03. April 2018

Für Fabrice Zumbrunnen ist die Migros in Bewegung

Warum soziales und ökologisches Denken und Handeln zur Migros gehören und was die Digitalisierung für die grösste Schweizer Detailhändlerin bedeutet, erklärt Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen.

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Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen: «Wir nehmen unsere soziale Verantwortung wahr und schauen voraus.»

Fabrice Zumbrunnen, Sie sind jetzt seit drei Monaten im Amt. Wie geht es der Migros?

Es geht ihr gut. Sie ist gesund. Die Menschen haben im vergangenen Jahr so viel bei der Migros-Gruppe eingekauft wie nie zuvor. Die Migros hat Marktanteile gewonnen. Und sie ist mit Plattformen wie Digitec Galaxus oder LeShop.ch auch online die beliebteste Anbieterin.

Das klingt nach der perfekten Ausgangslage für den neuen Migros-Chef.

Die Ausgangslage ist tatsächlich gut. Und doch bin ich nicht euphorisch. Wir dürfen uns keine Sekunde auf den Lorbeeren ausruhen, sondern müssen uns jeden Morgen von Neuem fragen, wie wir noch besser werden können.

Und wie lautet Ihre Antwort?

Die geben uns unsere Kunden. Sie verlangen von uns das beste Preis-Leistungs-Verhältnis – und dies jederzeit und zu Recht. Unabhängig davon, wo und wie sie mit der Migros in Kontakt treten. Noch vor ein paar Jahren hätten wir uns nicht vorstellen können, dass sich die Einkäufe, insbesondere im Nichtlebensmittelbereich, dermassen schnell von lokalen Geschäften ins Internet verlagern.

Hat die Migros diesen Trend hin zur Digitalisierung verschlafen?

Trotz des schnellen Wachstums des Online-Handels werden 90 Prozent der Einkäufe in den Läden getätigt. Wir haben die Bedeutung des Online-Handels früh erkannt. Mit Digitec Galaxus und LeShop.ch gehören die Schweizer Marktführer zur Migros-Gruppe. Doch dieser Vorsprung darf uns nicht zur Untätigkeit verleiten. Wir werden noch mehr in den Auf- und Ausbau unserer Online-Aktivitäten investieren.

Heisst das auf der anderen Seite, es wird keine neuen Migros-Filialen mehr geben?

Wir haben auch im letzten Jahr neue Filialen eröffnet und sind nun an über 700 Standorten präsent. Die persönliche Nähe zu den Leuten ist uns sehr wichtig. Das gehört für uns zum guten Kundenservice.

Wie ist das möglich, wenn doch immer öfter im Internet eingekauft wird?

Wir wollen die Kunden überall gut bedienen. Egal, wann, wo und wie sie einkaufen möchten. Heute schon können unsere Kundinnen und Kunden dank PickMup an 750 Stellen Produkte abholen, die sie online in verschiedensten Shops bestellt haben. Nicht nur in der Migros, sondern beispielsweise auch im Fitnesscenter, bei M-way oder an Migrolino-Standorten. Wir verknüpfen den digitalen und den stationären Handel, um unseren Kunden ein möglichst angenehmes Einkaufserlebnis zu bieten.

Diese Entwicklungen haben doch bestimmt auch Auswirkungen auf die Mitarbeitenden.

Das ist so, die Digitalisierung betrifft alle Lebensbereiche: die Art und Weise, wie wir arbeiten, aber auch die Berufsfelder, in denen wir heute tätig sind. Wir dürfen uns keine Illusionen machen. Es wird Arbeiten geben, die es nicht mehr braucht. Gleichzeitig werden neue Stellen geschaffen, etwa im Bereich E-Commerce. Da muss die Migros fit und in Bewegung bleiben.

Gehört zu den Jobs, die verschwinden, auch derjenige der Kassiererin – weil wir dereinst unsere Waren selber einscannen werden?

Der menschliche Kontakt an der Kasse hat nach wie vor einen hohen Stellenwert für viele Kundinnen und Kunden. Klar, die Aufgaben der Fachleute im Verkauf verändern sich. Heute schon beraten sie unsere Kunden zum Beispiel am Subito-Terminal oder sie helfen im Kundendienst aus. Das bringt Abwechslung in den Alltag. Es ist unsere Verantwortung als Arbeitgeber, unsere Mitarbeitenden im Wandel zu begleiten und sie auf die Aufgaben der Zukunft vorzubereiten. Das liegt mir persönlich am Herzen.

Da spricht der ehemalige Personalchef der Migros aus Ihnen.

Womöglich ja, doch ich sehe das heute auch so. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Das heisst, wir nehmen unsere soziale Verantwortung wahr bei aktuellen Veränderungen und schauen voraus. Darum investieren wir viel in die Aus- und Weiterbildung. Zurzeit bilden wir 3860 Lernende in 50 Berufen aus und haben im vergangenen Jahr sogar noch 85 neue Lehrstellen geschaffen.

