26. April 2018

Geteilte Fürsorge ist halber Trennungsschmerz

Was passiert mit dem Haustier bei einer Trennung? Scheidungshunde können abwechselnd von beiden Besitzern betreut werden. Wenn diese sich gut absprechen, freut sich auch das Tier. Ein Beispiel und die Tipps der Expertin.

Rahel Senn mit Labradoodledame Happy
Rahel Senn mit Labradoodledame Happy in ihrer Wohnung.

Mit grossen Sprüngen und wedelndem Schwanz rennt Hundedame Happy auf Rahel Senn zu. Die 35-jährige Baslerin legt den Pferdestriegel zur Seite und öffnet die Arme: Herzhafte Begrüssung auf beiden Seiten, die neunjährige Labradoodledame – eine Zuchtmischung aus Labrador und Pudel – freut sich sichtlich, zu ihrer Besitzerin zurückzukehren. So wie sie sich auch immer freut, wenn Rahel Senn sie ins Auto lädt und nach Basel fährt. Zu ihrem anderen Besitzer.

Happy hat zwei Zuhause, seit die Beziehung ihrer beiden Besitzer in Brüche gegangen ist. Sie wohnt jede Woche ein paar Tage bei Rahel Senn, die nach der Trennung samt Pferden, Katzen und Meerschweinchen über die Grenze ins deutsche Albbruck-Schaachen gezogen ist. Die restliche Zeit verbringt Happy bei Rahel Senns Expartner Edi (40), der in Basel wohnt und lieber nicht mit ganzem Namen in Erscheinung treten möchte. Dass Happy unter der Trennung nicht leiden sollte, war beiden von vornherein klar. «Ich bin so erzogen worden, dass man Tiere nicht weggibt», sagt die Pflegefachfrau schlicht.

Happy soll nicht unter der Trennung leiden

Seinerzeit hatte sich das Paar sehr genau überlegt, welche Art Hund es gemeinsam anschaffen wollte. «Kein unfolgsamer Kläffer», sollte es sein, sondern ein unkomplizierter, fröhlicher Hund, hellhaarig, damit sich die Leute weniger fürchten. Bevor sie Happy beim Züchter abholten, hatten die beiden miteinander abgemacht, was gelten sollte: kein Essen vom Tisch, eine klare, konsequente Erziehung, und der Hund darf nicht ins Bett. Genauso sorgfältig überlegten sie sich vor zwei Jahren auch wieder, wie sie bei der Trennung vorgehen wollten.

Happy war sieben Jahre alt, als es in ihrer Beziehung nicht mehr gut lief. Sie gehörte beiden Partnern, und beide gaben sich gleichermassen mit ihr ab. Deshalb war von Anfang an klar: Happy sollte nicht leiden, und beide wollten sich in die Hundehaltung teilen. «Es ist und bleibt unser gemeinsamer Hund.»

Immerhin, laut wurde es nicht, weder Streit noch Geschrei prägte das Ende des Zusammenlebens: «Wir hatten uns einfach auseinandergelebt und andere Interessen gefunden», sagt Rahel Senn und streicht sich nachdenklich über die kecke Kurzhaarfrisur. Als es zwischen ihr und ihrem Partner so still geworden war, dass sie es nicht mehr aushielt, stellte sie den Gedanken in den Raum, ob getrennte Wege besser wären.

Für sie allein wäre das Bauernhaus im Oberen Baselbiet finanziell nicht tragbar gewesen, und er wollte zurück in die Stadt. Deshalb überstürzten sie nichts, sondern lebten noch ein halbes Jahr lang als Wohngemeinschaft zusammen, bis beide eine Lösung gefunden hatten.

Happys Lieblingsschlafkissen

Dass die Trennung ohne lautstarke Gefühlsausbrüche vor sich ging, hat auch für Hund Happy alles viel einfacher gemacht. Davon ist Rahel Senn überzeugt. Die Aufteilung der Hundeschlafplätze, Spielsachen und Hundenäpfe ging ebenso unaufgeregt vor sich wie die ganze Haushaltsauflösung. «Jeder nahm eines von Happys Lieblingsschlafkissen zu sich und ein paar Lieblingsstofftiere, damit ihr die Eingewöhnung an die zwei neuen Orte leichter fiel.»

Die erste Nacht in der neuen Wohnung verbrachte Happy bei Rahel Senn, sie erinnert sich noch gut: «Es war für uns beide ungewohnt, und Happy schaute mich immer wieder fragend an, als ob sie wissen wollte, wann ihr Herrchen wieder heimkomme.» Richtig durcheinander sei die Hundedame aber nicht gewesen, und weil sie ihr gewohntes Schlafbett und etliche Stofftiere bei sich hatte, habe sie sich schnell eingerichtet.

Rahel Senn mit Happy

«Hunde sind enorm anpassungsfähig», bestätigt die Basler Tierpsychologin Tina Braun (unten im Interview). «Deshalb können sie auf der ganzen Welt überleben.» Wichtig sei allerdings, dass man ihnen bei grossen Veränderungen gleitende Übergänge ermögliche. Weil nicht nur Rahel Senn, sondern auch ihr Expartner von Anfang an die gewohnten Tagesabläufe mit Füttern, Spazieren und Hundekursen beibehielten, lief für Happy schon bald alles wieder ganz normal. Noch besser: Sie freut sich jedes Mal gleichermassen, wenn sie den einen oder den anderen sieht. Inzwischen haben sich alle gut an die Situation gewöhnt.

