31. Juli 2019

Warum wir die Welschen lieben

Die Romands und wir ticken ziemlich unterschiedlich – bei Abstimmungen, Apéro oder Abfallgebühr. Trotzdem faszinieren uns die Nachbarn. Eine Liebeserklärung mit 27 Gründen zum 1. August.

Lesezeit 1 Minute

Creux du Van

1. Weil wir ihren Grand Canyon anhimmeln können
Und zwar den Creux du Van, die gewaltige Felsenarena in der Nähe von Neuenburg. 160 Meter ragen die Felswände senkrecht in die Höhe. So mächtig fühlt sich die Schweiz nirgendwo sonst an.

Bastian Baker

2. Weil ihr Charmebolzen Bastian Baker auch uns schmelzen lässt
Er hat vier Alben herausgebracht, den «Swiss Music Award» gewonnen, ist mit Superstar Shania Twain um die Welt getourt. In den vergangenen sechs Jahren ist er mehr als 800-mal in über 40 Ländern aufgetreten. So weit die Fakten und Zahlen zu dem aus Lausanne stammenden Bastian Baker. Ein absoluter Charmebolzen, der sich dank seines Deutschschweizer Vaters neben Französisch auch auf Schweizerdeutsch in die Herzen der weiblichen Fans parliert. Seine Ohrwürmer haben sich längst über den Röstigraben geschlichen und gehen uns Deutschschweizern nicht mehr aus dem Kopf.

Apéro

3. Weil ihr Flair für Apéro uns inspiriert
Mittagszeit am Genfersee und am Zürichsee – was ist der grösste Unterschied? Die Deutschschweizer trinken noch Wasser, Kafi oder Energydrinks. In der Romandie ploppt hie und da schon der erste Korken. Immer wieder zeigen Studien, dass die Romands weniger gestresst sind als wir ennet dem Röstigraben. Womöglich hat es damit zu tun, dass die Westschweizer nur selten einen geselligen Apéro­Moment auslassen. Sie setzen sich hin, tauschen sich aus, stossen an – ganz entspannt. Während wir noch ewig unsere Fitness-App und unseren Terminkalender um Erlaubnis fragen. Habe ich diese Woche schon einmal getrunken? Müsste ich noch Sport machen? Habe ich nicht noch ein Meeting?

Abfallsack

4. Weil wir dank ihnen nicht für den Dreck der anderen bezahlen
Falls Sie sich nicht erinnern: Bei uns war eine Entsorgungsgebühr nach dem Verursacherprinzip längst normal. In der Romandie wurde die Abfallbeseitigung einzig durch Steuern bezahlt. Dadurch entstand nachweislich mehr Abfall. Das Bundesgericht schüttete 2011 den Güsel-Graben zwischen der Deutsch- und der Westschweiz zu. Die Gemeinde Romanel-sur­Lausanne wehrte sich gegen die Gebühren bis vor die höchste Instanz, blitzte ab und verhalf damit der Sackgebühr im ganzen Land zum Durchbruch. Nur Genf weigert sich als letzter Kanton – bis heute. Die Welschen haben halt doch noch ein «Enfant terrible» …

Zeichnung von Chappatte

5. Weil sie einen ausgezeichneten Sinn für Humor haben
Fabelhaft, die spitze Feder des Karikaturisten Patrick Chapatte und die oft bitterböse Satire von Vincent & Vincent.

