16. November 2017

Plädoyer fürs kreative Fluchen

Wer den Ärger in sich hineinfrisst, wird neurotisch, sagt der Berner Sprachwissenschaftler und Fluchforscher Roland Ris. Dann doch lieber fluchen. Ein Gespräch über gesellschaftliche Tabus, kreative Schimpfworte und Erziehungsstrategien.

Roland Ris
Sprachwissenschaftler Roland Ris ist einer der wenigen Malediktologen im deutschsprachigen Raum und kennt viele lustige Flüche.

Roland Ris, Sie haben kürzlich die abnehmende Kreativität beim Fluchen bedauert. Was beobachten Sie dazu im Alltag?

Vor 50 Jahren gab es hierzulande eine sehr vielfältige Fluchlandschaft. In der Ostschweiz klang es ganz anders als in Bern und dort ganz anders als in der Innerschweiz. Das ist praktisch verschwunden, ersetzt von einem international gebräuchlichen Mischmasch. «Shit» und «Scheisse» sind heute die mit Abstand am häufigsten verwendeten Schimpfwörter. Daneben gibts schon noch andere wie «Gopfridstutz», aber insgesamt erleben wir eine starke Vereinheitlichung. Das gilt übrigens generell für die Mundarten: Die sprachliche Vielfalt schwindet.


Geben Sie uns ein paar Beispiele für kreativere Fluchformen, die bei uns einst verbreitet waren.

Oft entstanden aus einem Fluchwort mehrere neue. Etwa «Heiligdonner», «Himmeldonnertüüfelchrisascht», «Himmelstärnedonnerwätter», «Hunderttuusigdonnerwätter». Oder «Stärne», «Stärnelatärne», «Stärnelatudere». Es wucherte immer weiter.

«Stärne» ist ein Fluch?

Früher mal, ja. Die Sterne sollten auf die Erde fallen und zum Beispiel die Ernte eines Rivalen zerstören. Eine verwandte Verwünschung ist das heute noch vertrautere «Der Blitz soll dich treffen!». Dahinter steht ein archaisches, magisches Weltbild.

Woher kommt die kreative Verarmung?

Der Bruch passierte nach dem Zweiten Weltkrieg, als die amerikanische Kultur Europa zu erobern begann. Die einst starken französischen Einflüsse sind dadurch fast völlig verschwunden. Damit haben wir ein Stück unserer eigenen Kultur aufgegeben.

Wie entstand das Fluchen überhaupt?

Es begann mit dem Verfluchen, das man in praktisch allen Kulturen findet. Schon aus dem alten Ägypten kennen wir Hieroglyphen, mit denen man dem Nachbarn etwas Böses wünschte: Sein Feld solle verrotten, seine Frau solle davonlaufen, er solle impotent werden. Dies wurde später mehr und mehr abgelöst vom Fluchwort zur Entladung von Ärger. Auf dem Balkan und im Nahen Osten schimpft man aber immer noch gern «der Teufel soll dich holen» oder verflucht die Familie des anderen.

Beeinflusst die mangelnde Kreativität die Entladung von Ärger?

Es kommt schon darauf an, welche Worte man verwendet. Grundsätzlich ist klar: Fluchen tut gut. Wir wissen aus der Psychologie, dass jede Art von Triebunterdrückung negative Folgen hat. Trotzdem gibt es grosse Widerstände gegenüber dem Fluchen, weil einige sich Sorgen machen, damit Negatives auszulösen, für sich selbst und für andere.

Tut es denn nun gut oder nicht?

Ja und Nein. (lacht) Wenn man sich damit emotional entlastet und Ärger abbauen kann, dann tut es gut. Man kann sich dabei aber auch in etwas hineinsteigern. «Die da oben in Bern machen ja sowieso, was sie wollen, denen zeigen wir es jetzt mal!» So etwas verfestigt sich dann in ein Weltbild und produziert nichts als Aggressionen gegen alles und jeden. Schlecht sind auch Selbsterniedrigungen wie «Gopfverdammi», also: Gott verdamm’ mich. Es hat eine Rück­wirkung, wie man mit sich selbst spricht. So g­esehen ist es also nicht egal, welche Worte man beim Fluchen verwendet.

