20. Februar 2018

Für mehr Traditionen!

Früher war alles besser - nicht unbedingt. Aber es wurden mehr Traditionen gelebt, und das vermisse ich. Höchste Zeit, wieder ein paar aufleben zu lassen.

Mehrere Menschen beim Brunch, Teller mit verschiedenen Gerichten
Nehmen wir uns wieder mehr Zeit für den traditionellen Sonntagsbrunch. Oder für eine Weisswurst! (Bild: Unsplash.com)
Lesezeit 3 Minuten

Als Kind graute es mir jeweils vor dem Dezember. Nicht wegen des Samichlaus, nein. Immer am 1. Advent räumte mein Papi das Fernsehgerät in den Keller. Auch wenn wir nicht überdurchschnittlich viel Fernseh schauten, war das für meine beiden Schwestern und mich doch ein ziemlich harter Brocken. Ein Monat ohne TV. Ohne «Tom & Jerry». Ohne «Gummibärenbande». Ohne GZSZ. Ohne Linda de Mol's «Traumhochzeit». Was für eine triste Weihnachtszeit! Die Idee dahinter: in der besinnlichen Vorweihnachtszeit sich mehr mit der Familie beschäftigen, in aller Ruhe Weihnachtsgeschenke für Gotti und Götti basteln, den Weihnachtsmarkt besuchen und regelmässig Weihnachtslieder auf den Instrumenten üben. Beim Schreiben dieser Kolumne scheinen mir diese Traditionen alle ganz wunderbar, sogar «zurückwünschenswert».

Klar, an Feiertagen pflege ich bis heute so viele Traditionen wie möglich weiter. An Weihnachten gibt es jedes Jahr ein Fest mit der Familie, am Geburtstag im Oktober das erste Käsefondue. Doch ausserhalb dieser Feiertage passiert leider gar nicht viel Traditionelles. Das einzig Wiederkehrende in meinem Leben sind momentan die monatliche Prämienrechnung meiner Krankenkasse und der halbjährlich wiederkehrende DH-Termin. Ich sehne mich aber irgendwie wieder nach mehr Traditionen unter dem Jahr. Zum Beispiel nach dem Sonntagszopf oder nach einem wöchentlichen Marktbesuch.

The holy Sonntagszopf

Eine weitere Tradition, die leider nicht überlebte, ist der selbstgemachte Sonntagszopf. Ich erinnere mich noch heute, wie das ganze Haus am Samstagabend nach dem frisch gebackenen Zopf meiner Mutter duftete. Bei diesem Duft wollte ich immer so schnell wie möglich ins Bett und hoffte, dass die Nacht so schnell wie möglich vorüberging, sodass ich beim Sunntigszmorge in die feinen Zopfscheiben beissen konnte. Irgendwann bin ich ausgezogen und habe nicht nur mein Kinderzimmer, tausend Kisten im Keller, sondern leider, leider auch ganz viele schöne Traditionen zurückgelassen. Eine fehlende Küchenmaschine, zu wenig Platz in der Küche und vielleicht auch ab und zu nicht ganz so viel Elan, am Samstagabend einen Zopf für den Sonntag zu backen, führten dazu, dass sich diese himmlisch buttrige Tradition in Luft auflöste. Sehr traurig.

Stattdessen hole ich mir den Zopf jetzt beim Bäcker, der ist ja auch hausgemacht. Und buttrig. Und sonntagstauglich. Für das Verströmen eines möglichst getreuen Selfmade-Zopf-Odeurs kann ich den Zopf vor dem Zmorge kurz etwas befeuchten und in den Ofen schieben. Et voilà. Vielleicht gibts ja dann doch auch mal noch eine Küchenmaschine und eine grössere Küche. Und den original selbst gemachten Sonntagszopf.

Ab an den Wochenmarkt

Ich bin, was meine Vergangenheit betrifft, eher vergesslich. Ich schreibe das der Tatsache zu, dass ich in meinen 30 Jährchen schon so viel Schönes erleben durfte. Was mir geblieben ist, ist der wöchentliche Marktbesuch in Konstanz. Dahin begleitete ich mein Mami jede Woche auf dem Velositzli und kaufte mit ihr frische Ware ein. Auch das hörte irgendwann auf, da ich wohl oder übel in die Schule gehen musste und das Poschten immer uninteressanter wurde. Heute sehne ich mich nach diesen wöchentlichen Marktbesuchen, nach dem Schwatz mit den Bauern und Produzenten, nach dem Flanieren und Probieren. Zeit, wieder aktive Wochenmarktbesucherin zu werden. In und um Zürich gibt es nämlich auch so einige Wochenmärkte. In einer meiner letzten Kolumnen über Neujahrsvorsätze meinte die Expertin zum Erreichen von Zielen, «wichtig ist, dass die Ziele realistisch, erreichbar und vor allem attraktiv sind». Mein Ziel: Ich wage mich kommenden Samstag an den Wochenmarkt nach Oerlikon – das ist realistisch, erreichbar und attraktiv.

Wie mein Papi

Auch Brunchen mit Freunden und Familie hatte früher mehr Platz. Ob zu Hause oder in einem Restaurant, wir haben stundenlang gegessen, geredet und noch mehr gegessen. Heute muss man am Wochenende ja oftmals noch ganz viel anderes erledigen: zum Beispiel auf den Markt :), ins Bootcamp oder auf den Werkhof zum Entsorgen. Wir stopfen unsere Wochenenden teils so voll, dass das wirklich Wichtige, wie eben tagelange Brunch-Sessions, zu kurz kommen. Hier muss ich mir ein Beispiel an meinem Papi nehmen: Er trifft sich bis heute jeden Samstag mit guten Freunden im «Löwen» auf eine Weisswurst. Ob er eine strenge Woche hatte oder nicht. Ob er anderes zu erledigen hätte oder nicht. Höchste Zeit, diese Tradition in Zürich einzuführen. Ich kann ja am Samstag gleich nach dem Marktbesuch in Oerlikon mit dem Weisswürsteln beginnen.

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