04. Februar 2019

Gerechtigkeit für Heimkinder

Diana Bach und Robi Minder haben einander gesucht. Um ihr Schicksal aufzuarbeiten und sich Gehör zu verschaffen für ein gemeinsames Anliegen: späte Genugtuung für Heimkinder – wie sie es waren.

Robi Minder und Diana Bach
Blicken auf ein dunkles Kapitel ihres Lebens zurück: Robi Minder und Diana Bach
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Gut 50 Jahre nachdem sie sich in der Ostschweiz zum letzten Mal gesehen haben, treffen sich Diana Bach und Robi Minder im Sommer 2013 wieder. Er wohnt inzwischen im Raum Basel, sie im Kanton Aargau. Zwischen ihnen springt der Funke sofort, entspinnt sich ein Briefwechsel – 600 E-Mails gehen zwischen dem sanften Mann und der zierlichen Frau mit den freundlichen braunen Augen hin und her.

Eine späte Romanze? Nein. Was die beiden bis heute verbindet und für so viel Diskussionsstoff sorgt, sind traumatische Erinnerungen an eine einsame, von Gewalt und Ablehnung geprägte Kindheit, die ihren weiteren Lebensweg bestimmt hat: Diana und Robi wuchsen beide nicht zu Hause auf, sondern bei Pflegefamilien und schliesslich im selben Ostschweizer Heim. Sie wurden abgegeben – «fremdplatziert».

Robi Minder (heute 70) und ­Diana Bach (71) finden sich nach all den Jahren wieder, als beide nach vormundschaftlichen Akten über ihre Vergangenheit suchen. Ein aufmerksamer Mitarbeiter des Staatsarchivs St. Gallen hat die beiden ­zusammengeführt. Denn als die Tore des Heims sich endlich hinter ihnen geschlossen hatten, trennten sich ihre Wege: Robi flüchtete mit 13 als Knechtlein zu einem Bauern, Diana zog als 16-Jährige zu einer Tante.

Doch die traumatischen Erlebnisse trugen beide ein Leben lang mit sich: «Seit je balanciere ich auf einem Drahtseil. Mir fehlen das Urvertrauen und die Zuversicht von Menschen, die eine behütete Kindheit hatten», sagt Robi Minder heute. Und Diana Bach beklagt: «Mir wurde das Selbstbewusstsein als Kind völlig ausgetrieben. Stattdessen lebte ich in enormer Angst. Und auch als Erwachsene versuche ich noch, mich unsichtbar zu machen. Ich hänge im Nirgendwo, ohne Halt.»

Ein Stempel namens «ill.»

Das Kinderheim Villa Wiesengrund* orientierte sich, wie viele andere Heime in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg, am pädagogischen Konzept einer Grossfamilie, der ein Heimleiterpaar mit christlichen Werten und fester Hand vorsteht. Gedacht war es für «Kinder, denen ein warmes Elternhaus fehlt», die «milieu- oder erbgeschädigt» sind: Robis Eltern liessen sich scheiden, bei Diana steht in der Vormundschaftsakte unter Zivilstand der Vermerk «ill.» für illegitim, also unehelich – in den 1950er-Jahren reichte das, um im Kinderheim zu landen, wenn die alleinerziehende, alleingelassene Mutter mit der Situation überfordert war.

Diana Bach am Konfirmationstag
Diana Bach am Konfirmationstag – kurz vor dem Heimaustritt im Jahr 1964

Es gab Häuser mit pädagogisch geschultem, professionellem Personal – sie waren indes teurer und somit für Kinder wie Diana «unerschwinglich». Das vermerkt auch ihre Vormundschaftsakte, als auf Empfehlung eines Psychologen ein anderer Pflegeplatz vorgeschlagen wird. Das Mädchen hat ständig Bauchweh und Fieber. Schliesslich wird der Blinddarm herausoperiert, aber sie muss bleiben – bei einer Heimmutter, die Diana Bach heute als Sadistin bezeichnet. Und die Heimeltern sind fest entschlossen, ihren Zöglingen «von schlimmer Abstammung» das Böse mit allen Mitteln auszutreiben.

Seit je balanciere ich auf einem Drahtseil. Mir fehlen das Urvertrauen und die Zuversicht.

Robi Minder

Dass die Kinder verschimmelten Brei essen mussten, blutig geprügelt und an den Haaren gerissen wurden, noch im späten Herbst barfuss zur Schule gingen, keinen Kontakt zu den Dorfkindern pflegen durften – man wusste es im Dorf. «Am meisten Liebe habe ich vom Hund in der Hundehütte bekommen», sagt Robi, «es kam ja nie jemand, der einen in den Arm nahm und tröstete.» – «Es gab keinen Tag, an dem wir etwas zu lachen hatten», sagt Diana Bach.