Ein Reiz des Fluchens ist der Tabuverstoss – es ist ein Ventil gegenüber politischer Korrektheit und sterilen Sprachnormierungen, die heute weitverbreitet sind.

Und je grösser der Ärger, desto heftiger muss der Fluch sein, damit er wirkt?

Ganz klar, Tonfall und Lautstärke variieren ebenfalls. Es gibt aber auch Flüche, in denen der Weg zur Versöhnung schon integriert ist. «Himmelarschundzwirn» zum Beispiel. Was soll denn der Zwirn da? Er trägt mit seiner Harmlosigkeit zur Beruhigung bei – man kann über den Ärger schon fast wieder lachen. Einige Fluchwörter können sogar positiv-anerkennend eingesetzt werden: «Donnerwetter, das hast du aber gut gemacht!»

Man kann für Fluchwörter aber auch verklagt werden.

Oh ja, besonders in Deutschland, das kann schnell ins Geld gehen. Auch in der Schweiz gab es schon erfolgreiche Klagen, es lohnt sich also, vorsichtig zu sein.

Aus dem Alltag verschwunden ist das positive Gegenstück des Fluchens, das Segnen.

Ganz weg ist es nicht, aber sehr zurückgedrängt. Tatsächlich gehörte Fluchen und Segnen lange zusammen. Im Islam ist auch Letzteres noch sehr präsent: «Baraka» (Segen, Gnade) findet sich etwa in den Namen Barack Obama oder Hosni Mubarak, den Ex-Präsidenten der USA und Ägyptens. In der westlichen Welt gibt es den Segen noch ritualisiert bei Gottesdiensten und bei Wünschen wie «Hals- und Beinbruch» oder «Toi, toi, toi». Auch in der Landwirtschaft wird noch «Glück im Stall» gewünscht.

Weshalb segnen wir fast nicht mehr?

Das hat viel mit unserer kulturellen Befindlichkeit zu tun, es gibt eine fast schon sadistische Lust am Negativen. Als junger Germanist habe ich mal etwas geschrieben übers Segnen, das hat niemanden interessiert. Kaum schrieb ich übers Fluchen, ging ein riesiger Rummel los, der bis heute anhält. Auch in der Zeitung verkaufen sich die schlechten Nachrichten viel besser als die guten. Hinzu kommt der Reiz des Tabuverstosses beim Fluchen, es ist ein Ventil gegenüber politischer Korrektheit und sterilen Sprachnormierungen, die heute weitverbreitet sind.

«Es gab immer wieder Versuche, das Fluchen zu bekämpfen», sagt Roland Ris. «Bewirkt hat das alles nicht viel.»

Segnen wir auch deshalb nicht mehr, weil uns durch die Säkularisierung der Glaube an die Wirkung verloren gegangen ist?

Das spielt sicherlich auch eine Rolle. Gleichzeitig gibt es immer noch Nischen, etwa die Freikirchen, wo sehr intensiv gesegnet wird.

Ein Risiko, dass das Fluchen jemals verschwindet, besteht kaum, oder?

Das ist wohl so. Aber es gab immer wieder Versuche, es zu bekämpfen. Schon um 1900 lief in Bern eine grosse Antifluchkampagne, an den Olympischen Spielen in Lake Placid 1980 war das Fluchen ganz verboten, auf manchen Pausenplätzen versucht man dies auch heute. Bewirkt hat das alles nicht viel.

Die Art des Fluchens ist kulturabhängig. Was steht bei uns im Zentrum?