Lisa Stutz auf den Wasserski

6. Weil wir bei ihnen am Lift über die Wellen sausen können
«Mein Vater ist echt schlecht. Kaum hat ihn der Wasserskilift zwei Meter weit gezogen, fällt er von den Skiern und ungespitzt ins Wasser. Ich schäme mich ein bisschen, bin aber auch stolz, dass ich viel weiter komme. Okay, nicht mega weit, schliesslich ist der Lift 800 Meter lang, und mich haut es etwa nach einem Viertel ins kühle Nass. Es ist der längste Wasserskilift der Schweiz, hier in Estavayer-le-lac, am Südufer des Neuenburgersees. Das Wetter ist ein Traum an diesem Hochsommertag. Blauer Himmel, blauer See. Wir tragen Neoprenanzüge. Über das Wasser zu gleiten ist toll.
‹Beide noch einmal›, kündigt mein Papi an, ‹dann gehen wir eins trinken.› Ich geniesse meine letzte Fahrt, den Wind um die Ohren, das Wasser unter den Skiern. Nach mir ist mein Vater dran. Dauert ja nicht so lange, denke ich und nestle bereits am Reissverschluss meines Anzugs rum. Und dann fällt er nicht! Er fährt und fährt bis fast zum Ende des langen Lifts. Jubelnd kommt er an Land. Und ich habe Mühe, meine Kinnlade hochzubringen.»

Getestet von Redaktorin Lisa Stutz

Aquatis bei Lausanne

7. Weil sie uns Einblick in Unbekanntes gewähren
Im Aquatis bei Lausanne kann man in die Süsswasserwelten der Erde eintauchen – und neben Fischen und Amphibien gibts sogar einen Komodowaran zu bestaunen.

Immobilien

8. Weil es Häuser nirgends günstiger gibt (und auch nirgends teurer)
In der Westschweiz gibt es die günstigsten Immobilien des Landes, zum Beispiel ein ganzes Haus im Kanton Jura für weniger als 100 000 Franken. Aber auch an den teuersten Adressen im Land wird französisch gesprochen: Eine Villa am Genfersee kostet schnell mal 50 Millionen und mehr.

Montreux Jazz Festival

9. Weil sie uns am Montreux Jazz Festival die Stars vom Himmel holen
Elton John, Janet Jackson, Paolo Conte, Jamie Cullum – das Line-up des Montreux Jazz Festival besteht Sommer für Sommer aus Weltstars, und das schon seit 53 Jahren. Was einst mit einem dreitätigen Festival begann, zieht inzwischen über 200 000 Besucher an. Sie tanzen, flanieren, jammen und chillen während der sonnigen Stunden zwischen den Konzerten am Seeufer. Kein anderes Schweizer Festival hat eine so internationale Ausstrahlung, sogar weltweit können ihm nur wenige das Wasser reichen.

in Genf

10. Weil sich in Genf die ganze Welt trifft

Noémie Schmidt aus Sion

11. Weil diese aufstrebende Schauspielerin uns entzückt
Seit «Wolkenbruch» ist sie auch bei uns bekannt: Die 28-jährige Schauspielerin Noémie Schmidt aus Sion ist international erfolgreich. Heute lebt sie in Paris, dreht Filme und engagiert sich als Botschafterin von Patouch, der Walliser Organisation für sexuelle Aufklärung.

Abstimmungen

12. Weil sie es ertragen, dass wir bei Abstimmungen komplett anders entscheiden als sie – ob EWR-Beitritt (1992) oder Masseneinwanderungs-Initiative (2014)

Neuchâtel  International Fantastic Film Festival (NIFFF)

13. Weil sie ein Herz für Ausserirdische haben
Übernatürliches, Ausserirdisches und Unheimliches fristet an anderen Schweizer Filmfestivals bestenfalls ein Nischendasein – beim Neuchâtel International Fantastic Film Festival (NIFFF) steht es jedes Jahr eine Woche lang im Zentrum. Das NIFFF schafft es auch regelmässig, hochkarätige Gäste an­zulocken, wie etwa 2014 George R.R. Martin («Game of Thrones») und dieses Jahr Oscar-Gewinner Jean Dujardin («The ­Artist»).

Raclette fliesst

14. Weil bei ihnen das ganze Jahr über Raclette fliesst
Raclette ist ein spezielles Gericht auf der kulinarischen Landkarte: Geselligkeit mit Ofen, Pfännchen und Holzschaber, wenn draussen Schnee fällt und es drinnen wohlig warm unter der Käsedunstglocke ist – so weit, so nördlich der Alpen. Im Wallis, in der mutmasslichen Heimat des Schmelzkäses, fällt die Raclettesaison hingegen in den Sommer. Geschmolzen wird ein halber Laib am offenen Feuer, auch unter freiem Himmel, praktisch geruchsfrei. Dazu ein kühler Fendant vom nahen Hang. Quel plaisir!