Für alle Fälle: Schlüssel getauscht

An diesem Nachmittag rennt Happy über die Wiese neben Rahel Senns Haus, sammelt fröhlich Giesskannen ein und apportiert sie. Rahel Senn kauert sich nieder und lobt sie ausgiebig. «Wir könnten vieles über den Hund austragen», sagt sie dann, «das ist mir völlig bewusst.» Sie ist sehr froh, dass ihr Expartner das genauso wenig macht wie sie selber. Im Gegenteil, sie überlegen immer gemeinsam, was für Happy das Beste sei: Hat er am Dienstag Hundetraining, plant sie an diesem Tag selbstverständlich nichts mit dem Hund, und umgekehrt.

Im Moment hat es sich so eingependelt, dass Happy die erste Wochenhälfte in Basel wohnt, die zweite im deutschen Albbruck. Und was das Wochenende angeht, sprechen sie sich jeweils ab, das hängt auch von den Arbeits- und Freizeiten ab. Die beiden haben alle Eventualitäten überlegt. Deshalb haben sie einander zur Sicherheit je einen Schlüssel für die Wohnung des anderen übergeben: «So könnte der eine den Hund holen, wenn dem anderen etwas zustösst.»

Dank dieser genauen Planung kommt es zu keinen Diskussionen. Auch nicht, wenn es um tierärztliche Behandlungen geht: Happy wird älter, und irgendwann in den nächsten Jahren werden die ersten Zipperlein einsetzen. Sollten sich Fragen um eine komplizierte Therapie stellen, das steht für Rahel Senn jetzt schon fest, dann würden sie darüber reden und gemeinsam entscheiden. Und würde Happy einmal schwer krank oder sehr alt und tatterig, wollten ihre Besitzer auf jeden Fall das tun, was das Beste für sie sei. Denn das Motto lautet immer: «Beide wollten den Hund – und er will uns beide.»


DAS EXPERTENINTERVIEW

Negative Emotionen und Enttäuschungen lösen bei Hunden Angst aus

Tierpsychologin Tina Braun
Tina Braun (52) ist Tierpsychologin
Tina Braun (52) ist Tierpsychologin und Certodog-Trainerin in Pfeffingen BL. Sie betreut unter anderem auch Scheidungshunde und gibt Tipps, wie diese möglichst unbeschadet eine Trennung überstehen.

Tina Braun, leiden Hunde unter einer Scheidung?

Bei einer Scheidung sind oft heftige negative Emotionen und Enttäuschungen im Spiel. Diese negativen Emotionen nehmen Hunde via Geruchssinn auf, und auch Streit und Aggression können sie wahrnehmen. All das löst bei ihnen Angst aus.

Kann man ihnen die Situation irgendwie erleichtern?

Hunde brauchen einen Fürsorgegaranten, also eine sichere Bezugsperson, und einen sicheren Rahmen. Denn Unsicherheit ist einer der allerwichtigsten Auslöser von Angst. Deshalb sollte man sich bei einer Trennung gut überlegen, wie das Leben mit dem Hund weiter laufen kann.

Ist es denn besser, wenn der Hund bei einer Bezugsperson lebt, oder können sich zwei Bezugspersonen in die Fürsorge teilen?

Viele Hunde haben eine Person, zu der sie emotional die tiefste Bindung haben. Dann ergibt es Sinn, dass sie auch bei dieser Person leben. Eine geteilte Fürsorge ist aber machbar, wenn der Hund zu beiden eine gute Bindung hat. Wichtig ist dann, dass er an beiden Plätzen ein gewohntes Bett hat und die Regeln sowie bestimmte Rituale an beiden Orten ähnlich sind.

Was, wenn der Hund am Ende im Tierheim landet: Ist das ein absoluter Worst Case, oder kann es sogar erleichternd sein, weil der Hund mit der neuen Situation sowieso nicht mitkommt oder den Kummer seiner Besitzer spürt?

Ein grosser Teil der Hunde lässt sich umplatzieren, denn Hunde sind an sich sehr anpassungsfähig. Es gibt allerdings auch sogenannte One-Man-Dogs, die sich extrem an eine Person binden. So wie der japanische Hachiko Akita-Inn, der den Rest seines Lebens vergeblich am Bahnhof auf sein Herrchen wartete. Aber ein Tierheim bedeutet für Hunde ausnahmslos einen enormen Stress.

Das Tierheim ist oft eine unnötige Zwischenstation

Das heisst, das sollte man wenn möglich vermeiden?

Ja, ein Tierheim sollte immer nur eine Notlösung sein. Und es ist oft eine unnötige Zwischenstation – eine Scheidung passiert ja nicht von heute auf morgen, da sollte unbedingt vorher eine gute Lösung für einen Hund gesucht werden.

Und wie kann man einen Wechsel am besten durchführen?

Hat ein Hund grossen Stress, kann man ihm mithilfe von medizinischen Präparaten auf Pheromonbasis das Gefühl von Sicherheit etwas erhöhen. Zudem ist es wichtig, dem Hund Sicherheit zu vermitteln, indem man Gewohnheiten weiter beibehält und nicht alles auf einen Schlag ändert, sondern nötige Anpassungen – der Hund darf beispielsweise nicht mehr in die Küche oder muss zu anderen Zeiten fressen – in Etappen einführt.

Wie ist es denn für einen «Scheidungshund», wenn die Hauptbezugsperson einen neuen Partner kennenlernt?

Nicht anders als für den Hund eines Singles: Es geht vor allem darum, ob der neue Partner, die neue Partnerin Hunde gern mag und einen Bezug findet. Heute werden Hunde ohnehin zu stark vermenschlicht: Sie denken sich gar nicht gross etwas dabei, an sich ist das einfach ein Rudelzuwachs. Wenn alles andere für sie stimmt, können sie gut damit umgehen.

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