21. August 2017

Für immer und ewig

Bänz Friedli liess sich an einem ungewohntem Ort von Musik bezaubern. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen.

Bespiel mich!
Lesezeit 2 Minuten

Was geschähe, wenn man einen Konzertflügel irgendwo hinstellen würde? Einfach so. Öffentlich und frei zugänglich, in eine Fussgängerpassage, ein Verwaltungsgebäude, ein Einkaufszentrum …
Er würde binnen Kurzem Opfer von Vandalen, nicht wahr? Traktiert würde er und mutwillig zerstört. Man weiss ja, in was für Zeiten wir leben.

Am Bahnhof von Arnheim, in den Niederlanden, taten sie genau dies: stellten einen Konzertflügel mitten in die riesige Ankunftshalle. Noch dazu einen weissen – auffällig, edel, schmutzanfällig. Dazu einen Stuhl und die Aufforderung an jedermann, das Instrument zu spielen: «Bespeel mij – play me!» Und was geschieht? Der Flügel wird gespielt.
Ich wollte mir ja eigentlich nur einen Kaffee holen, aber da sass dieser Kerl, er ging gegen 60, und schmetterte mit voller Stimme Billy Joels «Piano Man» in die Halle. Bald bildet sich eine Gruppe Schaulustiger, es wird applaudiert, die Menge spornt den anonymen Sänger an, er geht zum nächsten Stück über. Und, Himmel, kann der Klavier spielen!

Ich war einige Tage in Arnheim zugange, diesen Sommer, und immer wieder zog es mich zum Bahnhof. Jedes Mal, ob morgens oder spätabends, sass gerade jemand an den Tasten und spielte vor sich hin: Kinder, Frauen, Männer jeden Alters. Begabte, Begnadete, zuweilen auch Anfänger. Immer war da Musik.
Und sie beeinflusste die Menschen, die von den Perrons her kamen oder den Perrons zustrebten: Samtenen Schrittes gleiteten diese Passanten durch das grosse Gewölbe. Niemand schien mehr pressant zu sein. Kein Rennen, kein Schubsen, kein Drängeln gab es, dafür vereinzelt ein Tänzeln.

Bei meinem letzten Besuch sitzt ein Jüngling von vielleicht 15 Jahren am Flügel. Dunkler Teint, Baseballcap, schwarze Jacke. Eher schüchtern wirkt er, aber wie er nun zu «I Will Always Love You» anhebt und sich selbst begleitet, ist zum Dahinschmelzen. Das tut sie auch, seine Angebetete, wohl wenig jünger als er, blond, mit Zahnspange; ein Teenie mit pinkfarbenem Rucksäckchen. Stützt sich mit einem Ellbogen aufs Instrument, steht einfach da, himmelt ihn an – und schmilzt dahin. «And a-i-aaaiii will always …», schwingt er sich nun mit heller Stimme in höchste Höhen, «… looooove you!»

Er schaut seine Zahnspangenschönheit unter der Schirmmütze hervor verschmitzt an. Und man ist sich angesichts ihrer Jugend nicht sicher, ob er sie wirklich für immer lieben wird, aber in diesem Moment ist, was er singt, einfach nur wahr, und sein Spiel verzaubert die Glas- und Betonkonstruktion dieses Bahnhofs in den schönsten Ort der Welt.
Für Augenblicke, die sich anfühlen wie: immer und ewig. 

Die Hörkolumne (MP3)

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