15. Oktober 2017

Gemeinsam für den Bergwald

Holz sägen, Äste beigen, kochen: 25 Familien machen jedes Jahr Ferien in den Schutzwäldern der Schweiz. Kinder und Eltern packen gemeinsam an, haben Spass und lernen viel. Das zeigt der Besuch in einer Projektwoche im bündnerischen Münstertal - und die Tagebuch-Berichte von Ananda, Jascha, Finn & Co. aus Trin GR vom 8. bis 13. Oktober.

Rodungsarbeiten im Schutzwald
Bei der Pflege des Schutzwalds dürfen Kinder mit echtem Werkzeug hantieren.
Lesezeit 3 Minuten

DAS TAGEBUCH DER KINDER

FREITAG, 13.10., Jascha (11): und Ananda (12): Heute war auch schon unser letzter Arbeitstag. Wir haben eine sehr spannende Woche hinter uns. Haben viel gelernt und hatten auch sehr viel Spass.

Heute, am letzten Tag, retteten wir noch kleine Eibenbäumchen. Wir suchten kleine Findlinge und pflanzten diese an einer geeigneten Stelle wieder ein. Wie wir gestern ja schon gelernt haben, sind auch Eibenbäumchen eine Delikatesse für das Wild, deshalb bauten wir noch einen Schutzzaun drumherum. Das Zäunebauen war cool. Wir hämmerten drei Pfähle in den Boden und spannten einen Draht drumherum.

Mein Highlight heute war, dass ich eine Stelle gefunden habe, wo Rehe übernachtet haben. überall war das Gras plattgedrückt.
Wir haben diese Woche gelernt, dass es wichtig ist, den Schutzwald in der Schweiz zu erhalten. Ohne den Wald könnte man hier nicht leben. Der Wald hat viele Schutzfunktionen, z.B. Lawinenschutz, Geröllschutz. Und er hält einiges Wasser auf.
Heute Abend werden wir noch zusammen den letzten Abend geniessen, bevor wir morgen früh wieder unsere Sachen packen und das Casa Mesaglina verabschieden werden.
Es war ne coole, spannende Woche!

DONNERSTAG, 12.10., Anna (Gruppenleiterin): Heute stand Wüllele auf dem Arbeitsplan. Die Endtriebe der kleinen Fichten werden mit einem kleinen Schafwollbausch umwickelt, damit die Knospe nicht vom Wild abgebissen wird. Die grosse Endknospe ist eine Delikatesse. 2000 Stück haben wir so vor dem Verbiss gerettet.

Nachmittags stand ein Ausflug auf die Alp Mora oberhalb von Trin auf dem Programm. Dort oben gibt es sogenannte Gletschermühlen: Wasser hat Geröll zum Rotieren gebracht, so entstanden über Jahre kleine Badewannen, die zum Plantschen einladen.

Jo (8): Mir hat heute die Schneeballschlacht oben auf der Alp Mora gut gefallen. Das Wasser war gut.

Matti (6): Zum Abendessen gab es leckere Spaghetti Carbonara und Salat. Ich spiele abends oft mit Finn und meinem Bruder Jo Mühle oder wir malen Bilder mit Holzstiften.

Etienne (7): Das Plantschen in den Gletschermühlen war schön, aber sehr kalt. Bin nur ganz kurz rein. Zum Zmittag gab es heute Suppe, Chäs, Eier und Nüsse. Die Suppe war so lecker, eine Minestrone. Ich würfle am liebsten Brot in meine Suppe. Anna hat ein Hirschgeweih gefunden, Mäuse haben es ganz angeknabbert. Ein Schädel von einer Geiss haben wir noch gefunden. Mit meiner Grossi habe ich unter einer Fichte mit Tannenzapfen ein Bett für die Tierchen gebaut. Sehr beeindruckend fand ich, dass wir über der Waldgrenze waren. Ich habe keine Bäume mehr gesehen.

