06. Januar 2014

Blick auf das Böse

Gerichtszeichnerin Linda Graedel porträtiert Kinderschänder und Posträuber, Mörder und Vergewaltiger. Trotzdem sieht sie in jedem Angeklagten erst einmal den Menschen.

Gerichtszeichnerin Linda Graedel bei der Arbeit (sie zeichnet ein Porträtbild)
Die bekannteste Gerichtszeichnerin der Schweiz will ihre «Modelle» möglichst fair zeichnen. Ob in Blau, Rot oder Grün ist jeweils ein Bauchentscheid.

Der schlimmste Fall in ihrer Karriere? Die Antwort von Gerichtszeichnerin Linda Graedel kommt wie aus der Pistole geschossen: «Der Swissair-Prozess. It was so boring, so langweilig! Nichts als Krawatten, Krawatten und nochmals Krawatten – zwei Monate lang!» Die gebürtige Amerikanerin schüttelt sich. «In der dritten Woche habe ich dann irgendwann begonnen, Studien vom Vorhang zu machen, der hinter den Richtern an der Wand hing.»

Die 72-Jährige hat sie alle auf Papier gebannt – mit Wachsmalkreide und im A3-Format: Babyquäler René Osterwalder, Ein- und Ausbrecherkönig Walter Stürm, Vierfachmörder Günther Tschanun und eben die Swissair-Manager, die 2001 schlagzeilenträchtig groundeten. Seit bald 30 Jahren beliefert die Kunstmalerin Zeitungen, Fotoagenturen und Fernsehstationen mit ihren Skizzen. Im Archiv in ihrem Haus in Schaffhausen lagert sozusagen ein gezeichnetes «Who is Who» der Schweizer Kriminalgeschichte.

Linda Graedel studierte am Art-Center in Los Angeles, verliebte sich in einen Schweizer Arzt und folgte ihm 1963 in seine Heimat, wo sie eine Familie gründeten. Und, anders als in den USA, sind in Schweizer Gerichtssälen Kameras verboten. Damit soll vermieden werden, dass das Verfahren gestört und die Wahrheitsfindung beeinträchtigt wird.

Linda Graedel am Zeichenpult mit Skizze und Farben.
Linda Graedels Anspruch ist es, die Einzigartigkeit eines Menschen einzufangen.

Zu ihrem Job im Gerichtssaal kam die Künstlerin über ihre zweite Leidenschaft, erzählt sie in einer charmanten Mischung aus Schweizerdeutsch und Englisch: den Jazz. Ein Musikkritiker der «NZZ» wurde Anfang der 80er-Jahre auf sie aufmerksam, als sie am Jazz Festival Willisau «just for fun» Mathias Rüegg, den Gründer des Vienna Art Orchestra, skizzierte. «Er frage mich, ob ich mir vorstellen könnte, für die ‹NZZ› am Jazzfestival in Montreux zu zeichnen», erinnert sie sich. Sie konnte. Und schwärmt noch heute. «Miles Davis hautnah – das war schon sehr cool.»

Kurz darauf kam dann der damalige «Tagesschau»-Moderator Heiri Müller auf sie zu: Der Prozess über die Hallenbadkatastrophe in Uster ZH, bei der 1985 zwölf Menschen starben, wurde Graedels erster Auftrag fürs Schweizer Fernsehen.

Oft bleiben der Gerichtszeichnerin nur ein, zwei Stunden für ihre Skizzen, vor allem wenn sie für tagesaktuelle TV-Sendungen arbeitet. «Dann wartet draussen bereits ein Kameramann in einem Übertragungswagen, der meine Zeichnungen abfotografiert und ins Studio übermittelt», erzählt sie. Ihr Ziel ist es nicht, den Angeklagten möglichst erkennbar zu zeichnen. Vielmehr möchte sie ein Gefühl für die Person vermitteln. Sie wolle den Menschen begreifen, den sie da zeichne. Weniger seine Taten denn seine Mimik, seine Gestik, seine Aura. «Jeder Mensch ist unique, keine zwei the same. Dieses einzigartige Merkmal zu entdecken und auf Papier zu bannen, das ist mein Antrieb, mein Anspruch an mich selbst.»

Ehefrauenmörder vor dem WC getroffen

Dazu greift die Künstlerin gern zu kräftigen Farben – Rot, Blau, Grün. Auch, um ganz bewusst einen Kontrapunkt zu all dem Dunklen, Niederträchtigen, Tragischen zu setzen, mit dem sie vor Gericht konfrontiert werde. Denn auch wenn sie nur eine Beobachterrolle innehabe, würden ihr viele Fälle unter die Haut gehen. «Gerade wenn Kinder involviert sind wie bei der Zwillingsmörderin von Horgen vor einem Jahr oder kürzlich bei den beiden Kinderschändern in Münchwilen.» Da werde es ihr als Mutter zweier Töchter und zweifache Grossmutter fast unmöglich, nach einem Prozesstag abzuschalten. «Das sind dann diese Momente, wo ich meinen vor drei Jahren verstorbenen Mann ganz besonders vermisse. André hat mir jeweils geholfen, das Gehörte einzuordnen.»

Kontakt mit den Angeklagten ist die Ausnahme. «Einmal bin ich Gabor Bilkei, der 1996 seine Frau ermordet hat, im Zürcher Obergericht vor dem WC begegnet. Ich habe ihm dann Grüezi gesagt, schliesslich hatte ich ihn ja zuvor schon tagelang angestarrt, was ihm kaum entgangen sein kann.» Oder die Fraumünster-Posträuber, die 1997 mit einem mit 53,1 Millionen Franken beladenen Fiat Fiorino entkamen. «Die Boys schäkerten während des ganzen Prozesses mit mir und wollten immer sehen, ob ich sie gut treffe.» Und, hat sie? «Ja, aber gekauft haben sie schliesslich trotzdem kein Bild.» Anders als der Polizist, der in einem anderen Prozess freigesprochen wurde und sich einen «Graedel» zur Erinnerung leistete. Linda Graedel schmunzelt. «Aber erst, nachdem ich den Staatsanwalt, der ihn hinter Gitter hatte bringen wollen, aus dem Bild entfernt hatte.»