Lavaux

15. Weil dieser Anblick alle Sinne rührt
Von den Weinbergen des Lavaux, den Zinnen des Schlosses Chillon oder aus dem Zug, wenn er bei Puidoux den Tunnel verlässt: Der Blick auf den Lac Léman ist eine Wucht.

der «Weihnachtsvater»

16. Weil sie das Christkind uns überlassen
«Père Noël» heisst der Weihnachtsmann in der Westschweiz, und der bringt am Weihnachtsabend die Geschenke. Anders als das Christkind hat der «Weihnachtsvater», der mit seinem weissen Bart und der roten Kleidung aussieht wie unser Samichlaus, keinen religiösen Hintergrund. Ihren Brauch teilen die Romands mit den Franzosen und den Italienern. Das Christkind hingegen kennt man in der Deutschschweiz, in Süddeutschland, in Österreich, Tschechien, der Slowakei und in Ungarn.

Universität in Fribourg

17. Weil wir dank ihnen auch ohne Matur studieren können – an der Universität in Fribourg

Milchchessi

18. Weil sie noch mehr über Käse wissen
Milch oder Käse aus der Migros stammt von Elsa Mifroma. Dieser traditionsreiche M-Industriebetrieb hat seine wichtigsten Standorte in der Romandie: In Estavayer-le-Lac FR werden täglich 700 Tonnen verarbeitete Milch ausgeliefert – von Pastmilch über stichfestes Joghurt bis zur Dessertcreme. Die Profis in Ursy FR wissen hingegen alles über Käse: Beispielsweise lassen sie in einer Höhle bis zu 100 000 Laibe Gruyère reifen.

ein spannendes Rätsel

19. Weil sie uns ein spannendes Rätsel sind

Claude Nicollier

20. Weil wir dank ihnen einen Fuss im Weltall haben
Claude Nicollier ist bis heute der einzige Schweizer, der je im Weltall war. Er ist 1944 in Vevey VD geboren. Der Raumfahrer war insgesamt vier Mal im All – während der vier Missionen verbrachte er mehr als 1000 Stunden fern von der Erde.

Joël Dicker

21. Weil Joël Dickers Krimis zum Verschlingen sind

Joël Dicker, vor Kurzem ist Ihr neues Buch «Das Verschwinden der Stephanie Mailer» auf Deutsch erschienen. Wie ist das Feedback der Deutschschweizer?
Ich bin sehr zufrieden mit den guten Rückmeldungen. Es berührt mich sehr, dass das Buch so gut ankommt. Manchmal ist es frustrierend, in einer Sprache zu schreiben, die nicht von allen meinen Landsleuten gelesen werden kann. Deshalb ist es für mich immer wie eine kleine Party, wenn die deutsche Übersetzung erscheint. Weil ich weiss, dass so eine Verbindung hergestellt werden kann.

Was würden Sie selber den Deutschschweizern gerne mal sagen?
Dass sie mir als Publikum sehr wichtig sind. Und dass ich sie in den kommenden Jahren häufiger besuchen möchte.

Wenn ihr nächster Krimi in der Deutschschweiz spielen müsste – wo am ehesten?
St. Gallen ist eine Stadt, die ich sehr mag. Ich finde, dass sie durch ihre ruhige Atmosphäre sehr geheimnisvoll ist.

Wo auf der Welt finden Sie Inspiration?
In der Schweiz, denn hier lebe und schreibe ich.

Ihre Bücher spielen in den USA. Man könnte meinen, die Schweiz sei Ihnen zu langweilig.
Nein, im Gegenteil: Die Schweiz ist ein fantastischer Bienenstock. Aber manchmal erlaubt mir die Distanz zu den USA, mehr in der Fiktion zu verwurzeln, weil die Schweiz meine Realität ist und ein Roman alles andere als Realität sein muss.