Jascha (11): Als ich heute morgen im Wald aufwachte, war alles feucht und ich war mega müde. Dann wurden wir mit dem Bus abgeholt und in die Casa Mesaglina gebracht; dort gab es warmen Zopf und Ovi. Um halb neun fuhren wir sehr hoch hinauf, fast bis zur Waldgrenze. Dort mussten wir Schafswolle auf junge Bäume stülpen, weil das Wild sonst den Trieb isst und der Baum nicht mehr weiterwachsen kann. Als wir so durch die Gegend liefen, fand Anna ein Hirschgeweih, das von Mäusen angeknabbert war – und einen Gämsen-Schädel mit viel Karies. Dann gingen wir wandern: Ich und Finn sind eine 40 Grad steile Wand, die recht rutschig war, hochgeklettert. Dann haben wir oben einen Ballon gefunden und Geheimagenten gespiel, und schliesslich zurück in die Casa Mesaglina gefahren.

MITTWOCH, 11.10., Jascha (11): Heute war der Tag etwas entspannter, das muss auch mal sein. Im Wald rund um den Crestasee in Trin haben wir Weisstannen in ihren Gehegen gepflegt und die Schutzzäune repariert. Hirsche finden Weisstannen nämlich sehr lecker. Wir haben viel über den Wald gelernt. Einen Falter haben wir auch entdeckt. Auf der Rinde der Kiefer hat man ihn zuerst gar nicht gesehen, der konnte sich gut tarnen.

Der Förster Hitsch ist heute auch dagewesen. Ananda und ich haben ihm ein paar Fragen gestellt, auf dem Video könnt ihr euch das Interview anschauen.

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Dann gingen wir noch zur Aussichtsplattform Conn, wo man in die Rheinschlucht hinunter schauen konnte, ich habe mich aber nicht getraut. Die Sonne hat den ganzen Tag geschienen.


Wir übernachten heute im Wald. Unsere Köchin Doro hat mittags Würste, Schlangenbrot und Gemüse für uns vorbereitet und uns abends in den Wald gebracht. Wir haben alle unsere Schlafsäcke und Isomatten mitgenommen. Später haben wir dann im Wald ein Lagerfeuer gemacht und unsere Würste gegrillt. Das Schlangenbrot war mega lecker! Jetzt bereiten wir uns auf die Nacht vor.

DIENSTAG, 10.10., Finn (7): Den grössten Baum zu fällen hat mir am besten gefallen heute. In der Pause haben wir Räuber und Bulle im Wald gespielt, das hat Spass gemacht.

Etienne (7): Jo, einfach alles hat mir heute gefallen. Ist halt eine andere Art zu arbeiten.

Matti (6): Heute haben wir soooo viele Bäume gefällt.

Ananda (12): Heute war es mega cool. Bäume fällen hat wirklich Spass gemacht. Was ich toll fand, ist, dass die Kleinsten jedes Werkzeug probieren durften. Es gab kein: «Du bist zu klein und zu schwach.» Wir haben gelernt wie man richtig Bäume fällt und haben es gemacht. Das war toll.

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Jo (8): Ich habe heute sehr grosse Bäume gefällt, mit der Säge.

MONTAG, 09.10., Jo (8): Am besten hat mir gefallen, dass ich so viele Bäume mit der Säge abschneiden konnte.

Ananda (12): Heute gingen wir in den Wald, ziemlich hoch hinauf, bis 1700 Meter. Alle 100 bis 200 Meter hatte es ein Gehege mit Vogelbeersträuchern, die wir von Unkraut und anderen Pflanzen befreien mussten. Wir arbeiteten mit Schere und Säge. Wir schnitten alle Äste der Weiden ab und schmissen sie auf einen Haufen. Nach dem Mampfen der Suppe, die wir über dem Feuer gekocht hatten, ging es weiter mit Äste Räumen.

Wir verliessen den Weg und legten alle Äste auf Häufen. Am Besten gefiel mit eigentlich das Äste Zusammenräumen, das fand am steilen Hang statt. Danach latschten wir ins Dorf zurück und spielten noch ein wenig im Haus.

Matti (6): Mir hat alles am besten gefallen.

Finn (7): Ich fand das Lagerfeuer cool.

Jascha (11): Heute sind wir in ein Gehege für Vogelbereren gegangen, dort mussten wir Weiden abschneiden, weil sie das Wachstum hindern. Dann mussten wir Äste von gefällten Bäumen auf Haufen tun. Ich war mega erschöpft, als ich in der Casa Mesaglina ankam.

