01. Juni 2018

Geschützte Tiere frei zum Abschuss?

Im Ständerat wird diese Woche die Revision des Jagdgesetzes diskutiert. Unter anderem soll es leichter werden, den Wolf abzuschiessen. Der WWF und andere Naturschutzorganisationen drohen mit dem Referendum.

Wolf
Der Wolf im Visier des Ständerats: Weil er sich immer weiter ausbreitet, soll er leichter abgeschossen werden können. (Bild: Benjamin Manser/Lunax)

Der Wolf breitet sich in der Schweiz weiter aus. Inzwischen sind es 40 bis 50 Tiere; die meisten leben in vier Rudeln im Wallis, in Graubünden und im Tessin, aber es gibt auch Einzelgänger. Ein solcher wurde Mitte Mai in einem Weiler von Horgen ZH gesichtet.

Angesichts dieser Entwicklung reichte CVP-Ständerat Stefan Engler (55) 2015 eine Motion ein, um es zu ermöglichen, den Wolfsbestand leichter zu regulieren. «Ich wollte frühzeitig darauf hinweisen, dass sich Konflikte kaum vermeiden lassen», erklärt Engler. «Wir sollten Spielregeln definieren, bevor das Thema so emotionsgeladen ist, dass man nicht mehr vernünftig darüber reden kann.»

Der Bündner sieht sich selbst zwischen den beiden Polen: «Die eine Seite romantisiert und idealisiert Wildtiere, die andere will sie ausrotten.» Stattdessen möchte er neben Herdenschutz und Schadenskompensationen auch die Möglichkeit einführen, einzelne problematische Tiere abzuschiessen und die Wolfsbestände generell zu regulieren, ohne sie zu gefährden.

Findest du, dass es leichter werden sollte, einen Wolf abzuschiessen?

Das Parlament griff die Idee auf und beauftragte den Bundesrat, das Jagdgesetz entsprechend zu revidieren. Dessen Vorschläge werden nun im Ständerat diskutiert und führten bei Naturschutzverbänden bereits zu einer Referendumsdrohung.

WWF: «Angriff auf den Artenschutz»

«Der Wolf ist nur noch ein kleiner Teil der Revision, wir sehen darin einen Angriff auf den gesamten Artenschutz», sagt Gabor Bethlenfalvy (38), Verantwortlicher für Grossraubtiere beim WWF Schweiz. «Das Gesetz ist ein Mass dafür, wie wir in den nächsten Dekaden mit Wildtieren in der Schweiz umgehen.» Der WWF und andere Naturschutzorganisationen kritisieren insbesondere, dass die Revision den Abschuss auf Vorrat ermögliche, dass die Kantone künftig über die Regulierung entscheiden können, was zu einem Flickenteppich führe, und dass der Bundesrat am Parlament vorbei jederzeit weitere Wildtiere zur Regulierung auf die Liste setzen kann. Bereits im Visier sind neben dem Wolf auch der Luchs und der Biber. Bethlenfalvy fürchtet, dass es rasch noch mehr werden könnten.

Gefahr für Tiere und Menschen

Dem widerspricht Englers Parteikollege, der Walliser Ständerat Beat Rieder (55): «Mir geht es nur um Grossraubtiere. In einem so dicht besiedelten Land wie der Schweiz muss man deren Zahl begrenzen, sonst führt das zu Problemen.» Die Revision sei nötig, um die Alplandwirtschaft zu erhalten, den Tourismus und nicht zuletzt die Menschen zu schützen. «Die Bauern erhalten zwar finanzielle Kompensationen, aber irgendwann werden sie aufgeben, weil sie nicht mehr zusehen wollen, wie ihre Herden regelmässig vernichtet werden. Gerissene Tiere zu sehen, ist schwer zu ertragen.» Auch für Menschen bestehe Gefahr: «In Griechenland hat letzten Herbst ein Rudel Wölfe eine britische Touristin getötet.»

Dass künftig die Kantone über Abschüsse bestimmen sollen, sei zudem zentral: «Die Entscheidungswege sind kürzer.» Sei da ein Wolf, der viel Schaden verursache, müsse man rasch reagieren können.

«Nur halten sich Wildtiere nicht an Kantonsgrenzen», sagt Bethlenfalvy. «Wölfe können in einer Nacht bis zu 60 Kilometer zurücklegen.» Ausserdem hält er das Risiko für Menschen für äusserst gering. «Statistisch gesehen tritt innerhalb von zehn Jahren weniger als ein tödlicher Unfall mit Wölfen in Europa auf.» Der Abschuss von potenziell gefährlichen Tieren sei ausserdem bereits heute möglich.

«Mit den richtigen Schutzmassnahmen kann das Nebeneinander von Wildtieren und Menschen gut funktionieren», betont der WWF-Experte. «Dass nun mit der Gesetzesrevision der gesamte Artenschutz derart in Mitleidenschaft gezogen wird, ist unverhältnismässig und ein grosser Fehler.» 

Benutzer-Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

Verwandte Artikel

Bundespräsident Alain Berset zieht Bilanz über das vergangene Jahr

Alain Berset, der bescheidene Landesvater

Andreas Fischlin

Klimawandel: Das Wohlergehen der Menschheit auf dem Spiel

Clive Bucher

Was Männer wollen

Donald Trump

Erste Bilanz über Donald Trump