28. Januar 2019

Fummeln mit Lizza

Bänz Friedli über seine Neurosen. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Flaschenetiketten
Bei Bänz Friedli bleibt keine Flaschenetikette unbefummelt.

Elisabeth war ihr Name, aber sie liess sich lässig «Lizza» rufen. Blond, Brillenträgerin, kurzärmlige Bluse, helle Jeansschlaghose – ich sehe sie vor mir. Sie würde sich wundern, dass ich sie nicht vergessen habe, denn unsere Begegnung war flüchtig und liegt bald drei Jahrzehnte zurück. Doch sogar der Name der Bar hat sich mir eingeprägt: «Carrollton Station». Es muss nach Mitternacht gewesen sein, ich hielt eine Flasche «Abita» in der einen Hand und fingerte mit der anderen, wie ich dies schon vorher stets getan hatte und heute immer noch tue, an der Etikette des Biers herum, riss kleine Fetzchen davon ab und zerrieb sie zwischen Daumen und Zeigefinger zu Kügelchen. «Dass du die Etikette abreisst, bedeutet, dass du sexuell frustiert bist», brüllte Lizza gegen den Lärm an. Und lachte.

Nun ist das mit der Etikette ganz einfach ein Tick von mir, einer von vielen. Ich kann keine Etikette unbefummelt lassen. Die Wissenschaft spricht von Zwangsstörungen, und mich tröstet einzig, dass offenbar kein Mensch ganz frei davon ist. Die einen ziehen immer zuerst den linken, dann den rechten Socken an. Andere schauen jedes Mal, bevor sie aus dem Haus gehen, ob noch eine Herdplatte eingeschaltet ist, manche kehren deshalb sogar noch einmal um, wenn sie schon aus dem Haus sind. Wieder andere polieren mehrmals täglich die Wasserhähne im Badezimmer. Okay, zu denen gehöre ich auch. Meine Tochter hat mal eine Liste erstellt, scherzhaft «Vatis Neurosen» betitelt. Die Liste war lang. Sie reichte vom Tick, immer Schuhe derselben Marke zu tragen (Fussball-, Schlitt- und Snowboardschuhe inbegriffen, also 365 Tage im Jahr), bis zu meiner Unart, Bonbons zu zerkauen.

Die zerriebenen Etikettenkügelchen? Werfe ich nie zu Boden, nie! Ich sammle sie in der Hand oder einer Jackentasche, bis ich an einem Kehrichteimer vorbeikomme. Ein weiterer Tick von mir, wenigstens mal ein guter: Ich kann nichts zu Boden werfen. Mehr noch, ich sammle in unserer Strasse Zigarettenpackungen, Getränkebüchsen und Papiertaschentücher auf und entsorge sie dann ordnungsgemäss. Diese Angewohnheit belegte auf der Liste meiner Tochter, glaube ich, Rang 13.

Lizza fuhr mich später noch zurück zum Hotel. Vermutlich hatte sie das mit «sexuell frustriert» frei erfunden. Wenn ich «Etiketten abreissen – sexuell frustriert» google, stosse ich jedenfalls nirgends auf diese Theorie. Und womöglich winkte sie mir ja bloss mit dem Zaunpfahl, war dies ihre Art von Anmache. Merkte ich damals aber nicht. Sondern sagte artig Gute Nacht und stieg aus. Nicht ahnend, dass ich nie mehr ein Bier würde trinken können, ohne an sie zu denken.

Die Hörkolumne (mp3)

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