28. März 2019

Spezielle Wohnwelten

Anonym war gestern: Unterschiedliche Lebenssituationen erfordern individuelle Wohnformen - innovative Modelle des Zusammenlebens vom Studentenhostel bis zum Mehrgenerationenhaus.

10 Studierende liegen im Kreis auf farbigen Sofas
Lesezeit 8 Minuten

169 Studierende, eine Küche

Die 169 jungen Männer und Frauen stammen aus Europa, Asien, ­Afrika, den USA, Kanada oder Australien und studieren ein ­Semester an der ETH in Zürich. 12 Quadratmeter gehören jedem allein, 9 Waschmaschinen, 24 Kochplatten und 4 Mikrowellen teilen sie sich im Student Hostel.
Zakaria Khansa (19) aus dem Libanon ist zum ersten Mal im Ausland und hat zuvor weder je gekocht noch gewaschen – das ­erledigte seine Mutter für ihn. «Mit so vielen zusammenzuwohnen hilft gegen das Heimweh», sagt er. An der ETH, wo er Biologie studiert, Freunde zu finden, sei schwierig. Und Zürich sei, verglichen mit Beirut, ziemlich langweilig. Nach einem Monat im ­Studentenwohnheim in Zürich Altstetten hingegen kennt er schon fast alle: «Sie sind jetzt meine Familie.» Wärmt er seine Fertiggerichte, setzt er sich damit zu anderen an die langen Holztische in der Lounge.

Besonders gut versteht er sich mit Cristina Gallego (25) und Irene Guerra (21), zwei angehenden Ingenieurinnen aus ­Spanien. Beide lieben die Riesen-WG, weil immer etwas läuft. Das Kochen hingegen empfinden sie als stressig. Nach 21 Uhr warten sie jeweils auf eine Lücke in der Küche, wie auch alle anderen Studentinnen und Studenten aus dem Mittelmeerraum.

Fabian Roenningen (23), Eirik Haugen (22), Johan Fösund (21), alle aus Norwegen, Martin Karp (22) aus Schweden und Jan Bauer (22) aus Deutschland essen an diesem Samstagabend früh. Sie haben zusammen Fajitas gekocht, für alle eine Premiere. ­Fazit: zwei Elektrotechniker, ein Ökonom, ein Wirtschaftsinformatiker und ein Physiker kriegen das hin. Unter der Woche verpflegen sie sich in der Kantine, um der Grossküche auszuweichen. Ansonsten sind sie begeistert von der Wohnform, die für so viele Begegnungen und Abwechslung sorgt.

Emma Gisinger (21) aus Deutschland hat das Renommee der ETH nach Zürich gelockt. Sie studiert Geomatik und Planung und fühlt sich sehr wohl im Student Hostel. «Es ist schön, dass ich überall Leuten begegne.» Bloss an die eine Küche für so viele Leute musste auch sie sich erst ­gewöhnen: Nun kocht sie entweder schon um 17 Uhr oder dann erst nach 22 Uhr. Ihre Landsfrau, Sarah Weslek (24), liebt das Getümmel. Als sie sieht, dass sich einige ihrer Mitbewohner für das Fotoshooting auf den Boden gelegt haben, ruft sie: «Was geht hier Verrücktes ab? Darf ich mit­machen?» und stürzt sich ins Bild.

Witzeln und streiten in der Senioren-WG

Betreutes Wohnen statt Altersheim
Betreutes Wohnen statt Altersheim: vier Seniorinnen und ein Hahn im Korb.

Fünf ältere Menschen leben in einer Attikawohnung ganz oben in dem Gebäude, in dem sich auch das Buffet de la Gare von Siders VS befindet. Diese WG gehört zu den acht Domino-Wohnungen (kurz für Domicile Nouvelle Option), die vom regionalen sozialmedizinischen Zentrum verwaltet werden und gewissermassen das fehlende Glied zwischen unabhängigem Wohnen und einem Alters- und Pflegeheim sind.

Marie-Josée Epiney, die heute als Hilfskraft in der WG Dienst hat, lädt uns ein, den geräumigen Wohnbereich – bestehend aus einem Wohn- und einem Esszimmer – zu besichtigen. Die Bewohner kommen aus ihren Einzelzimmern, um uns zu begrüssen: Es sind Martha Sermier (83), Thérèse Fuchs (90), Willy Oriani (78) und Viviane Knöpfel (66) sowie eine Frau, die etwas im Hintergrund bleibt und nicht befragt werden möchte.

«Ich bin seit sechs Jahren hier. Mein Arzt riet mir damals davon ab, weiter allein zu Hause zu wohnen. Zunächst war es für mich etwas schwierig, weil ich mich anpassen musste …» Die Geschichte von Martha Sermier ähnelt denen ihrer Mitbewohnerinnen und des einen Mitbewohners. Sie alle haben ihr früheres Daheim verlassen, um in dieser freundlichen, sicheren und offenen Struktur eine neue Bleibe zu finden.

