01. Juli 2019

Geiles Leben

Bänz Friedli (54) mag die Gegenwart. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser*innen austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Schöne Blumenwiese
Wie eine Blumenwiese: Das Leben ist schön.

Wenn sich vieles im Leben gerade zum Guten wendet. Man sich unglaublich über den kleinen Schwatz mit der Kroatin an der Migros-Kasse freut, die so gern von ihrem Sohn erzählt und so stolz ist auf ihn. Wenn in Frankreich die Frauen einen grossen Fussball-Sommer feiern und vor dem Fenster die Magerwiese blüht. Wenn der Italiener von der Textilreinigung im Quartier fragt, woher um Himmels willen die Flecken auf den Shirts unseres Jungen kämen und die Auskunft, der koche halt gern Sugo und tue dies leider stets in weissen Leibchen, mit einem «Seien Sie froh, dass er kocht!» quittiert, womit er einen zum Lachen bringt. Wenn man einfach wieder mal findet – und ich hoffe, Sie kennen diese Tage –, man habe ein gutes Leben. Und dann aus lauter Übermut «geiles Leben» in die Suchmaschine eintippt. Mal schauen, was da so kommt ...

Zu den Dingen, die gerade meinen Übermut beflügeln, zählen auch die bisher ungehörten Aufnahmen der «Rolling Thunder Revue», jener Konzertreise, die Bob Dylan mit Weggefährtinnen und Freunden im Herbst 1975 unternahm. Sie müssen nicht Dylan-Fan sein und meine Begeisterung auch nicht teilen. Sie müssen bloss wissen, dass die eben veröffentlichten Live-Mitschnitte von fiebriger Intensität sind, dass sie strotzen vor Auflehnung, Jugendlichkeit, Selbstbewusstsein. Ich höre mich kreuz und quer durch die 14 CDs und bin hingerissen von der flirrenden Energie. Sie bezaubert mich, und ich bedaure, dass ich all dies nicht miterlebt habe.

Den Wunsch, in einer anderen Zeit gelebt zu haben? Verspüre ich äusserst selten. Ich hätte kein alter Ägypter sein wollen, habe weder aufs Mittelalter Lust noch auf den Wilden Westen und stelle mir meine eigene Stadt vor einigen Hundert Jahren schmutzig, lärmig und voller Gestank vor. Die «Rolling Thunder Revue» hätte ich gern verfolgt. Aber sonst? Nein, ich mag die Gegenwart. Ich bin froh, dass es keine empörten Zuschriften mehr gibt, wenn man «geil» schreibt. Noch als ich hier mit dieser Kolumne anfing, hagelte es Briefe von Frommen, Besorgten und Altgewordenen, «geil» sei ein sexuell behaftetes Wort, das man nicht in der Zeitung gebrauchen dürfe, und ich musste beschwichtigen: «Easy, dem ist seit hundert Jahren nicht mehr so, und spätestens mit Simon Ammanns Doppelolympiasieg 2002 ist ‹geil› in den Alltagsgebrauch übergegangen.»

Die Suchmaschinenergebnisse für «geiles Leben»? Nebst einem nicht wirklich tollen Song von «Glasperlenspiel» und dem üblen Video einer Band namens «Störte Priester» taucht vor allem Derbes von unterhalb der Gürtellinie auf. Vielleicht ist «geil» doch nicht das richtige Wort? Sagen wir lieber: Das Leben ist schön. Absurd schön.

Die Hörkolumne (MP3)

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