04. August 2017

Gärtnern wie auf Liliput

Vorne Strasse, hinten Hauswand: Die Stadtzürcherin Beatrice Franzi gärtnert auf ein paar wenigen, schmalen Quadratmetern. Nichtsdestotrotz wird sie regelmässig von Passanten auf ihr kleines «Gärtli» angesprochen.

Beatrice Franzi liebt den Austausch mit Passanten
Beatrice Franzi liebt den Austausch mit den Passanten – nicht nur über Gartenthemen.

Wenn an Beatrice Franzis Gartenzaun ein Lastwagen vorbeifährt, wirds jeweils duster an ihrem Tisch mit den zwei Klappstühlen. Hier geniesst die 60-Jährige abends gern ein Gläsli Wein: «Tagsüber ist es oftmals zu heiss.»

Die Hobbygärtnerin gärtnert im Kreis 5, Zürichs ehemaligem Industriequartier. Hinter dem vierstöckigen Mehrfamilienhaus quietschen die Trams dreier Linien um die Wette, im Nachbarshaus wird im Zuge der Quartieraufwertung lautstark gehämmert, und auf der gegenüberliegenden Strassenseite fegt eine knallorange Putzmaschine der Stadtwerke Zürich den Abfall des Partywochenendes aus den Ritzen. Franzi winkt, der Fahrer winkt zurück: «Man kennt uns im Quartier – wir sind die mit dem Gärtli!»

Gärtli – der Diminutiv ist angebracht: Ganze drei mal sieben Meter misst der grüne Streifen zwischen Hauswand und Strasse. Das wärs dann aber auch schon mit der Verniedlichung: Was es auf den paar wenigen Quadratmetern zu entdecken gibt, ist einfach nur grossartig.

Blumen, Gemüse, Obst – Franzis Devise lautet: «alles durenand». Der Mangold reift neben dem Sonnenhut, die Kohlräbli neben der Glockenblume, Gurken schlingen sich den Zaun entlang und ein Geissblatt die Hauswand empor. Der Salbei wechselt sich mit dem Phlox ab, der Verveine, Franzis Lieblingstee, kokettiert mit den Himbeeren und die Fetthenne mit der Cherrytomate. Im Schatten eines Apfelbäumchens gedeiht seit Jahren ein Mohn, der immer exakt zwei Blüten hervorbringt.

Ein kleines Bänkli – gross geht hier wirklich nicht – verschwindet bei­nahe hinter einer zart duftenden Rose. Welche Sorte? Beatrice Franzi zuckt mit den Schultern: «Keine Ahnung, da hani emal so es Töpfli kauft.»

Der Hauswurz ist die neuste Entdeckung der Hobbygärtnerin.

«Da hani emal so es Töpfli kauft» – diese Antwort wird noch ein paar Mal fallen. Die Hobbygärtnerin liebt es, auf dem Markt nach neuen, möglichst farbenprächtigen Pflanzen Ausschau zu halten. Diese reisen dann auf dem Gepäckträger ihrer knallroten Vespa mit nach Hause. «Ich habs nicht so mit Säen», erklärt sie ihre Vorliebe für Vorgezogenes.

Eine Schlange im Paradies

Die Stadtzürcherin gärtnert möglichst mit der Natur: Blattläuse beispielsweise streift sie von Hand ab, von Mehltau Befallenes wird abgeschnitten und im Abfall entsorgt. «Das ist der grosse Vorteil eines kleinen Gartens», erzählt sie, «ich habe immer alles im Auge und kann ensprechend rasch reagieren.»

Sieben auf drei Meter: Der Liliput-Garten von oben gesehen.

So auch, als ihre drei Apfelbäumchen von der Kräuselkrankheit befallen wurden. Eigentlich hätten es aus Platzgründen ja nur zwei sein sollen. «Aber wer kann schon an einem Baum mit dem entzückenden Namen ‹Lummerland› vorbeigehen.» Lummerland scheint sich auf jeden Fall trotz des knappen Platzes wohlzufühlen. Letzten Sommer hat er über 60 Äpfelchen produziert. Kurzerhand hat seine Besitzerin einen Korb voll vor die Gartentür gestellt: «Bedient euch!»

Apfelbaum Lummerland liefert handlich kleine Früchte.

Beatrice Franzi muss ab und zu aber auch durchgreifen: Den regelmässig überbordenden Oregano stutzt sie rigoros zurück wie auch die wuchernde Fetthenne. Als Schlange im Gartenparadies hat sich eine Lampionblume entpuppt, Franzi nennt sie auch «die Heimsuchung». Sie wisse nicht, wie viel Triebe sie bereits ausgerissen habe: «Die Physalis hat sich unterdessen unter die Strasse zurückgezogen und stösst von dort immer wieder in meine Beete vor.»

Bester Humus dank Regenwürmern

Gerade jetzt, im Hochsommer, knallt die Sonne oft sehr heftig auf das Gärtli. Dazu heizen die Häuser und der viele Teer rundum fleissig mit. Die Hobbygärtnerin giesst nichtsdestrotrotz maximal einmal pro Tag. «Was damit zurande kommt, darf bleiben, alles andere muss gehen.»

Lattich und Kohlräbli gedeihen im Hochbeet neben der Tür.

Die gefangene Lage hat aber auch einen grossen Vorteil: Schnecken gibts hier nicht! Dafür ganz viele Regenwürmer, die sich in die grüne Oase gerettet haben. Die Würmer und eine Hornspangabe jeweils im Herbst sorgen denn auch für Humus in 1-a-Qualität.

Wenn Franzi draussen werkelt, bleiben oft Passanten auf einen Schwatz am Gartenzaun stehen. «Mein Gärtli hat einen eigenen Fanclub», freut sie sich. Lange habe sie ja von einem richtig grossen Garten geträumt, wie sie sagt. Inzwischen sehe sie aber auch die Vorteile eines Liliput-Gartens: «Über den Kopf wächst er mir nicht.»

«Meine Pflanzen und ich schauen, ob wir es gut miteinander haben,» meint Beatrice Franzi zu ihrem Gartenkonzept.

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