28. Februar 2019

Geschwister: Wenn eines mehr kann

Die gleichen Eltern, ähnliche Gene und identische Lebensbedingungen: Wie kann es sein, dass Geschwister dennoch unterschiedlich sind? Und wie gehen Eltern damit um?

Lesezeit 3 Minuten

Die Grosse muss kaum lernen, alles fliegt ihr zu. Vom Sport bringt sie einen Pokal nach dem anderen nach Hause. Ihr jüngerer Bruder hingegen kämpft täglich mit der Schule, Motorisches fällt ihm schwer. «Kaum zu glauben, dass die beiden Geschwister sind», sagt der Vater manchmal lachend. Und denkt: «Wie kann das sein, wo sie doch ähnliche Gene haben und wir sie gleich behandeln?»

Der Zürcher Psychologe Jürg Frick hört diese Frage oft. Er erklärt: «Eltern übersehen gern, dass Geschwister in unterschiedliche Welten hineingeboren werden.» Denn wenn das zweite Kind zur Welt kommt, sind Mutter und Vater nicht mehr dieselben wie bei der Geburt des ersten Kindes. Das hat bereits eine Rolle innerhalb der Familie eingenommen, die jedoch «nicht vorgegeben ist, sondern sich aus den Gegebenheiten entwickelt», sagt Frick. Entscheidend für ein Kind sei die Frage: Wie erhalte ich die Beachtung der Eltern?

Eine Nische finden

«Jedes Kind muss seine Nische finden», so der Psychologe. In diesem Prozess habe jede Position Chancen und Nachteile. Erwartungen der Eltern oder das Geschlecht des Kindes hätten auch eine Bedeutung. Manchmal entwickelt sich das zweite Kind unbewusst in eine andere Richtung als das erste, um auch seine einmalige Rolle in der Familie zu bekommen. Es sei also logisch, dass manche Geschwister zu gegensätzlichen Persönlichkeiten heranwachsen.

Ob ein besonders erfolgreiches Geschwister eine Bürde ist oder nicht, hänge vor allem vom Verhalten der Eltern ab, sagt Frick. Wird dem im Schatten stehenden Kind der Erfolg des Geschwisters unter die Nase gerieben, kann das ganze Familiengefüge ins Wanken geraten. «Insbesondere, wenn das jüngste Kind sich vom älteren viel abgeschaut hat und es übertrumpft, kann das für das ältere sehr schwierig sein», so Frick. Bestenfalls wird es angestachelt, sich noch mehr anzustrengen.
Im schlimmsten Fall zieht sich das Kind komplett zurück –  während das jüngere noch mehr in den Mittelpunkt rückt.

Platz in der Leistungsgesellschaft

Eltern von sehr unterschiedlichen Kindern rät der Psychologe, die Unterschiedlichkeit des Nachwuchses zu akzeptieren und ihn nicht aufgrund eigener Wünsche zu lenken – zum Beispiel in Bezug auf Berufspläne oder Hobbys: «Es ist wichtig, die Individualität der Kinder zu fördern und ihnen ihren Weg zuzugestehen.»Und genau hinzuschauen: «Jedes Kind hat Fähigkeiten. Vielleicht ist eins besonders hilfsbereit oder kreativ. In unserer Leistungsgesellschaft fällt das nur weniger auf.»

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