20. Juli 2017

Gefühlsmelodien

Bänz Friedli denkt an Lieder, die ihn an Orte erinnern. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen.

«Éblouie par la nuit» von Zaz
Mit nackten Füssen am Greifensee von Zaz verschlungen – das ist Musik!
Lesezeit 2 Minuten

Dass ich auf dem Parkplatz einer Sportanlage in Greifensee war, als «Éblouie par la nuit», der Song der französischen Sängerin Zaz, mich zum ersten Mal ansprang, sich über mich hermachte und mich verschlang – das zum Beispiel werde ich nie vergessen. Wann immer das Lied mir wieder zu Ohren kommen sollte … Eine Frau, die um die Liebe ­ihres Lebens singt, eine Stimme voller Verzweiflung, voller Hingabe – für mich fortan gekoppelt an den düstergrau verhangenen Himmel über Greifensee und meine nackten Füsse in feuchtem Sportplatzgras.

Sie kennen bestimmt den Vorgang. Wie wir uns Jahre später an die dazugehörigen Regungen erinnern, wenn eine bestimmte Musik erklingt. Wie eine Gefühlslage, die man längst überwunden, ja vergessen glaubte, gleichsam wieder angeknipst wird und dann – ob bittersüss, ob übermütig – plötzlich wieder ganz gegenwärtig ist.

Manchmal wünschte man sich, es wäre anders. Aber ein Lied von Gianna Nannini, «Terra straniera», bleibt für mich mit einer Küstenstrasse in Südfrankreich verbunden, die sich zwischen Cavalerie-sur-Mer und La Croix-Valmer auf einer Klippe an den Fels schmiegt, sogar mit einer bestimmten Kurve. Genau in dieser Biegung muss sich mir «Terra straniera» eingebrannt haben, von einer Tonbandkassette abgespielt, 1988. Kurve und Lied waren von da an unzertrennlich. Hörte ich später das Lied, schien die Kurve vor meinem Auge auf. Und einmal, Jahrzehnte später, fuhr ich wieder an genau jener Stelle vorbei, nichts ahnend, doch in besagter Kurve war das Canzone auf einmal wieder da: «Terra straniera», das so sphärisch beginnt und so stürmisch endet und das von einer unbestimmten Traurigkeit durchströmt ist – für mich jedenfalls, in der ­Erinnerung, denn mit dem Lied ist immer auch die Gefühlslage wieder da. Ob das Lied wirklich traurig ist oder ob nur ich es war, als ich vor 29 Jahren mit dem roten Renault 5 Richtung La Croix-Valmer unterwegs war – ich weiss es nicht. Lied und Kurve sind eins. Just so, wie mein Vater stets an Weihnachten lebendig wird an der bestimmten Stelle eines bestimmten Liedes, weil er Jahr für Jahr denselben Scherz machte. Gottes Sohn, sagte er, heisse Owi: «Gottes Sohn, o wie lacht …»

Im Altersheim, liess ich mir sagen, könne das Abspielen bestimmter Lieder ein seliges Lächeln auf das Gesicht von Menschen zaubern, die sonst alles vergessen haben … In der Melodie erinnern sie sich. An erlebte Gefühle, an Augenblicke. Vielleicht höre ich dereinst «Éblouie par la nuit», und mir, dem greisen Mann, wird warm ums Herz. Weil es mich an Lebendigkeit erinnert und an feuchtes Sportplatzgras. 

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