05. Februar 2018

«Geeeil! Voll geil!»

Bänz Friedli wird bei Olympia doch wieder schwach. Hier kannst du dich mit anderen Lesern austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Lesezeit 1 Minute

Curling? Ich weiss noch genau, wann ich das letzte Mal Curling geschaut habe: Vor vier Jahren wars, anlässlich der Olympischen Wintersp … Dabei hatte ich mir geschworen, ich würde Sotschi boykottieren! Nichts als eine Inszenierung des russischen Regimes seien diese Spiele, ruchlos seien da Sportanlagen in Naturschutzgebiete betoniert worden – nur, um den Glanz eines Herrschers zu mehren, Wladimir Putins, der mir zutiefst zuwider sei, hatte ich schwadroniert. Und schaltete dann doch morgens um halb acht den Fernseher für Sportarten wie Rodeln ein, die wir im Vierjahresrhythmus wahrnehmen: immer nur an Olympischen Spielen.

Man weiss um die Monstrosität dieser Anlässe. Nicht erst Putin – der systematisch dopen liess – hat die Spiele missbraucht. Und nicht erst seit Sotschi ist Olympia unappetitlich. Auch in Pyeongchang wurde auf die Natur kaum Rücksicht genommen. Auch dort werden einige wenige das grosse Geld machen, derweil die lokale Bevölkerung leer ausgeht. Sie kann sich nicht einmal die Eintrittskarten zu den Wettbewerben leisten. Und nun hat sich gar noch dieser Wicht Kim Jong-un aus dem anderen Korea eingeschaltet, auch er will die Spiele für Propaganda in eigener Sache nutzen.

Iouri Podlatchikov am TV

Warum werde ich trotzdem mitfiebern? Warum «unserem» Beat Feuz die Daumen drücken, obgleich ich weiss, dass für die Abfahrt am Gariwang-Berg ein heiliger Wald abgeholzt wurde? Warum gar auf ein Märchen hoffen? Dass Simon Ammann wider alle Prognosen das Unglaubliche schafft und ein letztes Mal «Geeeil! Voll geil!» schreien darf? Dass die Eishockeyanerinnen wieder eine Medaille holen?
Und dass Iouri Podladtchikov das dreifache Wunder gelingt: überhaupt teilzunehmen nach seiner schweren Knieverletzung vor zehn Monaten und nach dem Nasenbeinbruch vorigen Sonntag; und dann seine Goldmedaille zu verteidigen? Für ihn würde ich die Nacht auf den 14. Februar durchwachen. Weil Snowboarder in der Halfpipe Künstler sind, weil Podladtchikovs letzter Run in Sotschi für mich nicht nur eine sportliche Höchstleistung, sondern ein vollendetes Kunstwerk war.

Schon schwärme ich wieder, sehen Sie? Vielleicht, weil sich mir die Faszination Olympia eingebrannt hat, ehe ich in die erste Klasse kam. «Ogis Leute siegen heute!» Sapporo 1972 …
Wir besassen noch keinen Fernseher, aber Vater schaltete frühmorgens das Radio ein, und wir feuerten Walter Tresch an, den Bobfahrer Edy Hubacher, die famose «Maite» Nadig, die Langlaufstaffel Kälin/Giger/Kälin/Hauser – ich kann die Namen noch heute aufzählen. Ein Mythos. Er ist grösser als die Vernunft. 

Die Hörkolumne herunterladen (MP3)

Bänz Friedli live: 7. 2. Heerbrugg SG, 16. 2. Falera GR

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