25. Dezember 2018

Gedanken zur Halbzeit

Auf der Hälfte ihrer geplanten E-Bike-Tour nach China zieht Andrea Freiermuth Bilanz. Für sie ist jetzt schon klar: Ihre Reise wird sie verändern. Wie, erfährt man auf ihrem Blog.

Turkmenistan: Das heisst 500 Kilometer flach und mehr oder weniger geradeaus.
Turkmenistan: Das heisst 500 Kilometer flach und mehr oder weniger geradeaus.

Manchmal kann ich es selber kaum glauben, dass ich es wirklich getan habe. Dass ich meinen Job gekündigt habe und aufgebrochen bin, auf eine E-Bike-Fahrt von der Schweiz nach China. Bereut habe ich es noch nie, aber es fühlt sich zuweilen surreal an, wenn ich mit meinem Flyer durch exotische Gegenden radle. Im Iran waren es die verschleierten Frauen und die arabischen Schriftzeichen, die mich daran erinnerten, dass man als Schweizer normalerweise nur mit dem Flugzeug hierher kommt. Und als ich in Turkmenistan während 500 Kilometern durch die Wüste strampelte, stellte ich mir vor, wie das aus der Vogelperspektive aussehen muss – und sah mich als klitzekleines Pünktchen, das durch ein riesiges Meer von Gelb kriecht.

Reisen ändert die Sichtweise

Ich befinde mich in der Halbzeit meines Sabbaticals und weiss schon jetzt: Dieses Jahr wird mich verändern. Vor der Abreise hatte ich grosse Angst, vor dem Unbekannten und vor meiner Verletzlichkeit als Frau allein auf dem Fahrrad. Heute bin ich überzeugt: Der Mensch ist grundsätzlich gut. Ich empfehle allen, einmal in den Kosovo, die Türkei oder in den Iran zu reisen – nicht als Pauschaltourist, sondern individuell. Die Gastfreundschaft, die man dort erlebt, ist überwältigend.

Operation Seidenstrasse: Andrea Freiermuth fährt mit dem E-Bike nach China. Diesmal zieht sie Zwischenbilanz.

Vor der Abreise hatte ich auch grossen Respekt vor den vielen ­Unwägbarkeiten, die ich unterwegs erwartete: So rechnete ich damit, technische Schwierigkeiten mit dem E-Bike zu bekommen, wegen fehlender Visa an der Weiterreise gehindert zu werden oder meine Route ändern zu müssen. Die meisten Sorgen waren umsonst. Tatsächlich hatte ich ein Ärgernis mit der Agentur, die ich beauftragt hatte, mir das Iran-Visum zu besorgen. Aber das meiste lief bisher gut.

Klar: Dass mir meine Reisepartnerinnen für den Iran kurzfristig absagten, hat mich enttäuscht. Rückblickend erwies sich dies jedoch als Glücksfall: Ohne ihre Absage hätte ich Sina nie getroffen. Mit dem 25-jährigen Iraner durch seine Heimat zu radeln, war ein absolutes Highlight. Ich habe gelernt, dass man beim Reisen die Dinge nehmen muss, wie sie kommen. Sich im Vorfeld zu viele Sorgen zu machen, bringt nichts. Probleme kann man lösen, wenn sie da sind. Eigentlich gibt es gar keine Probleme, nur Herausforderungen.

Ali und Hadi, zwei Wächter einer Karawanserei, liessen Andrea Freiermuth in ihrer Stube übernachten und ersparten ihr so das Campieren in der kalten Nacht
Ali und Hadi, zwei Wächter einer iranischen Karawanserei, liessen Andrea Freiermuth in ihrer Stube übernachten und ersparten ihr so das Campieren in der kalten Nacht.

Wie gehts weiter?

Die nächste grosse Challenge liegt rund 300 Kilometer vor mir, zwischen Usbekistan und Tadschikistan, genauer zwischen Samarkand und Duschanbe. Dort befindet sich der letzte Pass, den ich vor der Winterpause noch zu bezwingen habe. Er liegt auf 2700 Metern Höhe, und möglicherweise liegt dort bereits zu viel Schnee für eine Passage mit dem E-Bike. Dann muss ich die Route entlang der afghanischen Grenze nehmen. Sie liegt südlicher und ist etwas flacher, aber auch länger. Und etwas unsicherer, was die Unterkünfte angeht: Ein Grossteil der Strecke liegt in Usbekistan, wo nur lizensierte Hotels ausländische Touristen aufnehmen dürfen. Und zum Campen ist es inzwischen wirklich zu kalt. Die tieferen Temperaturen, denen ich jetzt ausgesetzt bin, schmälern übrigens auch die Leistungsfähigkeit meiner Batterien. Bislang haben sie mich – allen Unkenrufen zum Trotz – noch nie im Stich gelassen.

Wie werde ich nach Duschanbe kommen? Reichen die Akkus? Was erlebe ich in der Winterpause in Schanghai, wo ich einen Sprachkurs besuchen will? Werde ich auch in der Taklamakan-Wüste immer rechtzeitig eine Steckdose finden? Wers wissen möchte, erfährt hier bald mehr.

Hier bloggt Andrea Freiermuths regelmässig über ihre Reise: shebikerider.ch

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