06. Juli 2017

Frauen im Abseits

Am 16. Juli ist Anpfiff zur Fussball-EM der Frauen: Ein Anlass, der weltweit im Fernsehen ausgestrahlt wird. Von Gleichberechtigung ist der Fussball aber weit entfernt. Die Schweizer Pionierin Madeleine Boll wurde einst vom Platz verwiesen, Nationalspielerin Fabienne Humm darf heute immerhin kicken – aber ohne Aussicht auf Ruhm und Reichtum.

Nati-Spielerin Fabienne Humm (l.) und Fussballpionierin Madeleine Boll
Ein Ziel, zwei Generationen: Nati-Spielerin Fabienne Humm (l.) und Fussballpionierin Madeleine Boll
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Es ist Fussball, aber irgendwie anders. Mädchengangs mit Schweizer Fahnen, ganze Familien und auch ein paar Mütter mit Kleinkindern: Das ist das Publikum, das sich an diesem tropisch heissen Samstagabend das Freundschaftsspiel Schweiz–England in der Tissot-Arena in Biel ansehen will.

Die Fanzone vor dem Haupteingang beschränkt sich auf drei Zelte. Die Fans spielen um Give-aways wie T-Shirts und Sonnenbrillen. In den Schlangen davor stehen maximal zehn Personen. Wer beim ersten, zweiten oder dritten Mal leer ausgeht, steht einfach nochmals an.

Fussballpionierin Madeleine Boll sagt Nati-Spielerin Fabienne Humm: «Weisst du, du lebst meinen Traum.»

Es ist Frauenfussball. Hauptprobe für die Europameisterschaft. 16 Teams duellieren sich ab kommenden Sonntag im Kampf um den begehrten Uefa-Pokal. Auf der VIP- Tribüne fiebert Madeleine Boll (63) im rot-weissen T-Shirt dem Anpfiff entgegen. Athletische Figur, wache Augen. Die Walliserin lässt sich kein Heimspiel der Frauen-Nati entgehen. Sie ist diejenige, die das runde Leder für das weibliche Geschlecht ins Rollen gebracht hat – als 12-jährige Rotznase, vor rund 50 Jahren.

Im Jahr 1965 begleitete Madeleine einen Kollegen zum Training des FC Sion. Der Trainer liess das Mädchen wider Erwarten mitspielen. Und es spielte gut. Jetzt fehlte nur noch eine Lizenz, um auch an Turnieren mitmachen zu können. Der Schweizerische Fussballverband (SFV) stellte den Spielerpass ohne Einwände aus. Damit wurde das Mädchen aus dem 300-Seelen-Dorf Granges FR die weltweit erste Fussballerin mit einer offiziell gültigen Lizenz.

Ein blondes Gör auf dem heiligen Grün

Die Freude währte allerdings nicht lange. Denn ein paar Monate später erfuhr die Welt davon. Der FC Sion spielte nach seinem ersten Sieg beim Europacup gegen Galatasaray Istanbul, und Madeleine nahm mit den C-Junioren im Eröffnungsspiel der Partie teil. Das blonde Gör auf dem heiligen Grün erregte die Aufmerksamkeit der Medien: Rund um den Globus erschienen Artikel über das fussballbegeisterte Mädchen aus dem Unterwallis. Und der «Blick» titelte: «Darf Madeleine mit den Buben spielen?».

Sie durfte nicht. Die Lizenz war ihr nur aus Versehen ausgestellt worden. Weil Fussball Bubensache war, hatte sich keiner beim SFV den Namen und das Foto des «Juniors» genauer angesehen. Und so entzog man Madeleine den Spielerpass mit der Begründung, in den Statuten stehe nirgends, dass Mädchen Fussball spielen dürften. Der Verband stützte sich auf medizinische Befunde: Damals waren viele Ärzte noch überzeugt,dass Sport – insbesondere so ein männlicher wie Fussball – der Fruchtbarkeit schade.

Kickerin aus Leidenschaft: Madeleine Boll als 14-jährige

10. Juni 2017, 18.15 Uhr, Anpfiff in Biel: Die Engländerinnen scheinen irgendwie alle einen Kopf grösser zu sein. Die zwei besten und bekanntesten Spielerinnen der Schweiz, Lara Dickenmann (31) und Ramona Bachmann (26), sind verletzt. Andere Stammspielerinnen wie Captain Caroline Abbé (29), Martina Moser (31) oder Fabienne Humm (31) sitzen noch auf der Ersatzbank. Später wird Trainerin Martina Voss-Tecklenburg (49) sagen: «Ich wollte sehen, ob die Jungen sich durchsetzen können.» Zu Beginn können sie sich zumindest gegen die Übermacht verteidigen. In der 30. Minute schiesst England ein Tor, zehn Minuten später das zweite.

Im Stadion sitzen rund 2000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Ein paar Tage zuvor haben die Schweizer Männer in Neuenburg gegen Weissrussland gekämpft, vor rund 10 000 Zuschauern. Vergleicht man die Zahlen der beiden letzten Europameisterschaften, die der Frauen 2013 und die der Männer 2016, ist die Diskrepanz noch krasser: rund 220 000 Zuschauer bei den Frauen, 2,4 Millionen bei den Männern (siehe Infografik Seite 14).

