei der Berufswahl durchaus familiär vorbelastet gewesen, räumt er ein. «Aber es wird niemand Sportjournalist, der nicht auch Sportfan ist, das hat natürlich auch reingespielt.» Als seine besten Jahre in der Branche empfindet er jene von 1998 bis 2008 bei der NZZ. «Das war der Traumjob im Sportjournalismus. Dort konnte man unabhängig arbeiten und auch in die Tiefe gehen.» Das wird heute zunehmend schwieriger.

Qualitätsjournalismus wird immer sein Publikum finden.

Die Medienbranche steht unter hohem finanziellen Druck, das gilt umso mehr für freie Journalisten. «Internet und Computer haben unseren Beruf bereits dramatisch verändert», sagt Renggli, «alles wird immer schneller, die Informationen sind immer leichter verfügbar. Wir müssen mehr, länger und schneller arbeiten – und mehr können.» Fotografieren, Tonaufnahmen und Filmen zum Beispiel. Wer das nicht kann oder dazu nicht bereit ist, wird es immer schwerer haben.

Trotz allem liebt Renggli den Job, in den er vor einem halben Jahr nach einiger Zeit bei der Fifa zurückgekehrt ist. Obwohl er sich bewusst ist, dass gerade jene Medien, die Qualitätsjournalismus bieten, unter Druck stehen, glaubt er, dass er seine Art Sportjournalismus auch in zehn Jahren noch wird betreiben können. Gleichzeitig ist er durchaus offen für Weiterbildungskurse im Umgang mit Social Media oder zur Produktion von iPhone-Filmen. Dennoch: «Vielleicht ist das ja Wunschdenken, aber ich glaube, das Blatt wird sich wenden, das Interesse an gutem, fundierten Journalismus wird wieder steigen.»

Bilder: Christian Schnur