31. August 2017

Gente di Mare von Favignana

Die Fischerinsel vor der Westküste Siziliens ist ein Paradies für alle, die Sonne, türkisblaues Meer und ganz viel Ruhe lieben. Hier verbringen fast nur Italiener ihre Ferien. Die Menschen sind ungekünstelt und geradlinig. Das Meer hat alle Schnörkel weggewaschen.

die Cala Rossa
Blau wie in der Karibik: die Cala Rossa, hinten die Insel Levanzo.

Es ist heiss. Der Scirocco bläst. Ungerührt schlendern zwei Polizistinnen in Uniform, adrett mit weissem Käppi, Ledergürtel und Täschchen, durch die Gasse zum Dorfplatz. «Aiuto, aiuto», ruft da ein Sizilianer um Hilfe und fuchtelt mit den Armen. «Der Dieb hat meinen Schinken gestohlen.» Die Polizistinnen schauen ernst. Wohin der Spitzbub denn geflohen sei, wollen sie wissen. «Da, da», der Mann zeigt Richtung Meer. Alle gucken aufs Meer. Und dann prusten sie los.

«Scherzo», erklärt das «Opfer» den verdutzten Touristen, die die Szene verfolgt haben. Die Geschichte mit dem Schinken stammt aus Siziliens erfolgreichster Fernsehserie aller Zeiten, «Commissario Montalbano». Und die Sizilianer lieben es, ihre Ordnungshüter auf den Arm zu nehmen. Die beiden Polizistinnen sind an die nächste Strassenecke weitergezogen und längst wieder am Plaudern.

Polizisten
Polizisten sind immer Freund, Nachbar, Tochter oder Sohn.

Dann umrunden sie ein Fahrrad, betrachten es von allen Seiten, rütteln am Schloss. Einer war so frech, das Velo ins Halteverbot zu stellen. Che crimine! Pöstler Carmelo braust auf der Vespa heran, zieht ein paar Briefe aus der Umhängetasche und drückt sie einer Dorfbewohnerin in die Hand. «Per il papà», sagt er und zwinkert. Carmelo ist der einzige Pöstler hier. Ist er in den Ferien, gibt es keine Post.

Carmelo ist der einzige Pöstler
Carmelo ist der einzige Pöstler auf der Insel. Er übergibt die Post auch unterwegs, wenn er zufällig den Empfänger trifft.

Das ist Favignana, der wohl friedlichste Ort Siziliens. Die Insel ist klein und bei stürmischer See schwer zu erreichen. Das hält zwar Verbrechen, Hektik, Fortschritt, aber auch den Wohlstand fern. «Un po’ indietro» nennen die Favignanesi ihre Insel, «ein bisschen zurück».

Eine fixe Idee und ein Happy End

Von Leuchtturm zu Leuchtturm misst Favignana ganze neun Kilometer. Das Krächzen der fetten Möwen am Porticciolo di Punta Lunga, dem kleinen Hafen auf der Inselseite, die dem Dorf gegenüberliegt, klingt wie Kindergeschrei. In der Tauchschule Posidonia Blu bereitet die Schweizerin Silvana De Biasio eine Tauchtaufe vor – ein Mailänder will das erste Mal mit einer Druckluftflasche tauchen.

Das Meer um die Ägadischen Inseln ist ein geschütztes Unterwasserreservat, ein Paradies für Tiere und Taucher. Hier ist es bunter als an manch exotischem Tauchspot in Sansibar oder in der Karibik. Tauchlehrer Manuel Piazza (29), ein echter Popeye, und sein Cousin Emiliano Radice (28) bereiten die Taufe vor. Emiliano ist überall mit bunten Meeresmotiven tätowiert und trägt eine Badehose mit Seesternchenmotiv von seiner Tante. Silvanas Gatte Salvatore Campo (56) kümmert sich liebevoll um den Täufling.

Silvana De Biasio und ihr Mann Salvatore Campo (ganz rechts) mit Manuel Piazza (links) und Emiliano Radice
Silvana De Biasio und ihr Mann Salvatore Campo (ganz rechts) leben mit den Kollegen Manuel Piazza (links) und Emiliano Radice in einer Art Wohngemeinschaft.

«Die Männer hier sind sensibel und warmherzig», sagt Silvana De Biasio (53). «Auf der Insel muss man nicht so tough sein.» Vor 16 Jahren hat sich die Schweizerin zuerst in die Insel und dann in Salvatore verliebt. Damals, noch in der Schweiz, war ihr ein Reiseheft in die Hände gefallen, darin war ein Mann zu sehen, der einen Kopfsprung in ein leuchtend türkisfarbenes Meer machte. «Es war nur ein Bildchen. Aber ich wusste, ich musste diese Farbe sehen.»