Der Frauenfussball ist besser als sein Image

Das Image des Frauenfussballs ist schlecht, vor allem am Stammtisch. So heisst es etwa, die Frauen seien langsam und wehleidig. Das Vorurteil hält sich wacker, obwohl es längst widerlegt ist, wie eine Studie der TU München aus dem Jahr 2011 zeigt. Es stimmt zwar, dass Frauen die Bälle nicht mit dem gleichen Druck abgeben wie die Männer und dass ihre Sprints weniger spritzig sind, dafür trödeln die Männer bei anderen Gelegenheiten: Sie brauchen für eine Auswechslung zehn Sekunden länger als Frauen, der Torjubel fällt bei ihnen mit einer Minute doppelt so lang aus, und bei Verletzungen und Fouls bleiben die Boys im Durchschnitt 30 Sekunden länger am Boden liegen.

Nur wenige Zuschauer, wenig Presse, kaum Sponsoren, kaum Geld, mangelnde Investitionen, geringe Förderung, ungenügende Leistung – nur wenige Zuschauer. Ein Teufelskreis, aus dem sich die Fussballfrauen bisher nicht befreien konnten, obwohl sie technisch extreme Fortschritte gemacht haben. Praktisch alle Frauenteams werden vom Männerfussball quersubventioniert. Darum haben noch längst nicht alle A-Teams in der Schweiz eine Frauenequipe, und das, obwohl die weiblichen Kicker viel günstiger sind: Sie verdienen praktisch nichts. Sämtliche Nationalspielerinnen, die nicht bei einem ausländischen Klub engagiert sind, gehen neben dem Fussball einem Job nach. FCZ-Captain Fabienne Humm etwa arbeitet normalerweise 100 Prozent als Büroangestellte. Sie trainiert jeden Abend, zehn Stunden in der Woche plus samstags ein Spiel. Für die WM in Kanada und die kommende EM in Holland hat sie ihr Pensum um 20 Prozent reduziert.

Qualifikationsspiel gegen Tschechien: Fabienne Humm im Schlagabtausch mit Simona Necidova

Humm fiel vor zwei Jahren mit dem bisher schnellsten Hattrick in der Frauen-WM-Geschichte auf: drei Tore in 275 Sekunden. Im Anschluss erhielt sie mehrere Angebote aus dem Ausland. Sie lehnte alle ab: «Dafür meinen sicheren Job bei einem super Arbeitgeber aufzugeben, hat sich einfach nicht gelohnt.» Im Gegensatz zur FCZ-Spielerin Humm leben Dickenmann bei Wolfsburg und Bachmann bei Chelsea tatsächlich vom Fussball. Sie verdienen jedoch im vierstelligen Bereich, während andere Schweizer Spitzenfussballer wie etwa Xherdan Shaqiri monatlich vermutlich mehr als eine halbe Million absahnen.

Ein anderes leidiges Thema sind die Transferbeträge: Die vermutlich höchste Ablösesumme für einen Schweizer Fussballer zahlte Arsenal für Granit Xhaka an Borussia Mönchengladbach. Das auf Gerüchte und Zahlen aus der Fussballwelt spezialisierte Portal Transfermarkt.de führt 35 Millionen auf. Eine Rubrik für Frauen existiert auf dieser Site nicht. Warum auch? Ablösegelder werden meist keine gezahlt. Das aber wäre wichtig, damit die Klubs auch ein Interesse daran hätten, in die Spielerinnen zu investieren.

Der blonde Berg spielt für Mailand

Während man heute über fehlendes Geld klagt, musste Madeleine Boll 1965 schon froh sein, trainieren zu dürfen. Während dreier Jahre spielte sie jeden Mittwoch mit den Knaben einer Schulmannschaft in Lausanne, dafür brauchte es keine Lizenz. Dann meldete sich ein Anwalt aus Milano, der Verstärkung für den Mailänder Frauenfussballklub Gomma-Gomma suchte. «La Montagna Bionda», wie man Madeleine Boll in Mailand bald nannte, pendelte fünf Jahre lang zwischen der Lombardei und dem Wallis, wo sie die Handelsschule absolvierte.

Ab 1968 entstanden im Zuge der Frauenbewegung erste Frauenfussballklubs in der Schweiz. Und 1970 fand in Salerno die erste inoffizielle Frauenfussball-Weltmeisterschaft statt. Madeleine Boll erinnert sich: «Wir bestritten das Eröffnungsspiel gegen Italien. Der italienische Schiedsrichter begünstigte seine Landsleute nach allen Regeln der Kunst. Sogar die italienische Presse prangerte seine Methoden an.» Es sollte die letzte WM für Madeleine Boll sein: Die Schweizerinnen nahmen aus Protest an der zweiten inoffiziellen WM in Mexiko nicht teil.