Sie waren doch so gottesfürchtig

Auch unter den Kindern gab es keine Solidarität, wurden sie doch dazu angehalten, sich gegenseitig zu «vertäfele». «Man hoffte, durch Denunzieren weniger dranzukommen», sagt Robi Minder und deutet an, wie die Heimmutter zuschlug: immer mit dem Handrücken. Von seiner jüngeren Schwester Elisabeth sah er wenig; Mädchen und Buben wurden getrennt.

Einmal schickten Nachbarn wegen der Zustände und der Gewalt im «Wiesengrund» eine Karte an das Justizdepartement St. Gallen. Es geschah nichts. In den Akten wird mitleidlos vermerkt, wie der Hausvater Robi «durchprügelte», weil er einen Kameraden nicht verraten wollte. Am Ende habe der Bub dann gestanden. Der Lehrer sagte später, das Heimleiterpaar sei doch so gottesfürchtig gewesen, deshalb habe sich niemand für die Kinder eingesetzt. Auch nicht die Vormundschaftsbehörde.

Robi Minder mit seiner Schwester Elisabeth
Seltenes Bild: Robi Minder mit seiner Schwester Elisabeth, die er kaum zu Gesicht bekam, um 1957

«Was in den Heimakten über mich geschrieben und meistens gelogen wurde, das zu verdauen war wirklich schmerzhafte Arbeit», schreibt Diana Bach über 50 Jahre später an ihren Leidensgenossen, «dass man uns damals nicht fragte und uns auch nicht glaubte, war ein gewichtiger Grund für das Elend von uns fremdplatzierten Kindern.»

Der Schatten der Vergangenheit

Man weiss: Wenn Menschen als Kinder psychische oder physische Gewalt erlebten oder vernachlässigt wurden, ist das ein hoher Risikofaktor für posttraumatische Belastungsstörungen. Die beiden intelligenten Kinder gingen auf ihre Weise mit dem Erlittenen um: Der sensible Robi – er arbeitet auch nach der Pensionierung als Hausmeister – lernte vorwegzunehmen, was das Gegenüber von ihm verlangte, flüchtete sich wie ein Schauspieler in Rollen, die ihm Halt und Sicherheit gaben. Das konnte ihn allerdings nicht vor Panikattacken schützen, die ihn über Jahre immer wieder heimsuchten.
Die empfindsame Diana brachte zwar Leistung – sie  schloss als Werkstudentin ein Pädagogikstudium ab und wurde Lehrerin –, blieb aber zeitlebens die Aussenseiterin, die man oft mobbte.

Mir wurde das Selbstbewusstsein völlig ausgetrieben. Stattdessen lebte ich in enormer Angst.

Diana Bach

Immer war der Kraftaufwand, um sich einzufügen und zu funktionieren, immens. Während Robi Minder das Glück hatte, in einer liebevollen Partnerschaft eine Stütze und Zuflucht zu finden, war das Diana Bach nicht vergönnt. Sie fühlt sich auch mit 71 wie «Schneewittchen im Glassarg» oder wie ein «Schattenwesen», zu dem sie sich in den Jahren im Heim entwickelt hat: scharf beobachtend, aber isoliert, von den anderen und auch von sich selbst.

Ein Zeugnis der Zeit

Dass ihre Lebensgeschichte jetzt in einem Buch aufgearbeitet und in einen zeitgeschichtlichen Kontext gestellt wurde, ist für die beiden «Leisen», die sich als Heimkinder gegenüber Verdingkindern manchmal in der Diskussion übergangen fühlen, ein Akt der Selbstermächtigung, ein Schritt aus der Opferrolle und auch ein Beitrag an die politische Diskussion. «Heimkinder kommen in der Debatte einfach zu kurz», sagt Robi Minder. Dabei waren Tausende kleiner Kinder betroffen.

Die 25'000 Franken, die sie dank der Wiedergutmachungsinitiative erhalten, schätzen die beiden als Geste der Anerkennung des erlittenen Unrechts und als Geschenk. Für die Zukunft wünscht sich Robi Minder, dass er weiterhin in seiner Familie mit drei Enkeln Harmonie erleben darf.
Diana Bach hofft, dass sie vertrauensvoller leben kann. «Und dass ich die Dankbarkeit spüre, dass ich es überlebt habe.»

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