Alle haben sich an das gemeinschaftliche Leben gewöhnt. «Ich bin sogar positiv überrascht», erzählt Thérèse Fuchs, die erst seit einigen Monaten hier wohnt. Nur Willy Oriani trauert seiner früheren Wohnung nach, weil er lieber allein lebt. «Das ist schon erstaunlich für jemanden, der das Glück hat, mit vier Frauen zusammenzuleben», witzeln seine Mitbewohnerinnen.

Sie alle schätzen es, ihre Unabhängigkeit und Privatsphäre behalten und gleichzeitig von einer auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Betreuung profitieren zu können. Sie werden medizinisch versorgt, erhalten Unterstützung bei alltäglichen Aufgaben und Aktivitäten und bekommen bei Bedarf das Essen geliefert. «In einer Domino-Wohnung werden wir umsorgt und haben doch mehr Freiheit als in einem Alters- und Pflegeheim», sind sich alle einig. «Eine WG in unserem Alter ist nicht unbedingt einfach, aber ich finde, dass alles wirklich gut läuft», so Viviane Knöpfels Fazit. Und wie sieht es mit kleinen Streitigkeiten aus? «Haben Sie schon einmal eine Familie gesehen, in der man sich nicht streitet?»

Ein Hauch von ewigen Ferien im Campingparadies

Christine und Jean-Paul Bally
Langeweile kennen sie nicht: Christine und Jean-Paul Bally in ihrem Wohnmobil.

Sie haben gerade den vierten Winter auf dem Campingplatz von Les Brenets NE hinter sich. Ohne zu zögern sind Christine (61) und Jean-Paul Bally (66) von ihrer Genfer Wohnung in ein Wohnmobil umgezogen. Fünfzig Quadratmeter mit einem kleinen Gartenstück und einer Pergola mit Blick über die Mäander des Doubs. «Die Stadt ist in Ordnung, wenn man arbeitet. Aber wir wussten, dass wir dort nicht alt werden wollten.» Das Campingleben konnte das Paar bereits im Rahmen diverser Ferien testen. Ein Zelt, aufwachen inmitten der Natur und ein Blumenbeet für Madame. Es musste nur noch ein Ort gefunden werden, der Dauermieter akzeptiert.

«Man hält uns für Zigeuner, aber das ist uns egal. Wir fühlen uns überhaupt nicht als Nomaden, wir möchten nur unsere Ruhe haben», präzisiert der ehemalige Angestellte der Transports publics genevois. Das Leben auf engem Raum stellt für sie kein Problem dar, «gute Organisation ist alles». Dabei hilft jedoch, dass das Wohnmobil der beiden mit jedem erdenklichen Komfort – Heizung, Fernseher und WLAN – ausgestattet ist. Ihr Zuhause sieht aus wie eine kleine Villa. «Und mit Platzmiete und Nebenkosten ist es deutlich günstiger als eine Stadtwohnung.»

Für Christine Bally, die ursprünglich aus dem Kanton Neuenburg kommt, ist es eine Rückkehr zu ihren Wurzeln. Ihrem Mann «gefällt es überall»: «Ich habe mit dem Angeln angefangen. Wir wandern viel, fahren Elektro-Velos und machen Skilanglauf.»

Und wie lebt es sich, wenn die nächsten Nachbarn nur wenige Schritte entfernt wohnen? «Es ist wie in einem kleinen Dorf. Wir kennen unsere Nachbarn und finden immer Zeit für einen kleinen Kaffee. Wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können und helfen uns gegenseitig», erzählen die beiden wie aus einem Mund. Saisonale Apéros, Pétanque­Turniere und kleine Menüs im Camping-Restaurant («Der Koch sagt uns Bescheid, wenn es Kutteln, Zunge oder Forelle blau gibt!) – das Leben in Les Brenets hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Ferien.

Zeit für Langeweile haben sie keine, auch nicht in den langen Wintermonaten. «Beim Stricken und Kreuzworträtseln ging der Winter sehr schnell vorbei. Und unsere Enkelkinder kommen uns reihum besuchen», freuen sich die Ballys, die noch auf 30 weitere Jahre auf dem Campingplatz hoffen.

Alleinerziehende im Gemeinschaftshaus

In dieser Wohngemeinschaft spannen alleinerziehende Mütter und ihre Kinder
Gemeinsam gehts leichter: In dieser Wohngemeinschaft spannen alleinerziehende Mütter und ihre Kinder zusammen.

Christine (36) ist erst vor Kurzem mit ihrem vierjährigen Sohn eingezogen. Sie schwärmt. «Ein Volltreffer. Ich wollte schon immer in einer grossen Gemeinschaft mit vielen Kindern leben.» Christine arbeitet als Sales Manager in einem 70-Prozent-Pensum. Wie alle anderen Frauen im Haus ist sie alleinerziehend. Jede verfügt über eine eigene Wohnung, für die Kinderbetreuung teilen sie sich separate Räume.