Das, was in einer Gesellschaft tabuisiert ist, eignet sich immer besonders gut. Fluchwörter zeigen also, was in einer Kultur die empfindlichen Punkte sind. In den traditionellen katholischen Kulturen fluchte man gern religiös, das ist fast verschwunden. Dafür war früher das heute verbreitete Sexuelle und Fäkale kein Thema. Im Barock hat man hierzulande noch Furzwettbewerbe ­gemacht. Das galt als natürlich und war – ­anders als heute – überhaupt nicht tabuisiert.

Wie fluchen unsere Nachbarn?

In der von der US-Kultur beeinflussten westlichen Welt klingt es heute tendenziell überall ziemlich ähnlich. Es gibt aber noch immer Unterschiede: In der englischen Oberschicht flucht man eigentlich gar nicht. In Frankreich ist das Sexuelle viel weniger tabuisiert als bei uns, entsprechend wird es beim Fluchen weniger verwendet.

Flüche aus anderen Kulturen klingen in unseren Ohren manchmal eher lustig als böse: «Du Sohn einer Gurke» (Türkei), «Ich furze in deines Vaters Bart» (Iran).

Vermutlich lachen die Leute dort auch über unsere seltsamen Flüche. Im Orient ist die Familie heilig, deshalb ist eine derartige Beleidigung von Familienmitgliedern des anderen sehr effektiv. Das Schlimmste, das man einem Araber antun kann, ist, seine Mutter als Hure zu bezeichnen.

Fluchen Bauarbeiter mehr als Professoren? Männer mehr als Frauen? Junge mehr als Alte?

Geflucht wird überall, aber in sozial tieferen Schichten und handwerklichen Jobs eher mehr und mit rabiateren Worten. Zwischen Frauen und Männern sowie Jung und Alt gab es früher sicher Unterschiede, das hat sich aber heute stark angeglichen – einzig das Repertoire ist noch verschieden.

Eltern ärgern sich zuverlässig, wenn ihre Kinder Fluchwörter verwenden. Macht sie das für die Jugend gerade deshalb so unwiderstehlich?

Sie wollen einfach so klingen wie ihre gleichaltrige Peergroup. Deshalb taugen Verbote in dem Bereich genauso wenig wie pädagogische Tricks.

Was raten Sie Eltern, die ihre Sprösslinge nicht fluchen hören wollen?

Jedes Kind wählt je nach sozialem Umfeld unterschiedliche Sprachen: Daheim spricht es anders als in der Schule oder auf einer Party. Da kann man ansetzen und ihm bewusst machen, dass es nicht jede Sprachform in jeder Situation benutzen kann. Viele Junge haben heute Mühe, eine der Situation angemessene Sprache zu finden. Beim Bewerbungsgespräch sollte es anders klingen als unter Freunden. So verbietet man das Fluchen nicht pauschal, sondern versucht, ein Gespür zu vermitteln, wann es drinliegt und wann nicht.

Wie haben Sie es selbst gehandhabt?

Da gab es eigentlich nie Probleme. Einer meiner Söhne ist heute Spengler auf dem Bau und ein grossartiger Lieferant für Schimpfwörter. (lacht)

«Dass Donald Trump bei einer bestimmten Wählergruppe noch immer so beliebt ist, hängt ganz stark mit seiner Sprache zusammen. Er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, das gefällt den Leuten, sie empfinden es als befreiend.»

In den USA werden Fluchwörter im Fernsehen mit einem «beep» überblendet. Dennoch hat man nicht den Eindruck, dass es dort weniger vulgär zugeht.

So ein Filter bringt wenig. Es ist auch ein Irrglaube, man könne alleine über Sprache gesellschaftliche Einstellungen verändern.

Dann kann ein vulgärer Präsident wie derzeit Donald Trump in den USA auch nicht zu einer sprachlichen Verrohung beitragen?

Kaum mehr als sonst schon. Dass Donald Trump trotz aller Kritik bei einer bestimmten Wählergruppe noch immer so beliebt ist, hängt ganz stark mit seiner Sprache zusammen. Er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und foutiert sich um jegliche Form sprachlicher politischer Korrektheit, die ansonsten alle Bereiche des öffentlichen Lebens in den USA erfasst hat. Das gefällt den Leuten, sie empfinden es als befreiend.