Die Gerichtszeichnerin ist übrigens auch schon einmal selbst vor Gericht gestanden: Als 16-Jährige war sie mit dem Familienkombi auf dem Highway «a little» zu schnell gefahren. «Im Sheriff Office wurde erst der Fall eines Werkzeugdiebs verhandelt, dann war ich an der Reihe.» 30 Dollar Busse. Linda Graedel zuckt mit den Schultern: «30 Dollar in a lifetime – das ist nicht schlecht, oder?»

Linda Graedels Momentaufnahmen aus dem Gerichtssaal

Gerichtszeichnung von Linda Graedel zum Fall Kindstötung in Dietikon
Gerichtszeichnung von Linda Graedel zum Fall Kindstötung in Dietikon.

Kindstötung in Dietikon

«Fälle wie der der kleinen Antonia gehen mir speziell an die Nieren, sicherlich auch, weil ich selbst Töchter und Enkelinnen habe. Das Baby aus Dietikon ZH war 2003 nach monatelanger Misshandlung und Mangelernährung durch seine Eltern an den Folgen eines Schütteltraumas gestorben. Der Vater nahm das Urteil – zwölf Jahre für ihn, sechs Jahre für seine Ex-Freundin – regungslos entgegen. Er wurde wegen Fluchtgefahr noch im Gerichtssaal verhaftet.»

Gerichtszeichnung von Linda Graedel zum Fall Schläger-Skinheads
Gerichtszeichnung von Linda Graedel zum Fall Schläger-Skinheads.

Schläger-Skinheads

«Die Boys haben mich recht ratlos gemacht. Wie kommen 19-Jährige dazu, in Liestal wahllos mit Eisenstangen und Baseballschlägern auf Passanten einzuschlagen? Für mich war der Prozess im Februar 2006 auch deswegen speziell, weil eine ganze Gruppe angeklagt war. Anders als ein Fotograf habe ich beim Zeichnen die Möglichkeit, mehrere Personen gebündelt darzustellen, obwohl sie im Gerichtssaal weit auseinander sitzen.»

Gerichtszeichnung von Linda Graedel zum Fall Tschanun
Gerichtszeichnung von Linda Graedel zum Fall Tschanun.

Fall Tschanun

«Der Prozess gegen den ehemaligen Chef der Zürcher Baupolizei, der 1986 vier seiner Mitarbeiter erschoss, war mein erster Einsatz als Gerichtszeichnerin für die ‹NZZ›. Diese erschien damals noch in Schwarz-Weiss. Günther Tschanun hat mir irgendwie Angst gemacht. Am ersten Gerichtstag habe ich bei der Befragung erfahren, dass wir beide am gleichen Tag und im gleichen Jahr geboren wurden. Das fand ich irgendwie gruselig.»

Gerichtszeichnung von Linda Graedel zum Berner Aare-Mord-Prozess
Gerichtszeichnung von Linda Graedel zum Berner Aare-Mord-Prozess.

Berner Aare-Mord-Prozess

«Meist sitze ich im Gericht auf der Seite, sehe die Angeklagten nur im Halbprofil. Hier durfte ich direkt neben dem Richter sitzen. Der Mann links hatte der Frau einen Auftragsmörder für ihren Mann vermittelt. Er hat sich während des Prozesses im Sommer 2000 in seiner Zelle erhängt, weil er den Respekt seiner Familie verloren hatte. Das hat mir sehr Leid getan, er war in meinen Augen ein sensibler, simpler Guy, der sich in etwas hatte verwickeln lassen.»

Gerichtszeichnung von Linda Graedel zum Mordfall Bilkei
Gerichtszeichnung von Linda Graedel zum Mordfall Bilkei.
Gerichtszeichnung von Linda Graedel zum Mordfall Bilkei
Gerichtszeichnung von Linda Graedel zum Mordfall Bilkei.

Mordfall Bilkei

«Beim Tierarzt Gabor Bilkei aus Dübendorf ZH war ich bis zum Schluss nicht sicher, ob er seine Frau Heike getötet hatte. Der Prozess 1999 dauerte vier Wochen. Insgesamt wurden 136 Zeugen befragt, so auch seine erste Frau, im Bild rechts zu sehen. Ein Jahr später traf ich sie per Zufall in einem Schuhgeschäft in Zürich, wo sie mir bestätigte, dass sie mich wiedererkenne. Sie war die einzige Person, die ich vor Gericht porträtiert hatte, die mir später einfach so über den Weg lief.»

Gerichtszeichnung von Linda Graedel zum Fall des Babyquälers Osterwalder.
Gerichtszeichnung von Linda Graedel zum Fall des Babyquälers Osterwalder.

Babyquäler Osterwalder

«Der Osterwalder-Prozess 1989 war wirklich schlimm. Nach dem ersten Prozesstag konnte ich nicht einschlafen, was selten passiert. René Osterwalder war in meinen Augen keine Persönlichkeit, sondern eine schwache Figur, das sieht man auch in meiner Zeichnung. Dass er als Kind ebenfalls missbraucht wurde, soll keine Entschuldigung für seine Taten sein, und Mitleid ist sicher das Letzte, was er verdient. Aber vielleicht doch etwas Verständnis?»

Fotografin: Nathalie Bissig

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