08. August 2019

Gegen Food Waste

Zu schade für die Tonne: Was passiert mit verderblichen Esswaren, die bis Ladenschluss nicht verkauft sind? Ein abendlicher Besuch im Supermarkt beim Bahnhof St. Gallen zeigt: Die Mitarbeitenden tun alles, um die Verschwendung von Lebensmitteln zu vermeiden.

Reife Banane
Die Schalen dieser Bananen haben Flecken bekommen, doch das Fruchtfleisch ist einwandfrei. Die Früchte gehen als Spende an die gemeinnützige Organisation Schweizer Tafel.

18:00 Uhr

Noch deutet nichts darauf hin, dass in einer Stunde die Eingänge der Migros-Filiale Neumarkt mit Rollgittern versperrt werden. Der weitläufige Supermarkt beim Bahnhof St. Gallen steht den Kundinnen und Kunden weit offen: Auf der Fläche eines Fussballfeldes haben sie hier die Wahl zwischen 60'000 verschiedenen Produkten – vom Blumenkohl bis zum Vollkornbrot, vom marinierten Wildlachs bis zur Rahmglace am «Stängeli». Für den Filialleiter Daniel Mattmann (47) und sein über 100-köpfiges Team läuft ein Countdown. Denn bis auf wenige Ausnahmen wie etwa Salz haben alle Lebensmittel ein Verkaufs- und Mindesthaltbarkeitsdatum. Heute ist der erste Zeitpunkt für einige Produkte erreicht, sie sollten noch vor Ladenschluss einen Käufer finden. Was dann an Artikeln übrig bleibt, gilt es sinnvoll zu nutzen. «Wir entsorgen am Ende weniger als ein Prozent aller Lebensmittel», sagt Mattmann. «Dieser Anteil ist deutlich kleiner als bei den meisten Privathaushalten.» Wichtig ist vor allem, dass er die benötigten Warenmengen richtig einschätzt und seine Bestellungen darauf abstimmt. Bei Milch und Joghurt gelingt dies sehr gut. Die Nachfrage nach Grilladen oder Krustenkranz hängt dagegen stark vom Wetter ab.

18:20 Uhr

Ngawang Dorjee Gyanaktsang

In der Früchteabteilung macht Mitarbeiter Ngawang Dorjee Gyanaktsang (29) einen Rundgang. Mit einem kleinen Gerät druckt er neue Preisschilder aus und klebt sie auf die Verpackungen von Erdbeeren. Die Schilder sind orange, nicht zu übersehen. Die Früchte kosten nun die Hälfte. «Bei einem Überangebot senken wir gegen Ladenschluss die Preise der betroffenen Lebensmittel», sagt der Migros-Mitarbeiter. Das ist ein wichtiges Mittel, um noch einwandfreie Produkte vor dem Abfall zu bewahren. Preisbewusste Kunden greifen dann häufiger zu, und die Verkaufsregale leeren sich.

18:30 Uhr

Eine Mitarbeiterin sortiert Bananen aus und legt sie vorsichtig in eine beige Rollkiste. Die Schalen haben schwarze Flecken bekommen, das reife und süsse Fruchtfleisch lässt sich aber noch problemlos geniessen. Die Bananen werden über Nacht in einem Kühlraum eingelagert – zusammen mit anderen Früchten und Gemüsen, die einen äusserlichen Makel aufweisen und dem strengen Blick der Kunden nicht mehr standhalten. Am nächsten Morgen wird sie ein Lieferwagen der Schweizer Tafel abholen. Die gemeinnützige Organisation sammelt in zwölf Schweizer Regionen überschüssige Lebensmittel ein, die zum Beispiel in Gassenküchen verwertet werden.

19:00 Uhr

Radmila Pajic

Hinter der halbrunden Theke beim Kundendienst beugt sich Radmila Pajic (53) über das Mikrofon. Über Lautsprecher gibt sie bekannt, dass der Laden schliesst, und wünscht einen schönen Abend. «Danke für Ihren Einkauf», verabschiedet sie die Kundinnen und Kunden, die nun alle zur Kasse gehen.

19:05 Uhr

Sicherheitsmann Wasis Azizi (28) macht einen letzten Rundgang im Supermarkt. Er will wissen, ob irgendwo im Laden noch ein verspäteter Kunde ist. Dann nehmen die Kassiererinnen ihre Geldkassetten und bringen sie in einen Raum mit einer schweren Panzertür. Zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Supermarkts bleiben noch hier. In den Frischproduktabteilungen reinigen sie gründlich alle leeren Gestelle. Sie tauen das Eis in der grossen Fischtheke ab und desinfizieren die Vitrinen der bedienten Metzgerei.

19:15 Uhr

Bei den Backwaren: Mit Handschuhen sammelt Sabrina Knechtle (23) Sankt-Galler-Brote der Hausbäckerei ein. Sie werden am Morgen vergünstigt in einem Outlet-Laden in Gossau SG angeboten, der sich in der Nähe der Betriebszentrale der Genossenschaft Migros Ostschweiz befindet.

19:20 Uhr

Semmeli und Weggli

Knechtle füllt eine Box mit Semmeli und Weggli. Solche Kleinbrote trocknen schnell aus, lassen sich am nächsten Tag aber noch als Tierfutter verwenden. Bauer Leo Wick aus Mörschwil SG wird sie abholen, mahlen und an seine Kühe verfüttern.

19:30 Uhr

Die letzten Mitarbeiter des Supermarkts gehen nach Hause. Daniel Mattmann verlässt das Gebäude durch einen Nebenausgang. Er zieht zufrieden Bilanz: «Mehrmals an diesem Tag hat ein Migros-Lastwagen an unserer Rampe haltgemacht. Wir haben 120 Paletten voller frischer Ware bekommen. Aber am Ende des Tages ist fast nichts im Kehricht gelandet.»

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