16. April 2018

Geschichten aus dem Unruhestand

Sie haben das Rentenalter längst erreicht und machen dennoch mit Leidenschaft weiter – im Modelbusiness, in der Freiwilligenarbeit, in der Politik oder als Paar, das es mit fast 80 noch mal wissen wollte. Fünf Menschen im Herbst des Lebens berichten aus ihrem Alltag.

Lesezeit 6 Minuten


Lucie Redies (75)

Das Model: «Ich bin selbstbewusster»

Lucie Redies war 67 Jahr alt, als eine junge Frau sie an der Bahnhofstrasse in Zürich ansprach und fragte, ob sie nicht Lust hätte, zu modeln. Ihre Tochter und ihr Sohn fanden: Mach das. Sie machte und landete gleich bei ihrem ersten Job auf dem Titelblatt der «Annabelle». Aufgeregt sei sie gewesen, erzählt sie. «Aber die Jungen kümmerten sich grossartig um mich auf dem Set.»

Mittlerweile ist Lucie Redies (75) in der Kartei der Modelagentur Scout und fühlt sich pudelwohl bei Fotoshootings. Es macht ihr Spass, sich zu verwandeln und sie geniesst es, anderen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Gerne würde sie öfter auf dem Laufsteg defilieren und dabei herzhaft lachen - doch leider könne sie nicht auf extrem hohen Schuhen gehen.

Es ist ihr wichtig, zu zeigen, dass auch ältere Leute lebensfroh sind. Und sie möchte andere dazu animieren, sich nicht zu verstecken und etwas zu wagen. Ob bei der Kleiderwahl oder Lebensprojekten. Gefällt ihr das Outfit einer Fremden, macht ihr die gelernte Modezeichnerin gerne ein Kompliment. Selbst freut sie sich auch immer über wertschätzende Worte.

Lucie Redies hatte nie Mühe damit, älter zu werden und Falten zu bekommen. Vielleicht sei sie da so unbekümmert, weil sie bei ihrer Grossmutter aufgewachsen ist. Sie erzählt von einer lebensfrohen, einfachen Landfrau, die nur zwei Kleider besass und sich keine Sekunde um ihr Äusseres scherte.

Redies isst, worauf sie Lust hat und treibt keinen Sport. «Manchmal ärgert sich mein Partner darüber, dass ich so unsportlich bin und doch so dünn», sagt sie und lacht.

Als junge Frau hätte sie nicht gerne gemodelt, dazu wäre sie zu schüchtern gewesen. «Heute ist meine Ausstrahlung besser», ist sie überzeugt. Die vielen Reisen hätten sie gestärkt – aber auch die Schicksalsschläge:
Ihr erster Mann verstarb früh, der zweite verliess sie für eine jüngere Frau.

Neben Aufträgen als Model arbeitet Lucie Redies auch regelmässig im Whiskeyladen «Ramseyer‘s Whisky Connection» ihres Sohnes und gelegentlich im Schmuckgeschäft ihrer Tochter. Beide schauen sich gerne ihre Fotos an und üben Kritik, wenn die Mama zu bieder rüberkommt. In der verbleibenden Zeit schreibt Lucie Redies an einem Buch über die Geschichte ihrer Familie, für dessen Recherche sie Ahnenforschung betreibt.

Nach Jobs in Mailand, Hamburg und Wien hegt sie noch einen grossen Wunsch: Sie möchte gern aufs Cover der «Vogue» und als Botschafterin ihrer Generation zeigen: «Hey, da sind wir - und uns gehts gut!»

Walo Tödtli (70)

Der Lehrer: «Ich habe nichts anderes»

Walo Tödtli war zu beschäftigt, um sich über die Zeit nach der Pensionierung Gedanken zu machen. Der Schulleiter und Gymnasiallehrer trat auf den Tag genau mit 65 den Ruhestand an. «Ich glaubte es erst an dem Abend, als sie mich verabschiedeten», sagt er rückblickend.

Heute engagiert sich der 70-Jährige bei Innovage. Das vom Kulturprozent unterstützte Netzwerk besteht aus pensionierten Fachkräften, die ihr Wissen und ihre Erfahrung kostenlos zur Verfügung stellen. Über einen Mangel an Projekten kann er nicht klagen, denn Ökonomen wie er sind eher selten in der Freiwilligenarbeit anzutreffen.

Nebenbei betreut er auch ein Programm weiter, das er als Lehrer an der Kantonsschule Alpenquai in Luzern ins Leben gerufen hat: Schüler treffen in Workshops zum Thema Menschenrechte auf Zeitzeugen wie den Dissidenten Wolfgang Welsch, der mehrere Jahre Haft und Folter in DDR-Gefängnissen überlebt hat. «Er spricht drei Stunden lang, und die Schüler hören gebannt zu. Man hört keine Nadel fallen.»

Seine Projekte füllen ihn aus, und ans Aufhören will er nicht denken. «Ich habe auch nichts anderes», fügt er an. Mit seiner Ausbildung an der Hochschule St. Gallen könnte er heute mehrfacher Millionär sein. Er kenne Leute, die seien inzwischen auch pensioniert, und wenn er sie für ein Referat anfrage, dann heisse es: «Mein Honorar ist 10’000 Franken.» Aber Geld sei noch nie sein Antrieb gewesen.

