09. Juli 2018

Geh aus, mein Herz

Bänz Friedli wird in die Kindheit zurückversetzt. Hier kannst du dich mit anderen Leserinnen austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Singen in der Kirche der Kindheit

Ein einziger Anblick kann eine Zeitreise auslösen. Der Säer und die Ernterin – wie viele Stunden mag ich sie angestarrt, mag ich mich im Farbenspiel der Fenster verloren haben in der Dorfkirche im Ort, aus dem ich stamme? Ihr Anblick genügt, und ich bin wieder das Kind von einst, dem das laute Orgelspiel etwas ungeheuer ist, fühle mich zurückversetzt in den Jugendlichen, der sich sonntagmorgens an Gottesdienste schleppte, weil eine bestimmte Anzahl Kirchenbesuche vor der Konfirmation Pflicht war. Und manche der Hochzeitspaare, für die wir Turnkameraden hier Spalier standen, sind noch immer zusammen. An Abdankungen und Weihnachtsfeiern erinnern sie mich, der Säer und die Ernterin, an Momente der
Verlorenheit und der Freude.

Die Kirche der Kindheit ist einem auf eigenartige Weise vertraut, selbst wenn man sie nur alle paar Jahre besucht. Diesmal sind nur wenige Bänke besetzt. Nicht viele sind gekommen, einer sehr lieben Nachbarin meiner Kindertage zu gedenken, doch wie voll eine Kirche ist, sagt nichts darüber aus, wie wertvoll ein Mensch war. Ihren Garten liebte die Verstorbene über alles. Nun fordert der Pfarrer uns zum Singen auf, Kirchengesangsbuch 537, «Geh aus, mein Herz». Zaghaft hebe ich an. Ein schönes Lied. Dennoch singe ich zögerlich. Denn der Lehrer, der es uns in der vierten Klasse beigebracht hat, war ein Sadist, der manche Schüler strubbelte und schlug, sie ohrfeigte, mit dem Schlüsselbund bewarf. «… Und su-hu-hu-che Freud …» Besonders die schulisch Schwächeren plagte er, die Aussenseiter. Und den einzigen Italienerbuben im Dorf. «… In diiiiie-se-her lie-ben So-ho-hommers-zeit …» Ich staune, wie alles noch da ist: jeder Ton, jede Silbe. Nach wie vielen Jahren, dreiundvierzig?

«Die Lerche schwingt sich i-hi-hin die Luft ...» Der böse Lehrer verblasst, und mir fällt ein, wie wir in Amerika einmal neben einem einsamen Haus, fernab aller grossen Städten, abends um ein Feuer sassen. Riesige Strünke loderten, hoch züngelten die Flammen. Wir sassen im Kreis darum – und sangen. Zwei Gitarren, zwei Dutzend Kehlen, stundenlang. Wunderbar wars. Sie schienen aus einem schier unendlichen Fundus zu schöpfen, die angeblich unkultivierten Amerikaner, sie sangen Song um Song, Evergreens und Gaunerballaden, von «Amazing Grace» bis «Country Roads». An dieses Gefühl des Angekommenseins in der Ferne muss ich denken, während ich in der Kirche singe, von Strophe zu Strophe mutiger. Allmählich schwillt das Chörlein, das wir paar Versprengten ausmachen, zum Chor an. «Welch hoo-he Lust, welch he-e-heller Schein …!»

Wir sollten öfter singen. Nicht nur an Beerdigungen.

Die Hörkolumne

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