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11. Mai 2015

Damit die Schule im Dorf bleibt

Aus der Not geboren, mittlerweile ein erfolgreiches Unterrichtskonzept: Mangels Schüler werden mehrere Jahrgänge in altersdurchmischte Klassen zusammengelegt. Wie im appenzellischen Schwellbrunn, wo Erst- und Zweitklässler gemeinsam die Schulbank drücken. Dazu Experte Xavier Monn: «Mehrjahrgangsklassen sind ein Fortschritt».

Sara, 1. Klasse: «Ich lese sehr viele Bücher.»
Sara, 1. Klasse: «Ich lese sehr viele Bücher, deshalb bin ich im Lesen gut und kann schon die schwierigen Aufgaben lösen.»

Es ist ein kleines Grüppchen, das sich an diesem Donnerstag vor der Wandtafel im Kreis hingesetzt hat. Wie jeden Tag um 8.15 Uhr startet die Klasse von Angela Rütsche (60) mit einem Morgenritual in den neuen Schultag und singt gemeinsam ein Lied. Auf den ersten Blick fällt nichts Besonderes auf. Dabei ist diese Gruppe aus 13 Schülerinnen und Schülern keine Klasse, wie man sie heute in den Schweizer Schulhäusern mehrheitlich vorfindet.

Schwellbrunn ist die höchstgelegene Gemeinde im Appenzellerland und gehört mit seinen knapp 1'500 Einwohnern zu jenen Orten in der Schweiz, die sich in der Vergangenheit Gedanken darüber machen mussten, wie sie ihre Schulen im Dorf behalten könnten. Grund dafür waren die sinkenden Schülerzahlen, die den Behörden Sorgen bereiten. Denn sinken die Schülerzahlen, schrumpfen die Schulklassen. Und die Klassengrösse wiederum ist gesetzlich vorgeschrieben. Eine der gängigsten Lösungen für solche Fälle lautet, mehrere Jahrgänge zusammenzulegen und sogenannte Mehrjahrgangsklassen zu bilden.

Schwellbrunn widerlegt ein altes Vorurteil

In den letzten Jahrzehnten waren besonders Randregionen von dieser strukturellen Veränderung betroffen. Dies ist wohl heute noch der Ursprung des verbreiteten Vorurteils, dass Mehrjahrgangsklassen-Schulen ausschliesslich «über den Wolken und hinter dem Wald» gelegen seien. Doch längst hat sich dieses Schulmodell auch in anderen Regionen etabliert: Mischklassen findet man heute sowohl in ländlicher als auch in städtischer Umgebung.

Die Erstklässler machen Arbeiten zum Thema Uhrzeit, Hansueli (2. Klasse) übt am Boden
1. und 2. Klasse der altersdurchmischten Klasse in Schwellbrunn: Die Kinder machen Arbeiten zum Thema Uhrzeit, Hansueli (2. Klasse) übt am Boden.

In Schwellbrunn sind Mischklassen so normal wie der Sennenschmuck in den Ohren der Bauernbuben. Das Schulhaus Weiher ist eines von drei Schulhäusern im Ort und vereint unter seinem Dach neben dem Kindergarten auch die ersten beiden Primarstufen. Diese sind jeweils auf zwei Parallelklassen verteilt – 1. und 2. Schulstufe sind in Mischklassen organisiert.

Im Schulzimmer von Angela Rütsche haben die Kinder das Morgenritual soeben beendet. An diesem Morgen steht in der 1./2. Klasse eine sogenannte Lernlandschaft auf dem Programm. Auf den Fensterbänken verteilt liegen mehrere Dutzend Mäppchen rund um das Thema Uhrzeit, alle nach Farben sortiert, die jeweils einen unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad markieren. Die Schülerinnen und Schüler wissen, was zu tun ist, und nach einer kurzen Anweisung durch die Lehrerin schnappt sich jedes der Kinder eines der Mäppchen, um dann an seinem Platz daran zu arbeiten. Anders, als man vielleicht erwarten könnte, sind es nicht nur die Zweitklässler, die eine der eher schwierigen Aufgaben auswählen. «Manche Erstklässler können je nach Thema gut mit den Zweitklässlern mithalten», erklärt Angela Rütsche. Die Lernlandschaft erlaube es, dass jedes Kind seinem eigenen Lernniveau entsprechend eigenständig lernen könne – egal, auf welcher Schulstufe es sich befinde.

Klassenlehrerin Angela Rütsche
Klassenlehrerin Angela Rütsche.

Stärken, nicht Schwächen sind das Thema

Während die Kinder arbeiten, bewegt sich die Klassenlehrerin zwischen den Schulbänken hin und her, hilft, wo nötig, nach oder beantwortet Fragen. Und auch wenn einige der Kinder sichtlich länger über bestimmten Aufgaben grübeln als andere, so ist dies im Klassenzimmer kein Thema. «In einer gemischten Klasse sprechen wir nicht von Schwächen, sondern von Stärken», erklärt Angela Rütsche. Jedes der Kinder habe seine Stärken, und diese würden geschätzt, nicht nur in den klassischen Leistungsfächern wie Rechnen oder Lesen und Schreiben. «Turnen oder Mensch und Umwelt sind bei uns genauso wichtig.»
Auch wenn im Schulhaus Weiher in bestimmten Fächern die Schülerinnen und Schüler gemeinsam lernen, so werden beispielsweise die Zweitklässler jeweils drei Stunden pro Woche zusätzlich separat unterrichtet.

Wenn es um das Thema altersdurchmischte Klassen geht, so streichen Experten häufig einen positiven Aspekt hervor: Kinder in gemischten Klassen würden ihre Sozialkompetenzen erhöhen, sagen sie. So würden sie beispielsweise von Beginn weg lernen, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Gerade in der sensiblen Phase der Einschulung verfügen gemischte Klassen über einen besonderen Vorteil: «Die Grossen kennen das Schulzimmer und die Abläufe. So können sich die Kleinen mit Hilfe der Älteren rasch eingewöhnen, denn sie kommen in ein bereits sehr gut funktionierendes Gefüge», erzählt Angela Rütsche.

Sie lernen, sich um Mitschüler zu kümmern

Nicht nur der Schulstart fällt den Erstklässlern so leichter, auch die Zweitklässler lernen in einer solchen Situation, wie man sich um seine Mitschüler kümmert und Rücksicht nimmt. «Im besten Fall können die Zweitklässler von ihren eigenen Erfahrungen profitieren, denn auch sie waren ja ein Jahr zuvor die Erstklässler», so Angela Rütsche.

Hansueli (2. Klasse) wählt seine Übung aus
Hansueli (2. Klasse) wählt seine Übung aus.

Die Schülerinnen und Schüler der 1./2. Klasse in Schwellbrunn sind es sich gewohnt, selbständig zu arbeiten – auch das ist eine wichtige Kompetenz. «Wenn ich mich der einen Hälfte der Klasse widme, so arbeitet die andere Hälfte für sich.» In solchen Situationen gelte im Schulzimmer die Regel, dass die Lehrerin nicht gestört werden dürfe. Treten dann also Fragen auf, so müssen die Kinder selber nach Lösungen suchen oder die Mitschüler um Hilfe bitten, bis die Lehrerin wieder frei ist und allfällige Probleme lösen kann. «Die Kinder sozialisieren sich so selbst», erklärt Schulleiterin Barbara Brandenberg. Dennoch sei etwas unbestreitbar: Damit alle von dieser Schulform profitieren können, müssen die Lehrpersonen viel Engagement und Motivation mitbringen. «Nur so kann diese Schulform erfolgreich sein», ist die Schulleiterin überzeugt. 

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