18. Mai 2018

Für die Werberin müssen Frauen früher Gas geben

Die Erstauflage von Regula Führer Beckers Buch #Frauenarbeit war innert kürzester Zeit ausverkauft. Gleichzeitig startete sie ein Coachingprogramm, bei dem junge Frauen noch jüngeren Frauen Karrieretipps geben. Im Interview erzählt sie, warum.

Regula Fecker
Regula Bührer Fecker (40) ist Strategin und Mitgründerin der Werbeagentur Rod Kommunikation. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder (2 und 4 Jahre). Die Familie wohnt in Zürich.

Was ist das Gegenteil von jungen Frauen? Ältere Männer. Sie sind es, die in Verwaltungsräten sitzen, Firmen leiten, Interviews geben. Und damit ambitionierten Berufseinsteigern als Vorbilder dienen. Auch die Zürcher Werberin Regula Bührer Fecker hat sich als junge Frau an den Männern orientiert. Bis sie merkte: Mittlerweile gibt es viele Geschichten von erfolgreichen Frauen, die man sich zum Vorbild nehmen kann.

Zum Beispiel ihre eigene. Sie war jüngste «Werberin des Jahres», jüngste Verwaltungsrätin, jüngste «wichtigste Persönlichkeit der Schweizer Wirtschaft». Und die Erstauflage ihres Buchs «#Frauenarbeit», in dem sie jungen berufstätigen Frauen Tipps gibt, war innert zweier Monate ausverkauft. Weil nicht nur sie eine Erfolgsgeschichte zu bieten hat, gründete sie ein Coachingprogramm.


Regula Bührer Fecker sagt im Interview, warum Frauen vor 30 beruflich Gas geben müssen.


Warum brauchen junge Frauen Coaches?
Junge Frauen sind zwar sehr gut ausgebildet, ihnen fehlt aber das Feinstoffliche. Also: Wie komme ich wirklich weiter, abgesehen von Fleiss und Leistung? Dafür braucht es eine Person, die sie eins zu eins berät, der man Fragen stellen kann, die man sonst nicht bespricht.

Zum Beispiel?
Wie man sich in einer Sitzung durchsetzt – das sagt einem der eigene Chef nämlich nicht. Oder eine objektive Betrachtung des Lebenslaufs. Jemand von «halb aussen» kann gut beurteilen, wo Handlungsbedarf ist. Die Coaches sind junge Frauen, sie haben aber schon viel erreicht. Sie wissen, wie sich die letzten paar Jahre angefühlt haben.

Hatten Sie selber einen Coach?
Nein, ich lernte das meiste durch Abschauen. Ich hätte aber gern eine Vertraute gehabt.

Sie haben vor allem von Männern abgeschaut.
Genau, denn es waren fast keine Frauen da – oder diese waren nicht erreichbar. Jetzt sind wir an einem anderen Punkt. Ich finde, wir sollten davon profitieren. Aber leider fällt es vielen nicht leicht, andere Frauen um Hilfe zu bitten, zuzugeben, dass sie etwas noch nicht verstehen, dass sie sicherer werden wollen.

Darum haben Sie das Buch «#Frauenarbeit» geschrieben?
Ich selber stecke nicht mehr in der Anfangsphase meiner Karriere. Aber ich weiss noch genau, was ich am Anfang wie gemacht habe. Ich fand: Wenn ich jemals etwas von meiner Erfahrung weitergeben will, dann jetzt.

Wieso klammern Sie die Männer aus?
Ich erzähle in dem Buch meine Geschichte. Und meine Geschichte ist auch immer eine weibliche. Ich habe davon profitiert, dass ich eine Frau bin. Ich fiel immer auf, im positiven Sinne. Ich sah mein Geschlecht nie als Nachteil. Deshalb wollte ich ein Buch für Frauen schreiben.

