18. Februar 2019

Für den Alnatura-Gründer darf Bio kein Luxus sein

Götz Rehn ist ein grüner Pionier: Er hat Bioprodukte in Deutschland populär gemacht. Ein Gespräch über die Partnerschaft mit der Migros und den neuen Alnatura-Unternehmenssitz aus Lehm.

Götz Rehn in seiner neuen Unternehmenszentrale
Götz Rehn in seiner neuen Unternehmenszentrale bei Darmstadt (Bild: Tim Thiel)
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Der neue Firmensitz von Alnatura liegt bei Darmstadt im deutschen Bundesland Hessen auf einem ehemaligen Gelände der US-Armee. Nun wurden die betonierten Flächen dort abgetragen; sie sollen zu Wiesen und Biogemüsegärten werden. In der Mitte des Areals steht die Firmenzentrale, ein imposanter Giebelbau. Bevor er errichtet wurde, liess Alnatura extra eine Eidechsenkolonie umsiedeln. Solche Details sind typisch für Firmengründer Götz Rehn und seinen Respekt vor der Natur. Seit fünf Jahren verkauft die Migros schweizweit seine Bioprodukte.

Götz Rehn, Ihre neue Firmenzentrale besteht zu einem grossen Teil aus gestampftem Lehm. Warum dieser ungewöhnliche Baustoff?
Lehm hat sich als nachhaltiges Baumaterial über Jahrtausende bewährt. Wenn es Alnatura irgendwann nicht mehr gibt, können die Lehmwände einfach ­zerfallen und wieder zu Boden werden. Wir können nicht Bioprodukte entwickeln, aber unseren Firmensitz in einem Büroklotz aus Beton unterbringen. Die Idee der Nachhaltigkeit muss das ganze Unternehmen durchdringen.

Woher stammt der viele Lehm, der für den Bau nötig war?
Einerseits aus den nahen Regionen Odenwald und Eifel. Wir haben aber auch einen Teil des Aushubs verwertet, der bei dem riesigen Bauprojekt «Stuttgart 21» der Deutschen Bahn anfällt. So haben wir dieser stark umstrittenen Baustelle etwas Gutes abgewonnen.

Bio ist heute ein weitverbreiteter Begriff. Was versteht Alnatura darunter?
Unsere Produkte bestehen zu 100 Prozent aus Rohstoffen von zertifizierten Biobauern, etwa von deutschen Demeter-Betrieben. Bio bedeutet für uns aber auch einfache Rezepturen, also wenige und dafür natürliche Zutaten. Manche Alnatura-Konfitüren haben zum Beispiel einen Frucht­anteil von 70 Prozent.

Trotzdem zählen Alnatura­Lebensmittel in der Schweiz zu den günstigen Bioprodukten. Wie ist das möglich?
Wir sparen nicht bei den Zutaten, dafür aber bei der Werbung. Und es geht uns auch nicht darum, möglicht viel Gewinn anzuhäufen. Alnatura erzielt nur eine ­bescheidene Umsatzrendite von einem Prozent. An der Börse hätte unser Unternehmen also keine Chance.

Seit fünf Jahren gehören Alnatura-Produkte zum nationalen Sortiment der Migros. Warum passen die beiden Unternehmen als Partner zusammen?
Die Migros und Alnatura waren beide von Anfang an dem Gemeinwohl verpflichtet, sie stellen den Menschen in den Mittelpunkt. Ich bewundere den Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler dafür, dass er sein Unternehmen in eine Genossenschaft umwandelte und so an die Schweizer Bevölkerung verschenkte. Er hat in der Nachkriegszeit viele Produkte für ärmere Familien erschwinglich gemacht. Ich bin meinerseits der Überzeugung, dass Bio kein Luxus sein darf.

Alnatura-Gründer Götz Rehn 1986
Alnatura-Gründer Götz Rehn 1986 im ersten Alnatura-Supermarkt in Mannheim. (Bild zVg)

War das also Ihr Plan, als Sie Alnatura im Jahr 1984 gründeten: Wollten Sie Bioprodukte populär und günstig machen?
So einfach war das nicht. Am Anfang stand für mich lediglich der Vorsatz, etwas Sinnvolles für Mensch und Erde zu tun. Ich wollte ein Unternehmen gründen, das nicht gegen die Natur wirtschaftet, sondern mit ihr. So kam ich auf die Biolandwirtschaft, die eine Wohltat für ­Boden, Wasser und Luft ist und deren Erzeugnisse gut schmecken. Ich wollte Biolebensmittel in Supermärkten günstig anbieten. Doch es gab noch gar nicht genügend Bioprodukte, um die Verkaufsregale eines grossen Ladens zu füllen. So kam Alnatura notgedrungen dazu, eigene Bioprodukte zu entwickeln.

