03. November 2017

Gefährliche Antibiotika-Wissenslücken

Die Zahl der Resistenzen steigt und erhöht das Risiko, Infektionskrankheiten nicht mehr heilen zu können – auch in der Schweiz. Grund dafür ist oft der unsachgemässe Einsatz der Medikamente. Jetzt startet der Bund eine Informationskampagne.

Antibiotikaresistenz
Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien können oft nicht mehr geheilt werden. (Bild: iStockphoto)

Die Weltgesundheitsorganisation hat eine Antibiotika-Bewusstseinswoche lanciert, die zum ersten Mal auch in der Schweiz durchgeführt wird. Vom 13. bis 19. November gibt es Informationsveranstaltungen. Grund: Die Zahl der Antibiotikaresistenzen nimmt weltweit zu.

«Auch in der Schweiz werden jedes Jahr Menschen und Tiere durch Bakterien infiziert, gegen die Antibiotika nichts mehr ausrichten können», heisst es beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Dies erhöht das Risiko, dass Infektionskrankheiten nur schwer oder gar nicht mehr behandelt werden können und Menschen oder Tiere sterben.

Wie schnell greifst du zu Antibiotika?

Wenn Antibiotika falsch eingesetzt wird und Resistenzen entstehen, können Lungenentzündungen oder Blutvergiftungen, die therapierbar sind, künftig wieder tödlich verlaufen. Ausserdem kehren immer wieder Schweizer Touristen mit resistenten Keimen aus den Ferien zurück, weil sie im Ausland nach einem Unfall oder einer Erkrankung falsch behandelt worden sind. In Südostasien und Indien, aber auch in Griechenland treten Antibiotikaresistenzen öfter auf als in der Schweiz, sagt BAG-Projektleiterin Karin Wäfler.

Resistente Bakterien können wir auch über die Nahrung aufnehmen. Und in einigen Zahnpasten, Seifen oder Deos steckt das Desinfektionsmittel Triclosan, das zwar Keime abtöten, aber auch Antibiotikaresistenzen begünstigen soll. Die Migros ist sich der Problematik bewusst und arbeitet mit Partnerorganisationen daran, den Antibiotikaeinsatz zu reduzieren.

Viele glauben, dass Antibiotika auch gegen Grippe wirken. Das stimmt nicht.

Karin Wäfler
Karin Wäfler (51) ist Biologin
Karin Wäfler (51) ist Biologin und Projektleiterin beim Bundesamt für Gesundheit.

Weshalb macht das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bei der Antibiotika-Bewusstseinswoche mit?

Wir wollen die Konsumenten sensibilisieren. In der breiten Öffentlichkeit ist noch immer zu wenig bekannt, dass Antibiotikaresistenzen zunehmen. Und wir wollen Missverständnisse aus dem Weg räumen.

Welche?

Viele glauben zum Beispiel, dass Antibiotika auch gegen Viren wirken, also etwa bei einer Grippe. Das stimmt nicht. Sie helfen nur bei Bakterien. Konsumenten meinen auch, sie könnten mit Antibiotika eine Resistenz aufbauen. Das ist genauso falsch.

Wie viele Menschen in der Schweiz tragen antibiotikaresistente Bakterien in sich?

Das ist schwierig einzuschätzen, weil man dazu die gesamte Bevölkerung testen müsste. Klar ist, dass Antibiotikaresistenzen gefährlich sein können: Die Schweizerische Expertengruppe im Bereich Infektiologie und Spitalhygiene schätzt, dass pro Jahr rund 70 000 spitalbedingte Infektionsfälle auftreten, die bei rund 2000 Patientinnen und Patienten zum Tod führen. Ein Teil davon ist durch resistente Erreger verursacht.

Wie kommt es zur Antibiotikaresistenz?

Es sind die Bakterien, die resistent werden, nicht die Menschen. Das passiert durch den natürlichen Anpassungsmechanismus der Bakterien. Und je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto mehr wird dieser Anpassungsmechanismus beschleunigt.

Was wird unternommen, um dies zu verhindern?

Der Bund hat acht Ziele definiert. Zu den wichtigsten gehört der sachgemässe Einsatz von Antibiotika. Wir arbeiten dafür mit den Ärzten neue Verschreibungsrichtlinien aus. Das Gleiche gilt auch für Tierärzte. Im Veterinärbereich möchten wir eine Verbraucherdatenbank realisieren, in der die Tiermediziner eintragen, wer wie viele Antibiotika einsetzt. Schliesslich empfehlen wir den Spitälern, eine Stelle zu schaffen, die die Ärzte im Umgang mit Antibiotika berät. Wir wirken hier unterstützend, die Verantwortung liegt aber letztlich bei den Spitälern und nicht beim Bund. Erste solche Stellen sind in den grösseren Schweizer Krankenhäusern ab 2018 zu erwarten.

Patienten sollten die Anweisung ihres Arztes befolgen. Er weiss genau, wie lange ein Antibiotikum eingenommen werden muss.

Sind das alle Massnahmen?

Nein. Die Abwasserreinigungsanlagen werden aufgerüstet, damit Resistenzkeime aus der Umwelt eliminiert werden können. Zudem möchten wir die Patienten über den richtigen Umgang mit Antibiotika informieren und planen dazu in Zusammenarbeit mit dem Verband FMH und Pharmasuisse ein Informationsblatt, das wir in der Antibiotikawoche vorstellen.

Wie weit ist die Forschung, um weitere Resistenzen zu verhindern?

Bakterien werden auch in Zukunft in der Lage sein, Resistenzen zu bilden. Was bei den Pharmaunternehmen läuft, ist oft nicht bekannt – aufgrund von Konkurrenzüberlegungen. Der Bundesrat hat 20 Millionen Franken für ein nationales Forschungsprogramm mit über 30 Projekten bewilligt. Ein Durchbruch ist zumindest in den nächsten fünf Jahren jedoch nicht zu erwarten.

Von Ärzten wird empfohlen, die ganze Packung Antibiotika aufzubrauchen. Nun hiess es in Medienberichten, man könne die Einnahme bei Besserung vorher abbrechen. Was stimmt?

Das wird in der Fachwelt tatsächlich diskutiert. Der Einzelfall, die Art der Krankheit sind entscheidend. Patienten sollten in jedem Fall die Anweisung ihres Arztes befolgen. Er weiss genau, wie lange ein Antibiotikum eingenommen werden muss.

Weitere Informationen: «Antibiotika Awareness Woche», www.star.admin.ch

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