19. Oktober 2015

Gefangen im eigenen Körper

Jahrelang wich Jann Kessler seiner Mutter aus, die an multipler Sklerose leidet. Dann drehte er einen Dokumentarfilm über sie und die heimtückische Krankheit.

Jann Kessler und seine Mutter
Kommunikation ohne Worte: Jann Kessler und seine Mutter Ursula Baumgartner.

Versteht sie, was gerade um sie herum passiert, oder nicht? So sicher weiss das niemand, auch ihr Sohn Jann (20) nicht. Aber er glaubt, immer mal wieder Zeichen zu erkennen, dass sie zumindest versteht, was man ihr sagt. Wie so oft sitzt er neben ihr und liest aus einem Buch vor: «Der unsichtbare Apfel» von Robert Gwisdek. Ursula Baumgartner (53) starrt ihren Sohn an, das Gesicht ausdruckslos, der Körper unbeweglich.

Ihren Kopf kann sie noch drehen, ihre Arme und Hände noch ein bisschen bewegen, mehr nicht. Sprechen geht schon seit fünf Jahren nicht mehr, damals versiegte auch der letzte Kommunikationskanal zu ihr. Nun liegt sie da, im Alterszentrum Park in Frauenfeld TG, Tag für Tag, Woche um Woche, gefangen in ihrem hilflosen Körper, eingesperrt von ihrer Krankheit, der multiplen Sklerose (MS).

Jann war fünf Jahre alt, als es begann, auf einer Skitour in den Bergen. «Es war ein langer Aufstieg, meine jüngere Schwester sass im Rucksack auf den Rücken der Eltern», erinnert er sich. Endlich angekommen, in einer abgelegenen Hütte ohne Telefonempfang, war seine Mutter sichtlich erschöpft. Am nächsten Tag hatte sie Mühe, ihr Bein zu bewegen, Stunden später konnte sie nicht mehr gehen. Draussen tobte ein Schneesturm. «Papa kämpfte sich auf Ski zu einer anderen Hütte mit Telefonverbindung durch. Dort rief er die Rega an, aber auch die musste warten, bis der Sturm vorbei war.»

Die MS-Diagnose hat Ursula Baumgartner nie akzeptiert. «Sie hat sich der Krankheit verweigert, wollte nicht darüber sprechen.» Was es ihrer Familie umso schwerer gemacht hat, damit umzugehen. Und dann fing die MS an, ihre Persönlichkeit zu verändern. «Plötzlich wurde Mama extrem schnell wütend, sie tat Dinge, die ich nicht verstehen konnte.»

Jann fing an, ihr aus dem Weg zu gehen, viel Zeit mit Freunden oder bei den Grosseltern zu verbringen. «Sie waren extrem wichtig für mich. Mein Grossvater war Arzt und ein Anhänger der Schulmedizin. Mama hingegen fing an, sich mehr und mehr auf Alternativmedizin zu konzentrieren, und wollte mit ihrem Vater nichts mehr zu tun haben.» Schliesslich weigerte sie sich, bei MS-Schüben ins Spital zu gehen.

«Auch mit Papa hat sie immer wieder gestritten – eigentlich mit allen, gerade auch den Leuten, die mir wichtig waren. Aus meiner Sicht hat sie sich damit völlig ins Abseits manövriert.» Als Folge davon wich Jann nicht nur seiner Mutter aus, er vermied die Auseinandersetzung mit der Krankheit viele Jahre lang. Umso bemerkenswerter ist der sensible, berührende Dokumentarfilm «Multiple Schicksale», den er nun über Menschen mit multipler Sklerose und über seine Mutter gedreht hat.

Gefilmt hat Jann Kessler 2013 innerhalb eines halben Jahres, und eigentlich war das nur als Maturaarbeit gedacht. «Damals habe ich begonnen, mich mit MS auseinanderzusetzen.»

Filmen bei der Sterbehilfe

Mit seiner Mutter jedoch konnte er zu dem Zeitpunkt bereits nicht mehr sprechen. Also suchte er mithilfe der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft den Kontakt zu anderen Erkrankten, um durch sie mehr über die Krankheit zu erfahren und den Umgang damit.

