01. März 2018

Der Riese im Zwergenkleid

Freiburg schwang bei der Userwahl um die Winter-Stadtwanderung klar obenaus. Tatsächlich liefert die Stadt mit historischen Gassen auf mehreren Niveaus, dem Saanelauf und ein paar Nachbarweilern in nicht einmal 15 Kilometern ein unschlagbares Programm.

Fribourgs Altstadt mit der St.-Nicolas-Kathedrale
Fribourgs Altstadt mit der St.-Nicolas-Kathedrale, einem Teil der Unterstadt und den Brücken über die Sarine.

Nicht nur meine frühere Studentenstadt Lausanne mit auf vier Ebenen angelegten Highlights (von Ouchy bis nach Sauvabelin), auch Basel mit Daig-Vierteln, Gundeli und Kleinbasel in Gehdistanz hatte keine Chance bei der Abstimmung, wohin die Winterwanderung durch eine Schweizer Stadt führen soll ( die Ergebnisse der Abstimmung ). Ich konnte mich vom letzten längeren Ausflug zu Jugendzeiten bloss noch an die unzähligen Kirchen - die katholische Zähringerstadt hält mit fast einer pro 1000 Einwohner den Schweizer Rekord - erinnern. Weiter an hübsche Ansichten von Neuveville, der Planche supérieure und inférieure vom Kloster oder der Oberstadt aus, dann aus sportlicher Sicht ans Hockeystadion mit den zu Bykow- und Chomutow-Zeiten vielleicht tollsten Fans der Schweiz (Letzteres gibt der Biel-Fan ungern zu). Oder an zwei bis drei kulturelle Events in Bahnhofsnähe, vorab das Filmfestival FIFF.

Bei der Wanderung von Ende Februar fällt neben eisiger Kälte noch viel anderes auf. Letztlich vermag man in keiner anderen eidgenössischen Stadt mit weit unter 100 000 Einwohnern (Fribourg hat trotz Uni bloss gut 38'000) in knapp 15 Kilometer so viel Geschichte, Kultur und Natur reinzuzwängen – ohne dass es je gedrängt wirkt. Im Gegenteil: Erst wenn man die Höhepunkte am Ende zusammenzählt und an zehn komplett unterschiedliche Landschaften denkt, wird klar, dass hier in überschaubaren Zwergenkleidern ein wahrer Riese steckt. Der blufft nie, weiss aber schon um seine Reize und verstecken würde er sie nie. Er wächst einfach auf jeder Stadtseite etwas aus Hemd und Hose heraus ...

Route um Fribourg

Die Route (rot), auch als PDF zum Download (1500 x 1000 px / © swisstopo)

Weil es so viele lohnende Trümpfe gibt, können wir sie hier nur kurz auflisten, in der Abfolge unserer Rundtour. Und die beginnt beim Bahnhof der Saanestadt, führt zuerst auf die Hügel von Guintzet und Tilleul, dann in den Westen nach Villars und St. Apolline, dem Fluss entlang und an den breiten Pérolles-Armen Richtung Osten vorbei in die Altstadt und zuletzt zurück ins Verkehrszentrum.
Dass sich die Sonne erst am Ende der Wanderung zeigt, erweist sich bis Halbzeit als schade, doch theatralisch setzt sie mit nie grellem Licht zum Schluss die Stadt bestens in Szene. Und macht den kleinen Umweg vom Montorge-Kapuzinerkloster hinauf zur Lorette-Kapelle mit kleiner Terrasse und schönstem Panorama auf weite Teile der Innenstadt unumgänglich.

Auf dem Fussweg von Pérolles hinunter an die Saane
Auf dem Fusswegzur Maigrauge-Staumauer wird ein Arm der Pérolles-Seen als «Meer» bezeichnet ...

Die Trümpfe der Fribourg-Winterwanderung:

1. Vom Bahnhof auf den Guintzet: Bis auf die Hügelkette passiert man auf dem Guintzet-Steig etliche schöne Gebäude des späten Jugendstils, neben ein paar jüngeren Anwesen, einer älteren und zuoberst einer topmodernen Schule. Es folgt eine hübsche Allee vom Spielplatz bis zu den 2-3 Fussballplätzen an der Grenze zu Villars, gleich darauf der Blick hinunter Richtung Norden und später auf die BCF-Hockeyarena der Gottéron-Drachen.