Papet vaudois

22. Weil wir ihren Würsten nicht widerstehen können
Papet vaudois: Westschweizer Klassiker: Papet vaudois mit Kartoffeln, Lauch, Weisswein und Saucissons, einer traditionellen Siedwurst mit Schweinefleisch und Speck.

Zutaten
600 g festkochendeKartoffeln
600 g Lauch
2 EL Rapsöl
2 EL Mehl
5 dl Gemüsebouillon
1 dl Weisswein
2 Saucissons Tradition oder Saucissons Vaudois, à ca. 300 g
Salz, Pfeffer

Zubereitung: Kartoffeln in 2 cm grosse Würfel, Lauch schräg in 4 cm lange Stücke schneiden. Im Öl andünsten. Kartoffeln beigeben. Mit Mehl bestäuben. Mit Bouillon ablöschen und aufkochen. Wein dazugiessen. Saucissons darauflegen. Alles zugedeckt bei mittlerer Hitze ca. 30 Minuten köcheln lassen, bis die Kartoffeln weich sind. Saucissons vom Gemüse heben und 5 Minuten zugedeckt ziehen lassen. Gemüse mit Salz und Pfeffer würzen. Saucissons in Scheiben schneiden und mit Kartoffel-Lauch-Gemüse servieren.

Zubereitung ca. 20 Min. + ca. 30 Min. köcheln lassen

Weitere Rezepte auf migusto.ch

«Combat de reines»

23. Weil sie «härti Gringe» zu Königinnen küren
Beim «Combat de reines» gewinnt die Stärkste

Clint Capela

24. Weil die Welt nicht nur ihren Wein begehrt
Die beiden Schweizer Legionäre in der US-Basketball-Liga NBA sind Romands: Clint Capela spielt für die Houston Rockets und Thabo Sefolosha für die Utah Jazz.

David Lemos, Darius Rochebin und Jennifer Covo

25. Weil sie ihren eigenen Rainer Maria Salzgeber haben
In der Romandie gibt es TV­Grössen, von denen viele Deutschschweizer nie gehört haben. Darius Rochebin (53, Mitte) stellt in den Sendungen «Téléjournal» und «Pardonnez-moi» mächtigen Politikern knallharte Fragen. Er hat schon Wladimir Putin, Emmanuel Macron oder Hassan Rohani auf den Zahn gefühlt. Bei «Téléjournal» überzeugt auch die Genferin Jennifer Covo (41, rechts) immer wieder als präzise Interviewerin – etwa wenn sie FDP-Präsidentin Petra Gössi zum Frauenstreik und zu Umweltthemen befragt. Das Deutschschweizer Pendant zu Rochebin und Covo wäre am ehesten Susanne Wille. Der Sportmoderator David Lemos (39, links) kommentiert auf RTS Fussballspiele mit einer perfekten Mischung aus Emotion und Sachverstand. Pendant: Rainer Maria Salzgeber.

Cenovis

26. Weil sie Cenovis aufs Brot streichen

27. Weil sie uns auch lieben

Die Kolleginnen und Kollegen vom Westschweizer Migros-Magazin haben uns ebenfalls 27 Gründe für ihre Liebe aufgezählt. Unsere vier Favoriten:

1. Weil wir die Schweiz erfunden haben: Damals auf dem Rütli ... gern geschehen!

2. Weil wir eine wohlwollende Mehrheit sind: Obwohl wir unsere 70 Prozent Bevölkerungsanteil voll ausnützen könnten, enthalten wir uns sogar fast jeden Spotts über Guy Parmelin oder Christian Constantin.

3. Für die Kühnheit unserer Gastronomie: Die Romands sprechen hier von Pizza Hawaii oder Schabziger – nous sommes désolés!

4. Weil wir eine kreative Sprache haben: «Gäbig», «Gspändli», «en Guete!» Das findet ihr lustig, gälled?

Alle Gründe auf migrosmagazine.ch (auf Französisch)

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