L'amore traf ins Türkisblaue

Sie suchte und fragte herum, bis sie wusste: Das Bild zeigte die Cala Rossa, die schönste Badebucht auf der Insel Favignana im tiefsten Mittelmeer. «Danach hatte ich nur noch Favignana im Kopf. Es ist mein Seelenort, das ist etwas, das man spürt und nicht erklären kann.»
Silvana lernte Salvatore Campo beim Tauchen kennen. Am Anfang war sie sich nicht sicher, ob auch sie ihm gefiel. An einem heissen Tag – sie lag mit ihrer Schwester im warmen Wasser der Cala Rossa – schaute sie hoch zu den Felsen. Dort stand er und suchte mit den Augen das Meer nach ihr ab. L’amore hatte ins Türkisblaue getroffen.

das Dorf Favignana
Blick über das Dorf Favignana

Aber auch auf Favignana ist nicht alles nur süsses Leben. Im Winter, wenn das Wetter schlecht ist, kann es Tage dauern, bis die Fähre anlegt. Die Lehrer bleiben weg, die Schule bleibt zu. In den Läden leeren sich die Regale. Touristen reisen gar nicht erst an. Das Geld reicht nicht fürs ganze Jahr. «Wir leben im Paradies, aber von der Hand in den Mund», sagt Silvana De Biasio. 1000 Franken sind für sie ein Vermögen.

Die Saison ist kurz, 120 Tage lang ist es in der Tauchschule ein Krampf. Dann klappen die Favignanesi das Trottoir hoch und machen Winter. Die Schweizerin kann das nur schwer verstehen. Auch nach der Hochsaison ist es hier noch heiss und sonnig, man könnte so viel aus der Insel machen.

Weg von hier will keiner. Alle lieben den Ort. «Wir sind an die Felsen gefesselt», sagen die Inselbewohner über sich selbst. Es sind starke Fesseln. Auf Favignana ist alles rot, gelb, lebendig, die Boote sind bunt, die Calas, die Badebuchten aus Sandstein, pudrig weiss, und bei der Farbe des Meers wähnt man sich in der Karibik. Man riecht die Kräuter, Thymian, Rosmarin, die ganze Insel duftet. Das Essen schmeckt gut, die Früchte sind reif, die sizilianischen Orangen süss.

Kein Schnipo, dafür Fisch à discretion

Die Spezialität schlechthin ist der Thunfisch. Man isst ihn pur, ohne Butter oder Sauce und vorzugsweise bleu. Wie zartes Rindsfilet. Die Inselrestaurants machen keinen Bückling vor dem Tourismus. Auf den Speisekarten findet man kein Schnipo und kaum Fleisch, nur frischen Fisch und wunderbare sizilianische Kost, wie Caponata aus Auberginen, Tomaten, Zucchetti und frischen Kapern von den hier üppig wachsenden Sträuchern. Oder Arancini, frittierte Reisbällchen gefüllt mit Mozzarella, Erbsen und Sugo. Und viel Weisswein.

Verbindungsgasse zwischen Piazza Europa und Piazza Matrice
Dorf Favignana: die Verbindungsgasse zwischen Piazza Europa und Piazza Matrice. Mit dem Velo ist alles gut zu erreichen.

Oder Couscous, ein Erbe der arabischen Nachbarn, das die sizilianischen Mammas verfeinert haben. Jede hüte ihr eigenes Couscous-Geheimrezept, verrät Salvo Campo nicht ohne Stolz. «Quello che c’è...c’è!» – es hat, was es hat – heisst denn auch ein Restaurant im Dorf. Es bietet, was das Meer und der sizilianische Boden herzugeben bereit sind.
Etwa Carpaccio aus rotem Thunfisch mit Pistazien, Insalata siciliana mit reifen Orangen, Oliven, Fenchel, Kapern und Tomaten oder auch Busiate al pesto trapanese, eine sizilianische Pasta an Mandelsauce, die richtig glücklich macht.

Bis vor wenigen Jahren haben die Insulaner vom Thunfischfang, der Mattanza, gelebt. Wenn im Mai der Nordwind die Thunfische zu den Inseln trieb, wurde ein kilometerlanges Netz zwischen die Boote gespannt. Die Fischer hievten die Fische mit Stangen aus dem Wasser, jeder rund 400 Kilogramm schwer.

Der Chef der Thunfischjäger

Es waren zwei, drei Monate harter und gefährlicher Arbeit, es war aber auch ein grosses Fest: Draussen schwammen die Thunfische, an Land schlemmten die Einheimischen und Touristen Thunfischbrötli vom Grill.
Die Fischer wurden gefeiert wie die Helden. Heute wird ein Grossteil des Thunfischbestands bereits auf See von industriellen Flotten abgefischt und zum Beispiel nach Japan exportiert.

Clemente Ventrone (links) und Gioacchino Cataldo
Die bekanntesten Thunfischjäger Siziliens: Clemente Ventrone (links) und Gioacchino Cataldo. Über die beiden gibt es Filme und über Ventrone sogar einen Liebesroman.

Gioacchino Cataldo, mit 191 Zentimetern Körperlänge der Inselriese, räumt seine Barke auf. Der 76-Jährige ist der letzte Capo della Tonnara, der Chef der Thunfischjäger. Über ihn wurden viele Filme gedreht, die Journalisten kamen aus aller Welt. «Meine zweite Berufe ware Latin Lover», sagt er in einem deutschen Singsang, das manche Touristin um den Verstand gebracht haben soll. Und: «Was haben wir mehre wie euch? Ein bisschen Salz mehre und viel Temperament mehre.»

Gioacchino lacht und schlurft in Adiletten zum Aperitivo auf die Piazza. Dort sitzen alte Männer, schweigen und schauen. Aus den Fenstern palavern die Frauen. Es duftet nach Pasta und Pesce. Geld ist immer knapp, aber den Genuss lässt sich keiner nehmen.
Zum Glück ist Dolcefarniente gratis. 

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