Die Resonanz war enorm: 40 Personen waren interessiert, mit 15 führte er Gespräche, sechs wählte er aus für den Film. Drei Monate lang besuchte er sie regelmässig, redete, lernte sie kennen, baute Vertrauen auf, Freundschaften zum Teil. Erst dann nahm er die Kamera mit und fing an zu filmen. Entstanden ist ein sehr intimer Einblick in sechs ganz unterschiedliche Krankheitsgeschichten von Menschen, die alle anders mit ihrem Schicksal umgehen.

Als einer der Porträtierten während der Dreharbeiten beschloss, seinem Leiden mithilfe von Exit ein Ende zu setzen, fragte er Jann, ob er mit der Kamera dabei sein wolle. Der zögerte zunächst, aber nachdem alle Angehörigen ihr Einverständnis gegeben hatten, entschied er sich dafür. «Die Kamera und die Technik halfen dabei, etwas Distanz zu wahren.» Aber beim Schnitt rang er mit seinem Berater, dem erfahrenen Dokumentarfilmer Martin Witz, lange darum, wie viel von der Sterbeszene in den Film sollte und was zu weit ging.

Über 200 Stunden Material hatte Jann am Ende für seinen Film.
Über 200 Stunden Material hatte Jann am Ende für seinen Film.

Am Ende hatte der Gymnasiast über 200 Stunden Material und zwei Wochen Zeit, daraus einen Film zu machen – was ­einige Nachtschichten erforderte. Das Interesse daran war so gross, das Feedback so positiv, dass er beschloss, noch weitere Szenen aufzunehmen. Diverse Stiftungen ermöglichten mit ihren Beiträgen eine professionelle Überarbeitung, und nun startet «Multiple Schicksale» diese Woche in den Kinos.

Seine Mutter würde sich über den Film freuen und hätte ihn unterstützt, glaubt Jann. Er hat in ihrem Zimmer auch einige Szenen gedreht, und es gab Momente, wo sie zu verstehen schien, was passierte. «Der Film ist meine Art, die Krankheit zu verarbeiten, er gab mir die Chance zu verstehen. Heute kann ich akzeptieren, dass Mama, geprägt durch die Krankheit, diesen Weg gehen musste. Meine Wut hat sich in Dankbarkeit gewandelt, immerhin existiere ich nur dank ihr.» Er bedauert aber, dass er mit ihr nie über all das sprechen konnte – nicht mal an sein letztes Gespräch mit ihr kann er sich erinnern. Deshalb ist er nun häufiger bei ihr, meistens abends, erzählt ihr aus seinem Leben und liest ihr aus Büchern vor. Verdrängen ist keine Lösung.

Verdrängen ist keine Lösung

Was sie denkt, wie sie sich fühlt, ob sie auch gerne sterben würde, weiss niemand. «Sie hat sich nie dazu geäussert, als sie es noch konnte», sagt Jann. Doch selbst passive Sterbehilfe ist in ihrem Zustand keine Option mehr; sie wäre nicht in der Lage, das tödliche Getränk selbst zu sich zu nehmen. «Diese Ohnmacht ist nicht leicht auszuhalten. Das soll auch der Film zeigen: Das Verdrängen von schwierigen Fragen kann eine Strategie sein, die eine Zeit lang funktioniert, aber es ist keine Lösung.» Jann hält es für wichtig, sich in einer solchen Situation zu diesen Fragen zu äussern. «Ich denke, es könnte eine Erlösung für sie sein, wenn sie dann mal sterben kann», sagt er. Aber das kann noch Jahre oder Jahrzehnte dauern. «Und wer bin ich, das einschätzen zu können? Vielleicht ist ihr Leben für sie auch so lebenswert? Nur sie selbst kann das beurteilen.»

Nach der Matura hat Jann für seinen Film ein Zwischenjahr eingelegt, nun folgt wohl noch ein zweites für die Kinoauswertung und den Zivildienst. Danach will er studieren, weiss aber noch nicht so recht, was. «Ich könnte mir Elektrotechnik vorstellen, aber auch Germanistik oder Politologie.» Klar ist nur eines: Er wird weitere Filme drehen. «Das ist die Sprache, in der ich mich am intensivsten ausdrücken kann.» Mit zwei Freunden hat er die Revolta Productions gegründet und macht unter diesem Label Kurzfilme und Musik-Clips. Der Gesprächsstoff an den Abenden mit seiner Mutter wird Jann bestimmt nicht so schnell ausgehen.

«Multiple Schicksale» startet am 22. Oktober in den Kinos: Facebook.com/MultipleSchicksale

Bilder: Daniel Auf der Mauer

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