Ein Bereich, den Sie in der Migros aufgebaut haben, ist die Gesundheit. Wie sind Sie zufrieden mit der Entwicklung?

Ich bin sehr zufrieden. Obwohl wir erst am Anfang stehen, stellen wir fest, dass die Nachfrage nach preiswerten Dienstleistungen im Gesundheitssektor sehr hoch ist. Wir bieten von der Prävention über die medizinische Versorgung bis zur Rehabilitation alles an. Allein im letzten Jahr sind 29 neue Standorte mit Fitnessanlagen und Medbase-Gesundheitszentren hinzugekommen. Auch unsere Gesundheitsplattform «iMpuls» entwickelt sich gut. Damit unterstützen wir unsere Kunden auf ihrem Weg zu einem gesünderen Lebensstil.

Warum bauen Sie auch im Bereich Velos und Gastronomie aus?

Wir erweitern das Angebot bewusst dort, wo wir ein Kundenbedürfnis feststellen und es zur Migros und ihren Werten passt. Das trifft für die Gesundheitsförderung zu, es stimmt aber ebenso für die neuen Gastroformate oder Bike World: Ein derart breites Angebot mit Online-Shop, gepaart mit der Beratung und den Services durch ausgebildete Velofachhändler vor Ort. Das gibt es sonst nirgends und wird von unseren Kunden sehr geschätzt.

Im Mittelpunkt der neuen Kampagne stehen die Migros-Besitzer. Ist es ein Zufall, dass sie genau auf Ihren Amtsantritt lanciert wurde?

(lacht) Der Eindruck liegt wohl auf der Hand. Ich stehe voll und ganz hinter dieser Kampagne. Die Migros gehört nicht gewinnorientierten «Shareholders», sie gehört als genossenschaftliche Institution den Kundinnen und Kunden. Ihnen sind wir verpflichtet, auf ihre Bedürfnisse müssen wir uns voll und ganz ausrichten. Genau darum können die Kunden die Migros aktiv mitgestalten. Zum Beispiel helfen sie über Migipedia.ch mit, unsere Produkte noch besser zu machen. Dieser Dialog ist für uns wichtig. Und bevor Sie mir die Frage stellen: Ich bin überzeugt, dass man als Genossenschaft genügend agil sein kann, um auch in einer Welt erfolgreich sein zu können, die sich rasch wandelt.

Apropos Welt: Die Migros-Besitzer sind in der Schweiz, die M-Industrie verkauft ihre Produkte mittlerweile unter anderem auch in China. Passt das zusammen?

Die Migros hat ihre Wurzeln in der Schweiz, unser Kerngeschäft ist und bleibt in der Schweiz. Für die Industriebetriebe der Migros hat sich der Export zu einem wichtigen Standbein entwickelt. Das wiederum sichert Arbeitsplätze in unseren Produktionsbetrieben in der Schweiz. Wir stellen fest, dass unsere Produkte und Eigenmarken nicht nur hier beliebt sind, sondern in vielen Ländern, wo Schweizer Qualität sehr geschätzt ist.

In den letzten Jahren hat die Migros viel in die Nachhaltigkeit investiert. Werden Sie dieses Engagement fortsetzen?

Unbedingt. Soziales und ökologisches Denken und Handeln gehören zur DNA der Migros. Das schliesst unsere Super- und Fachmärkte mit ein, die dank cleverer Technologie und Baumassnahmen mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen. Auch unsere Bemühungen für die Arbeitsbedingungen der Menschen zum Beispiel auf den Bananenplantagen in Kolumbien fallen in diesen Bereich. Produkte mit regionaler und nachhaltiger Herkunft sind bei unseren Kunden sehr beliebt.

Trotzdem gibt es Kunden, die denken, die Migros sollte aus Rücksicht auf die Umwelt gewisse Produkte nicht mehr verkaufen.

Auch wenn ich dafür Verständnis habe, ist es mir wichtig zu sagen, dass der Kunde immer das letzte Wort hat. Wenn ein Produkt nicht mehr verkauft wird, hat es logischerweise keinen Platz mehr in unserem Sortiment. Bezüglich Umwelt bleibt es eine Gratwanderung: Wir müssen die richtige Balance finden zwischen Kundenbedürfnissen, Produktauswahl und perfekten Nachhaltigkeitsmassnahmen.

Zum Schluss wagen wir noch einen Blick in die Zukunft. Wo sehen Sie die Migros in zehn Jahren?

Mir schwebt eine kerngesunde Migros vor, die auch in zehn Jahren das volle Vertrauen ihrer Besitzerinnen und Besitzer, sprich: der Kundinnen und Kunden, geniesst. Die Migros steht für faire Preise und guten Service. Dies ungeachtet dessen, wo und wie die Leute in Zukunft bei uns einkaufen. Dabei wird die Migros weiterhin ökologisch denken und handeln. Sie wird in der schnelllebigen Zeit agil und flexibel agieren – und trotz des steten Wandels ein Leuchtturm für soziale Verantwortung in der Schweiz sein. Dafür engagiere ich mich.