Leser-Beitrag
05. November 2017

Freunde gehen zu früh

Düstere Gedanken

Rose für verstorbene Freunde

In unserer «ersten Welt» haben wir den Luxus, uns nicht mit täglichem Überleben konfrontiert zu sehen. Doch es gibt Momente, in denen man sich unweigerlich damit auseinandersetzten muss.

Vor dreissig Jahren: John, ein Jugendlicher, welcher sich schon früh mit den harten Realitäten des Lebens auseinandersetzen musste. Umstände zwangen ihn, seinen Lebensunterhalt, vor Schulabschluss, mit Bauarbeit zu tilgen. Seine gefangenen Fähigkeiten setzte er gekonnt in dieser Branche um und war bald ein gefragter ungelernter Fachmann. Angeheuert in einer kleinen, arbeitsamen Gruppe, erledigten sie Armierungsaufgaben zur Zufriedenheit der Auftraggeber. Mehrere Jahre war das Team ein gefragtes Unternehmen.

Als John an jenem Abend einen Telefonanruf auf dem Festnetz erhielt, sammelten sich dunkle Wolken über ihn.
Später öffnete eine ältere, gebeugte Frau mit von Furchen gezeichnetem Gesicht freundlich die Tür.

«Eddy ist im Kinderzimmer. Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie ihn besuchen, er hat sonst keine Freunde mehr.»

Ein Lächeln huschte über das besorgte, gebeutelte Antlitz.

Eddy, sein Freund, Initiant der Truppe, lag hustend im Bett. Die langen Haare klebten verschwitzt im Gesicht. Das geblümte Bettdeck, übersäht durch Brandlöcher, hatte dasselbe Muster wie das nasse Pyjama. Natürlich war aufgefallen, dass sich der Chef nicht mehr regelmässig auf der Baustelle befand. Doch das Fehlen wurde mit Büroarbeiten entschuldigt. John erschrak ob der Situation. Eddy aber hatte seinen aufbauenden Humor nicht verloren. Den ganzen Abend, die Nacht, bis früh in den Morgen witzelten sie über die Arbeit, die gemeinsam verbrachten Feierabende. Als sich John im Morgengrauen von der Mutter verabschiedete, schlief sein Kamerad erschöpft, mit einem Lächeln im Gesicht. Am gleichen Tag erschien Eddys Mutter auf der Baustelle.

«Er ist vor ein paar Stunden für immer eingeschlafen.»

Die Vergangenheit hatte ihn eingeholt. HIV war noch nicht heilbar.

Jahrzehnte später: Lucky kämpft sich mit seinem elektrischen Rollstuhl durch den Herbstwind. Lucky ist einer von wenigen Freunden von John.

Kurz nach Eddys kleiner, bewegenden Abschiedsfeier auf dem Friedhof im Berner Oberland, zügelte er nach Zürich. Doch die Begegnung mit dem Tod liess ihn nicht mehr los. Nach einem ebenfalls «aufgelesenen Käfer», auch nicht heilbar, versumpfte er gar zum Einzelgänger, überlebte aber.

Loses Laub bläst Lucky in das geschundene, von Melanomen übersäte Gesicht. Die dick geschwollenen Füsse, nackt in den Sandalen, ausgesetzt dem kühlen Wind. Eigensinnig hat er sich nach Operationen in sein Gefährt gesetzt, benommen von der Narkose auf den mehrere Kilometer langen Heimweg gemacht, um nach seinem Hündchen zu sehen. Das dünn gewordene Haar unter einem Lederhut versteckt, die Operationsnarben dick eingepflastert. Das Ohr, noch da? Lucky spricht leise, ungewohnt, flüstert.

«Kommst du morgen Abend vorbei, wir können ein wenig aus der Vergangenheit plaudern?»

John denkt an die Nacht vor dreissig Jahren. Ein Schaudern läuft über den Rücken.

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