Sie sagen, Frauen müssen früher Gas geben im Leben als Männer. Warum?
Wegen der Biologie. Das ist eine Tatsache, die wir nicht wahrhaben wollen: Die Frau bekommt die Babys. So haben Mütter zwangsläufig ein Time-out. Das muss man akzeptieren und die Weichen vorher stellen. Ich meine damit, dass man idealerweise sein berufliches Selbstbewusstsein findet, bevor die Kinder da sind.

Das ist doch unfair.
Ich habe das nie als unfair empfunden, diese Opferhaltung ist mir fremd. Als Frau hat man momentan ein gutes Umfeld, wird gefördert, es wird vieles möglich.

Sind Sie keine Feministin?
Sagen wir es so: Ich bin Feministin, aber ... Ich bin lieber eine in Anwendung als eine, die sich T-Shirts anzieht, auf denen «Feminism rules» steht.

Ist der Buchtitel sexistisch?
Der Begriff wird oft negativ gebraucht, à la: «Das ist doch Frauenarbeit!». Doch Frauenarbeit kann heute so viel mehr sein als Bügeln, Backen, Erziehen. Sie kann alles sein.

Richtet sich Ihr Buch nur an Karrierefrauen?
Es richtet sich an alle Frauen, die mit 40 Jahren nicht sagen wollen, dass sie den falschen Beruf ausüben oder dass sie unterschätzt werden. Es richtet sich an alle, die ambitioniert sind. Das Ziel muss nicht sein, in der Geschäftsleitung oder im Verwaltungsrat zu landen. Aber irgendein Ziel sollte man haben.

Man hat das Gefühl, Sie hätten als junge Frau nur gearbeitet.
Es stimmt, ich habe viel gearbeitet. Aber daneben habe ich gut gelebt. Es ist halt ein Buch übers Arbeiten, deshalb wohl dieses Gefühl. Ich bin aber schon der Meinung, dass Erfolg nicht ohne Opfer geht, und oft ist das Zeit.

Sie schreiben von Deuxpièces-Monstern. Wer oder was ist das?
(Lacht) Ich habe mich zu Beginn meiner Karriere oft gefragt: Wenn ich erfolgreich bin, muss ich mich dann auch elegant kleiden und mit der Lederagenda aufkreuzen? Erfolgreiche Frauen trugen für mich ein Deuxpièces. Ich fremdelte mit diesem Bild. Ich wollte Erfolg, aber mich selber bleiben dabei.

Etwas vom Wichtigsten ist für Sie das Auffallen. Womit denn?
Junge Frauen sollen auffallen, indem sie sich äussern. Sie müssen ihre Meinung sagen, das Wort ergreifen – in einer grossen Sitzung, per E-Mail oder im Zwiegespräch mit dem Vorgesetzten.

Und was sollten sie nicht machen?
Nur fleissig sein. Nur schön mitnotieren und dabei sein. Es bringt nichts, total gute Zusammenfassungen zu schreiben. Man muss sich einbringen. Fleissig sein können junge Frauen schon. Sie müssen den Sprung zum Partizipieren schaffen.

Dann hat man Erfolg?
Natürlich spielen Faktoren wie Talent, Glück und Timing auch eine Rolle. Aber gleichzeitig glaube ich
daran, dass man sich seine Chancen zu einem grossen Teil selber generieren kann. Wenn man weiss, was man will.

Nebst Buch und Coachingprogramm haben Sie die Stiftung #Frauenarbeit gegründet. Warum?
Für weitere junge Frauen, die bereit sind, ihr Wissen und ihre Erfahrungen zu teilen. Die Stiftung soll das berufliche Weiterkommen fördern. Noch arbeiten wir alle ehrenamtlich. Leider ist bis jetzt noch keine Firma daran interessiert, unser Projekt zu sponsern. Das ist schade, denn wir bieten ein Gefäss für Geschichten. Wir zeigen, dass es eben nicht nur Deuxpiècesmonster gibt.

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