Gibt es Flüche, bei denen auch Sie unangenehm berührt zusammenzucken? Oder kann Sie nichts mehr schrecken?

Persönlich mag ich «Scheisse» und alles in dem Bereich gar nicht, das finde ich unappetitlich. Aber jeder Mensch hat seine eigene Fluchgeschichte. Flüche, die einen treffen, merkt man sich, andere gehen vergessen. Am Gymnasium wurden meine Schulkollegen und ich von einem Lehrer mal als «trübe Molchengesellschaft» beschimpft – klingt harmlos, blieb aber hängen. Wohl, weil es was hatte. In der RS sagte mir ein Korporal: «Sie tun ja dümmer als eine schwangere Bergente!» Heute amüsiere ich mich darüber, es war aber durchaus böse gemeint.

Welche Worte verwenden Sie, wenn Sie fluchen?

Es gibt sehr kreative Menschen, die spontan die tollsten Kettenflüche hinkriegen, das kann ich nicht. Im Emmental heisst es, fluchen könne man nicht lernen, das sei eine Gottesgabe. (lacht) Es kommt heute auch nicht mehr oft vor, dass ich mich derart aufregen muss. Aber ich sage vielleicht mal «du Büffel», wenn ich im Verkehr stecke und der vor mir nicht fährt.

Welches sind Ihre persönlichen Lieblingsflüche?

Ich mag poetische, sprachlich verspielte Flüche wie «Stärnelatärne», «Donnerli donnerli» oder «Tusigdotzetintehüsli». Und solche, wo man aus dem Ärger schon wieder ein bisschen rauskommt wie «Himmelarschundzwirn» oder «Potzhimmelgüegeli». Ein Güegeli ist übrigens ein Käferchen.

Es gibt wohl deshalb so wenige, die sich ernsthaft mit dem Fluchen beschäftigen, weil man damit seinen akademischen Ruf riskiert.

Fluchforscher gibt es offenbar weltweit nur sehr wenige. Weshalb haben Sie sich gerade darauf spezialisiert?

Es gibt schon andere, die sich damit beschäftigt haben, aber kaum so lange und systematisch wie ich. Es war ein Hobby, das bei den Kollegen nicht immer gern gesehen war. Ich konnte mir das erlauben, weil ich mir mit meiner offiziellen Tätigkeit in der Sprach- und Literaturwissenschaft genügend Respekt erarbeitet hatte. Weil man mit diesem Thema seinen akademischen Ruf riskiert, gibt es wohl so wenige, die sich ernsthaft damit beschäftigen – umso mehr in der heutigen Zeit der politischen Korrektheit. Aber ich habe mich schon immer für Randständiges interessiert. Die Mundartliteratur in der Schweiz ist wunderbar reichhaltig. Allein auf Berndeutsch gibt es 2500 selbständige Publikationen, das ist mehr als in vielen europäischen Sprachen überhaupt. Fluchwörter finden sich landesweit rund 3500, davon stammen 1500 aus dem Berndeutsch.

Arbeiten Sie noch immer an Ihrem grossen berndeutschen Wörterbuch?

Ja, die 84 000 Stichwörter sind beisammen, aber die Fleissarbeit, sie nun aufzuarbeiten, würde ich gern jemand anderem überlassen, dafür fehlt mir einfach die Kraft.

Dann spüren Sie doch langsam das Alter?

Noch nicht allzu sehr, vielleicht weil ich regelmässig Sport treibe. Ich mache aber lieber Dinge, die auch kreative Aspekte haben. Zum Beispiel beschäftige ich mich mit Sanskrit und der indischen Kultur. Ausserdem arbeite ich an einem Buch über den Dichter Rainer Maria Rilke. Das alles macht mir Spass und hält mich jung. 

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