Als Sie Alnatura gründeten, war Bio noch eine Nischenerscheinung. Wurde Ihnen von Ihrem Plan abgeraten?
Ich wurde von allen Seiten gewarnt, dass daraus nichts werden könne. Doch erfolgreiche Unternehmer setzen oft alles auf eine Idee, deren Zeit erst später kommen wird. 2018 ist Alnatura gemäss einer grossen Umfrage des ­Instituts Forsa die belieb­teste Lebensmittelmarke Deutschlands – und das bereits zum dritten Mal in Folge.

Waren Sie denn sicher, dass die Alnatura-Produkte auch bei den Migros-Kunden gut ankommen würden?
Ich war zuversichtlich, weil die Schweizer meiner Erfahrung nach Wert auf solide Qualität legen und ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein haben. Am Anfang musste unser Sortiment aber natürlich in der Schweiz getestet werden. Wir wollten herausfinden, was die Schweizer mögen. Unsere Brotaufstriche aus Gemüse waren zuerst eher ungewohnt, doch dann kamen die Migros-Kunden auf den Geschmack.

30 Alnatura-Produkte werden inzwischen in der Schweiz hergestellt.

Hat sich umgekehrt auch Ihr Sortiment durch die Präsenz in der Schweiz verändert?
Ja, insgesamt 30 Alnatura-Produkte werden inzwischen in der Schweiz hergestellt. Ein Beispiel ist die Basilikum-Tomatensauce, die von der Migros-Eigenindustrie hergestellt wird – bei der Bischofszell Nahrungsmittel AG. Weitere Schweizer Alnatura-Lebensmittel sollen folgen.

Biolebensmittel sind heute in der Schweiz und in Deutschland längst keine Nischenprodukte mehr, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Kann die Nachfrage überhaupt noch weiter zunehmen?
Ihre Einschätzung teile ich leider nicht: Der Marktanteil von Bioprodukten in der Schweiz beträgt 9 Prozent, in Deutschland sogar nur 5,2 Prozent. Über Bioprodukte wird in den Medien zwar viel berichtet, weil Ernährungsthemen heute viel Aufmerksamkeit wecken. Aber die reale Verbreitung von Bioprodukten muss in Zukunft noch stark zunehmen.

Und wie möchten Sie das erreichen?
Ich zähle hier auf die Überzeugungskraft der Konsumenten. Wer einmal Biolebensmittel für sich entdeckt hat, erzählt mit Begeisterung anderen Menschen davon und wird so zum Botschafter. Wichtig ist die Einsicht, wie viel Gutes die Biolandwirtschaft bewirkt – für gesunden Boden, sauberes Grundwasser, die Vielfalt von Tieren und Pflanzen. Biobauern leisten auch einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.

Offenbar sind Bioprodukte für Sie immer die erste Wahl. Wie entscheiden Sie sich aber beispielsweise zwischen einheimischem Rapsöl aus konventioneller Produktion und importiertem Biorapsöl aus Kroatien?
Ich versuche immer, das Gesamtbild zu betrachten: Das Ideal ist für uns bei Alnatura natürlich das Produkt aus Rohstoffen der regionalen Biolandwirtschaft. Wenn ein Bioprodukt importiert wird, gilt es alle Vor- und Nachteile sorgfältig abzuwägen. Der längere Transportweg spricht dagegen. Doch ein Biobetrieb in einem anderen Land kann dort der Natur nützen und womöglich zu fairen Arbeitsbedingungen beitragen.

Die Natur ist ein wichtiger Teil Ihrer Arbeit. An welchen Orten finden Sie in Ihrer Freizeit Erholung?
Zum Beispiel beim Segeln auf der Nordsee, wo ich den Silberglanz des Meeres unter der tief stehenden Sonne besonders ­liebe. Ich gehe aber auch gerne im Odenwald spazieren, der
sich von Frankfurt bis nach Heidelberg herunterzieht. Hier ist man am Wochenende oft völlig allein. Ich staune immer wieder, dass die Deutschen den Sonntagsspaziergang im Wald nicht mögen – sehr im Unterschied zu den Schweizern und Österreichern.

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