2. Das Villars-Vert- oder Tilleul-Quartier: Als Kontrast erreicht man schon kurz nach dem kantonalen Spitalzentrum links die teils sehr einfachen Wohntürme. Null Glamour, viel Ehrlichkeit und hoher Ausländeranteil inmitten frecher Farbgebung aus ein paar vergangenen Jahrzehnten.

3. Das Wäldchen nach dem Kreisel zwischen Villars-Vert, Eaux-Vives und Moncor: Am Eingang macht einen ein markantes Kreuz und ein Schild aufmerksam, man betrete nun einen Abschnitt des Jakobswegs. Im mittelhohen und -alten Gehölz fühlt man sich angenehm beschützt (oder fast verloren?). Nach weniger als einem Kilometer marschiert man an einigen Einfamilienhäusern gehobenen Standards vorbei.

4. Villars-sur-Glâne: Als hätte einen das Wäldchen weggezaubert, befindet man sich wenige Minuten von Fribourgs Stadtgrenze entfernt im Herzen einer niedlichen Landgemeinde, mit hübscher, aber nicht wirklich historisch bedeutenden Dorfkirche mit futuristischem Nebenbau, und dem Minibahnhöfchen, das uns allein als Unterführung dient. Das hat den perfekten Charme des Understatements.

5. Minitobel-Abstieg nach St. Apolline: In fünf Minuten durchstreicht man eine grosszügige Wiese und einen idyllischen Bacheinschnitt, um zum Gut St. Apolline mit der alten Steinbrücke zu gelangen. Wir laufen aber links weiter der Glâne entlang, die vor dem Einfluss in die Sarine niedlich dahinplätschert. An der ersten Biegung wartet übrigens der schönste Picknickplatz der Wanderung.

6. Durch die Brücke nach Planafaye: Speziell ist in einem engen U-Tälchen die Annäherung und schliesslich die Passage der an römische Zweistock-Viadukte erinnernden Glâne-Brücke auf halber Höhe. Oben läuft man ausnahmsweise der Strasse entlang bis zum Vorstädtchen mit dem ersten Überblick über den eindrücklichen Saanegraben, den späteiszeitliche Einfüsse mit dem Fluss zusammen gebildet haben.

7. Über dem Creux-du-Loup erreicht man mit zwei sehr kurzen Auf und Abs das Pérolles-Viertel mit seinen Universitätsbauten und ein paar altherrschaftlichen Anwesen.

8. Die Pérolles-Seearme bestaunt der Wanderer beim Abstieg zur Magerau- (französisch: Maigrauge-)Staumauer. Hier wirkt das Ende des Saanegrabens mit fast stehendem Gewässer und grossem Schilfgürtel zugleich lieblich und mit den 90-Grad-abschüssigen Hängen an der Fluss-Aussenseite wiederum sehr forsch. Gleich nach der Staumauer nähert man sich dem uralten Zisterzienserkloster, nach wenigen Schritten bergauf dem Montorge-Kapuzinerkloster. Bei guter Sicht unbedingt noch einen Umweg hinauf zur Lorette-Kapelle anhängen!

9. Einen Unter-Altstadt-Reiz wie die Planche supérieure und später die Planche inférieure kennt keine andere Stadt, nicht einmal Bern mit der auf andere Weise unvergesslichen Matte. Über die Steinbrücke erreichen wir die Place St. Jean und spazieren vorbei am alten Augustinerkonvent langsam hinan ...

10. ... zur imposanten Kathedrale: Auch sie wirkt ein bisschen zu gross für die Freiburger Altstadt, aber nicht protzig, eher auf Gulliver-Art putzig. Nach der Hauptkirche gewinnt man sanft die letzten Höhenmeter, vorbei an Stadt- und Kantonshauptgebäuden zur grossen Einkaufsmeile vor dem Bahnhof. Und staunt: Auf Altstadtausläufer folgen rund 100-jährige Vorzeigehäuser, durchsetzt von fast Zeitgenössischem. Dazwischen aber mit dem stilistisch mutigen Théâtre de l'Equilibre ein Gebäude, das mit so viel Wucht wie Eleganz keine hiesige Grossstadt aufweist.

Geeignet für Wanderer mit gleich grossem Interesse an Kultur und Natur
Höhepunkte: Ankunft an der Saane, die Pérolles-Seen, Fribourgs Unter- und Altstadt
Pause: Vor oder nach Villars, bei Pérolles (vor dem Abstieg), Planche supérieure
Dauer: (knapp) 4 Std.
Höhenmeter (bergauf): 435 m

Trümpfe der Wanderung um Freiburg

Reto Meisser über seine Kolumne «Hike & Bike»

Video: Elena Bernasconi

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