Eine, die fast ihre ganze Zeit als Mutter im Haus in Zürich Oerlikon gelebt hat, ist Tamara (46). Seit zwölf Jahren ist sie mit ihrer Tochter (13) hier zu Hause, verliess die Gemeinschaft aber einmal für ein Jahr. Doch sie kehrte zurück. «Der emotionale Halt, die Frauen und Kinder, die ich gern habe, die dazugewonnenen Freiräume sind mir wichtig», sagt sie. Sie arbeitet gut 60 Prozent als Zirkuspädagogin und Autorin.

Eine Person mit einem Vollzeitpensum wäre für dieses Modell nicht passend, weil jede der Frauen einen halben Tag pro Woche fürs Hüten und Kochen zuständig ist. Das soziale Gefüge, der gegenseitige Halt seien wichtig, sagt Tamara. Als Alleinerziehende in der Isolation zu enden, ist für die Frauen keine Option. Susanne (48), die als Sachbearbeiterin in einem Medienunternehmen arbeitet, schätzt es sehr, dass ihre Tochter (9) in einer Gemeinschaft aufwachsen kann. Die Kinder passen aufeinander auf, basteln und spielen zusammen Theater, und sie erleben ihre Mütter und sich selber in neuen Rollen.

Damit das Zusammenleben gelingt, braucht es das Engagement aller. «Man muss immer wieder beide Augen zudrücken», sagt Tamara. Zeit freischaufeln für monatliche Sitzungen («Wie gestalten wir das gemeinsame Spielzimmer neu?»), Kindersitzungen, («Können wir nicht ein Trampolin haben?»), Mieterwechsel organisieren, Putz- und Hütedienst wahrnehmen. Fällt eine Frau aus, muss eine andere einspringen. «Es braucht Idealismus», sagt Tamara. Die Solidarität, welche die Frauen leben, ist nüchtern durchdacht und liebevoll umgesetzt, sie trägt Tamara und die anderen Frauen durch den Alltag.

13 Stunden Hilfe für 13 Quadratmeter

Annemarie Rüegg und Laura Schäfer (rechts) musizieren gern
Mehr als eine Zweckgemeinschaft: Annemarie Rüegg und Laura Schäfer (rechts) musizieren gern zusammen.

Laura Schäfer (24) und Annemarie Rüegg (82) lächeln sich an. «Ich kann viel von ihr lernen», sagt Laura, die Studentin, die bei einer Rentnerin wohnt. «Es ist schön, jemanden im Haus zu haben», sagt die Rentnerin, bei der eine Studentin wohnt. Seit Januar bilden die beiden Frauen eine Wohnpartnerschaft im Sinne des Projekts «Wohnen für Hilfe» von Pro Senectute Kanton Zürich. Die Spielregeln: Die Studentin leistet pro Quadratmeter Wohnfläche im Monat eine Stunde Hilfe. Mit Geld bezahlt werden müssen lediglich die Nebenkosten – was in Schäfers und Rüeggs Fall etwa 50 Franken ausmacht.

«Mein Zimmer ist 13 Quadratmeter gross, also helfe ich Annemarie 13 Stunden im Monat», sagt Laura Schäfer. «Ich bin noch nie mit der Stoppuhr neben ihr gestanden», beeilt sich Annemarie Rüegg zu erwähnen. Sie ist vor allem froh, dass Laura ihr mit dem grossen Garten helfen kann. Allein ist die 82-Jährige damit nicht mehr so gut zurechtgekommen. «Annemarie hat mir gezeigt, wie ich die Rosen richtig schneide», erzählt Laura. Sie möchte später auch einmal einen Garten haben.

Lange hat die Studentin nach einer geeigneten Wohnung in Winterthur gesucht, die bezahlbar ist und von der aus die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften schnell zu erreichen ist. Auf der Website der Schule ist sie schliesslich auf das Angebot der Pro Senectute Kanton Zürich gestossen. Laura Schäfer profitiert nicht nur finanziell von der gefundenen Lösung: «Auch ich bin froh, dass ich nicht allein wohnen muss und ein bisschen Gesellschaft habe», sagt die Deutsche, die fürs Studium der Angewandten Linguistik in die Schweiz gekommen ist. Die beiden Frauen fühlen sich in ihrer Wohnsituation wohl. Eine weitere Gemeinsamkeit verbindet sie: die Liebe zur Musik. Laura spielt Geige, Annemarie Flöte. «Wir musizieren oft zusammen. Momentan spielen wir Mozart», erklärt Annemarie.

Ist das gemeinsame Spiel Teil der obligatorischen 13 Hilfestunden? Annemarie nickt, Laura verneint. Sie gucken sich überrascht an. «Natürlich gehört das dazu!», sagt Annemarie. «Ich habe diese Stunden noch nie dazugerechnet», sagt Laura. Die beiden lachen. Annemarie Rüegg kann es anderen Rentnern nur empfehlen, eine Studentin oder einen Studenten bei sich aufzunehmen. «Man muss sich nur getrauen. Dann merkt man, wie sehr es einem hilft.»

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