Sonntag, 08.10. Jascha (11): Ich habe erwartet, dass wir in einer einfachen Hütte übernachten, aber ich war mega überrascht, als ich hier ankam: In der Casa Mesaglina hat es einen Lift, WLAN – sagen wir es in einem Wort: Das Haus ist sehr modern ausgebaut und wie ein Labyrinth! Wir haben eine Fernbedienung für das Dachfenster und die Türen öffnen sich mit einer Karte. Es ist alles aus Holz, das in den Wäldern von Trin gewachsen ist.

Die Kinder im Bergwaldprojekt in Trin
Die Kinder im Bergwaldprojekt in Trin GR, soeben angekommen.

Ananda (12): Ich finde, der Start macht einen guten Eindruck. Ich freue mich auf die nächsten Tage! Die Gruppe ist recht klein, das gefällt mir, man lernt so die Leute schneller kennen. Es sind sechs Kinder zwischen 6 und 12 Jahren, eine Grossmutter, eine Mutter, drei Väter, drei GruppenleiterInnen, eine Köchin und ein Projektleiter. Nachdem wir angekommen waren, gingen wir auf eine Burg, wo Kennenlern-Spiele auf dem Programm standen. Wir kennen noch nicht alle Namen, aber trotzdem kennen wir uns schon ein bisschen. Die Eltern haben schon Beruferaten gespielt.

DIE REPORTAGE AUS DER WOCHE IN TSCHIERV GR (AUGUST 2017)

Balthasar (8) leckt die Arvenrinde von innen ab: «Mmh, die ist ja ganz süss», ruft er und reisst noch ein Stück Rinde ab. Soeben haben er und Selina (13) eine etwa 20 Zentimeter dicke Arve gefällt. Selina ist die Tochter eines Bündner Försters, Balthasar kommt aus Winterthur ZH. Sie nehmen mit acht weiteren Kindern und sieben Müttern und Vätern an einem Familien-Bergwaldprojekt teil. Gemeinsam arbeiten die beiden Kinder am steilen Hang auf rund 2200 Meter über Meer oberhalb von Tschierv GR, einem Dorf an der Ofenpassstrasse.

Im Lawinenwinter 1950/51 zerstörte hier eine Lawine ein Haus im unten liegenden Dorf. Danach wurde der Hang mit Arven wieder aufgeforstet, typischen Bergwaldbäumen, die mit Temperaturen von bis zu minus 40 Grad klarkommen. Heute stehen die drei bis fünf Meter hohen Bäume zu eng, um richtig stark zu werden. Es mangelt an Platz und Licht.

Laura Brunner (32), Forstingenieurin und Leiterin der Bergwald-Projektwoche, markiert deshalb die kräftigsten Bäume. Danach sägen die kleinen und grossen Arbeiter diejenigen Bäume ab, die den markierten zu nahe stehen. So kann sich der Schutzwald langfristig gut entwickeln und das Dorf schützen.

Aufräumen macht hier Spass
Nun gehts ans Wegräumen des gefällten Baums: Äste abknipsen, den Stamm zerteilen und alles hinter einen Baumstrunk packen. Anna (8) aus Basel findet das Aufräumen hier viel einfacher als zu Hause: «Hier muss ich nicht alles sortieren», sagt sie, «hopps, auf den Haufen, und gut ists.» Ihre Mutter hilft ihr bei den schweren Holzstücken.

Von weiter hinten im Wald ist die Jungengruppe zu hören: «Achtung, Baum fällt!», rufen Linus (10) und Moritz (11), genauso, wie sies hier gelernt haben.

Kochen über dem Feuer
Romantisch: Das Essen wird über dem selbstgemachten Feuer gekocht.

Die Arbeit in der Jungwaldpflege ist bei den Kindern sehr beliebt. Hier können sie gleich mehrere aufregende Dinge gleichzeitig tun: sich austoben, mit echten Werkzeugen hantieren, neue Freunde kennenlernen, etwas über die Natur lernen und Förster spielen. Und dabei etwas Sinnvolles tun.

Nach dem Essen ist noch Zeit, um Schmetterlinge, Käfer und Blumen zu betrachten, dem Krächzen des Tannenhähers zu lauschen, den Blick über Gletscher und schroffe Bergzacken schweifen zu lassen. Und dann heissts wieder: Handschuhe, Weste und Helm anziehen, ein Werkzeug schnappen und in den steilen Hang stechen.

DIE TAGEBUCHSCHREIBER

Text: Milena Conzetti

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