17. Dezember 2018

Frohes Fest mit Frida

Bänz Friedli sinniert über Kult und Kommerz. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Frida Kahlo, Elvis und Che Guevrara
Lassen die Kassen klingeln: Elvis, Che Guevrara und Frida Kahlo

Auf Schritt und Tritt begegnet sie mir im Vorweihnachtstrubel: die mexikanische Malerin Frida Kahlo. Mit Zigarette und entblösster Brust steht sie als Kissenbezug zum Verkauf, mit Blumen im Haar als Duschvorhang. Auf Taschen, Tassen und T-Shirts entdecke ich ihr Antlitz, auf einem Necessaire gar, geeignet zur Aufbewahrung von Gesichtspuder, Lippenstift, Damenbinden. Und diese Vermarktung ist doch einigermassen absurd. Gewiss, Kahlos Gesicht ist eine Ikone, die sie mittels ungezählter Selbstporträts mithin selber erschaffen hat. Doch das Abbild der 1954 Verstorbenen hat sich längst verselbständigt, und die Art, wie es kommerziell ausgeschlachtet wird, hat mit ihr nicht mehr viel zu tun.

Im Gegenteil. Kahlo hegte antikapitalistische Visionen, sie war eine Revolutionärin. Als junge Frau wurde sie bei einem Busunfall von einer Stahlstange durchbohrt, davon erholte sie sich trotz Dutzender von Operationen nie ganz. Salopp betitelte ein Kritiker in der «NZZ» sie unlängst als «Selfie-Queen der Kunstgeschichte», doch Kahlo hatte sich auch schmerzerfüllt, geschunden und blutend gemalt, von Nägeln und Rohren versehrt, als gemetzelte Leiche gar. Oh ja, sie malte sich auch «schön», wobei schön für sie hiess: mit Oberlippenflaum und zusammengewachsenen Brauen, durchaus nicht dem gängigen Ideal entsprechend. Frida Kahlo schuf ihr eigenes Schönheitsideal – ein feministisches: Du bist schön so, wie du bist.

Fragt sich denn keiner: Was würde Frida Kahlo sagen? Fragt niemand, ob der kommunistische Rebell Che Guevara Gefallen fände, sich als Swatch-Zifferblatt wiederzufinden? Und ob seine Verherrlichung auf Postern und Pullovern nicht zwiespältig ist, wo er sich doch auch Kriegsverbrechen zuschulden kommen liess? Und was würde Elvis dazu sagen, dass er mir als Baumschmuck dient, als Wanduhr, Thermometer, Flaschenöffner? Nicht der fette, gebrochene Elvis, nein, der strahlende, sündhaft gut aussehende, ikonenhafte.

Eigenartig, diese unsterblichen Gesichter, die sich von der ursprünglichen Person längst gelöst haben und doch von ihr künden. Bei Elvis geht die Musik vergessen, bei Marilyn Monroe, was sie durchgemacht hat, bei Guevara, wofür er stand. Immerhin: Als Barbie mit bizarr dünnem Hals wurde Frida Kahlo nach kurzer Zeit vom Markt genommen; Nachfahren hatten protestiert. Freilich lassen dieselben Erben zu, dass man ihre Ahnin weiterhin auf Schönheitsprodukten, Schürzen und allerlei Schnickschnack verhökert, der unter vielen Tannenbäumen liegen wird. Und wie schrieb sie einst einer Freundin? «Abertausende Menschen leiden an Hunger und haben kein Dach über dem Kopf, während diese reichen Menschen feiern.»

Die Hörkolumne (MP3)

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