(Marlies Näf-Hofmann, 91)

Die Politikerin: «Ich gebe nicht auf»

Marlies Näf-Hofmann ist Abgeordnete im Stadtparlament von Arbon TG und mit ihren 91 Jahren die älteste gewählte Politikerin in der Schweiz. Die promovierte Juristin ist topfit – einmal pro Woche gehts aufs Laufband. Den Antrieb, sich auch im hohen Alter politisch zu betätigen, gewinnt sie aus ihren Überzeugungen: «Ich setzte mich für den Wert und die Würde des menschlichen Lebens ein.»

Früher bestand ihr Engagement im Kampf gegen die Abtreibung. Heute konzentriert sie sich auf Palliative Care als Alternative zur aktiven Sterbehilfe, die sie verurteilt: «Durch einen Giftbecher zu sterben, ist menschenunwürdig. Den Todeszeitpunkt bestimmt der Herrgott.» 2009 stimmte der Thurgauer Kantonsrat einer von ihr mitinitiierten Volksinitiative zu, die den Rechtsanspruch auf Sterbebegleitung ins Gesetz schrieb. Daraus ist die Palliativstation im Kantonsspital Münsterlingen hervorgegangen. «Viele durften dort schon in Würde sterben», sagt sie mit Stolz.

Nach diesem Erfolg kamen zunächst politisch schwierige Zeiten. 2012 wurde Marlies Näf-Hofmann nach 20 Jahren abgewählt, wenig später erklärte sie ihren Austritt aus der SVP, der sie 50 Jahre angehört hatte. Sie spricht von «Intrigen», auf die sie heute nicht mehr näher eingehen möchte. Dann tut sie es doch. 1971 wurde sie als erste Frau ins Zürcher Bezirksgericht gewählt. Hatte sie es als Frau besonders schwer, sich in Politik und Juristerei durchzusetzen? «Barrieren gegen Frauen hat man damals noch sehr gut bemerkt, aber das hat mich nie abgehalten», sagt sie und schiebt nach: «Ausser bei der SVP, damals und auch heute.» Die jüngsten Niederlagen der grössten Schweizer Partei hätten sie nicht überrascht. «Vielleicht kann es ja Frau Martullo richten.»

Marlies Näf-Hofmann wird im Herbst 92. Hat Sie Angst vor dem Tod? «Jeder Mensch, auch ich, hat vor dem Unbekannten Angst. Jeder muss sterben, niemand wird verschont.» Die älteste gewählte Politikerin der Schweiz hat indes noch nicht genug. «Mein Engagement für die Alten, Schwachen und Einsamen geht weiter, es gibt auch noch viel zu tun.» Dass mit 91 alles etwas länger dauert, macht ihr nichts aus, im Gegenteil: «Erfahrung zählt in der Politik, und davon habe ich sehr viel. Mir fällt heute vieles leichter, weil ich keinerlei Rücksicht mehr nehmen muss. Auf die Meinung der Partei, was hinten geredet wird. Ich fühle mich völlig frei.»

Gesundheitlich wisse sie halt nicht, was kommt. «Jeder Tag ist für mich wie ein Geschenk. Wenn Schluss ist, ist Schluss. Und dann war es gut.»

Hans Sarbach (90), Ruth Pingoud-Glausen (90)

Das Paar: «Wir helfen einander»

Als Ruth Pingoud-Glausen und Hans Sarbach sich an einer Klassenzusammenkunft wiedersehen, sind sie 78. Sechs Jahrzehnte sind vergangen; beide sind inzwischen verwitwet. Und haben sich viel zu erzählen. Die heute 90-Jährigen blicken auf ein reiches Leben zurück: Ruth Pingoud-Glausen ging nach der Schule ins Welschland, um Französisch zu lernen. Sie arbeitete in einer Lausanner Bäckerei, heiratete, bekam drei Kinder.

Hans Sarbach blieb stets in Frutigen BE, heiratete und wurde fünffacher Vater. Bis zur Pensionierung fuhr er als Wagenführer in der Standseilbahn den Niesen hoch und runter. In seiner Freizeit sahnte er bei Schiesswettbewerben Medaille um Medaille ab. Um die 300 Auszeichnungen hängen in seinem Holzhaus an den Wänden.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen an der Klassenzusammenkunft gehen einige noch am Blausee spazieren. Hans Sarbach und Ruth Pingoud-Glausen plaudern und verstehen sich gut. An Silvester ruft er sie an und wünscht «Äs guets Nöis». Sie lädt ihn zu einem Besuch nach Lausanne ein. Es wird April, bis er in den Zug steigt und sie wiedersieht. Sie essen etwas zusammen und sie berät ihn beim Kauf einer Jacke. Pfingsten besucht sie ihn dann in Frutigen.

Bald sind sie sich einig, dass Ruth eigentlich bei Hans bleiben könnte. «Äs het ke Ma meh gha, u i ke Frou», sagt Hans Sarbach und zuckt die Schultern. Zwölf Jahre ist sie nun schon bei ihm und er sagt: «Bis jetzt sind wir gut ausgekommen.» Und sie ergänzt: «Er ist ein Lieber. Wir helfen einander.»

Er macht das Bett, sie kocht. Sie wäscht ab, er trocknet ab. Er repariert den Zaun, sie bügelt die Wäsche. Er sticht den Garten um, sie setzt den Salat. Sie fährt Auto, er schiesst auf die Mäuse im Garten. Gibt es nichts zu tun, spazieren sie, höckeln auf der Lieblingsbank oder jassen. Er verliere nicht gern, sagt sie und tätschelt seine Schulter. «Gäu, Schätzi?»

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