Am Ball im Länderspiel gegen England, Basel 1975: Madeleine Boll, die wegen ihrer Erscheinung den Spitznamen «Montagna Bionda» trug.

Aus beruflichen Gründen beendete die Walliserin ihre Karriere bereits mit 25 Jahren, nach 14 Länderspielen und vier Toren. Der Vollzeitjob und die Weiterbildung zur Sozialarbeiterin waren nicht länger mit dem Fussball vereinbar. Geblieben sind von den Medien verliehene Titel wie «Der weibliche Köbi Kuhn» oder «Pelé aus dem Wallis». Während rund zehn Jahren engagierte sie sich für den Frauenfussball, als Funktionärin der Amateurliga, der die Frauen angegliedert sind. Nach ihrem Abgang 2011 ersetzte der SFV Madeleine Boll durch einen Mann.

Bundesrat Maurer schwitzt für die Pionierinnen

In Biel ist Halbzeit. Bundesrat Ueli Maurer flüchtet von seinem Sitzplatz an sengender Hitze in die kühle VIP-Lounge. Es ist kein Pflichtbesuch: Das Sportdepartement hat er vor zwei Jahren an Guy Parmelin abgegeben. Warum interessiert sich der Finanzminister für Frauenfussball? «Das sind Pionierinnen.Diese Frauen leisten unglaublich viel undverdienen unseren Respekt.» Zudem sei es einfach schön zu sehen, welche Fortschritte die Fussballerinnen in den vergangenen Jahren gemacht hätten.

Nicht immer und überall erhalten Damenmannschaften so viel Anerkennung. Gerade wenn sie gut sind, kann es schwierig werden. So verbat der VfL Wolfsburg seinen Frauen vor ein paar Wochen, den DFB-Pokal-Sieg zu feiern, weil die Männerabteilung des Klubs gerade um den Verbleib in der Bundesliga zittern musste. Beim FC Aarau sind die Männer abgestiegen und die Frauen aufgestiegen. Trotzdem dürfen die Nationalliga-A-Spielerinnen nicht im Stadion der Männer kicken, sondern müssen mit dem Amateurplatz vorliebnehmen. Zwischenzeitlich wollte die FC Aarau AG den Frauen sogar den Namen verbieten, weil sie doch keine Profispielerinnen seien und mit «FC Aarau» im Namen den Eindruck erweckten, zur Spitzensportorganisation des Challenge-League-Klubs zu gehören.

Emotionen an der WM 2015: Fabienne Humm (oben) freut sich mit Lia Wälti über das zweite Tor gegen Ecuador, das dritte wird in Kürze folgen.

Tatjana Haenni (51), ehemalige stellvertretende Fifa-Direktorin für Frauenfussball-Wettbewerbe und seit 2005 Präsidentin des FC Zürich Frauen, sagt: «Es gibt nach wie vor zu wenig Frauen und Frauenfussballexpertise in den zuständigen Gremien.» So habe der Schweizerische Fussballverband mit Franziska Schild zwar eine Ressortchefin für den Junioren- und Frauenfussball, aber in den Kommissionen, die entscheiden, sitze keine einzige Frau – höchstens als Sekretärin. «Das ist doch einfach nicht mehr zeitgemäss.»

Tatjana Haenni ist überzeugt, dass man den Frauenfussball besser vermarkten könnte: «Die Frauen werden meist mit den Männern mitverkauft, quasi als Beilage. Oft gibt es auch keine detaillierten Zahlen darüber, wer wie viel einnimmt.» Dabei sei Fussball der grösste Teamsport für Frauen. «Da muss es doch einen Markt geben!» Wie das funktioniert, machen Funktionäre in den USA vor: Dort war Fussball schon immer ein Frauensport, weil die Männer lieber American Football spielen.

Den Einzug ins Achtelfinale sollten wir schaffen. Island und Österreich sind schlagbar.

In der Tissot-Arena in Biel erfüllen die Schweizerinnen die Erwartungen nicht. In den Qualifikationsrunden hatten sie noch acht von acht Spielen gewonnen, sogar gegen Italien. Doch gegen England haben sie an diesem Samstagabend keine Chance. In der 50. Minute folgt das 0 : 3, in der 62. das 0 : 4.

Nach dem Schlusspfiff meint Madeleine Boll: «Immer gewinnen ist nicht gut, besonders vor einem grossen Wettkampf. Das wird ihnen zu denken geben.» Die Pionierin des Frauenfussballs glaubt an intakte Chancen in Holland. «Den Einzug ins Achtelfinale sollten wir schaffen. Island und Österreich sind schlagbar.» Einzig gegen Frankreich werde es wirklich schwierig. Die Damen der Grande Nation sind EM-Titel-Favoritinnen.

Der lange Weg zur Gleichberechtigung

Beim Abgang zu den Garderoben hat sich das Schweizer Fernsehen (SRF) positioniert. Eine Journalistin holt bei Trainerin und Spielerinnen Statements ein. Die Anwesenheit von SRF ist bei einem Freundschaftsspiel unter Frauen nicht selbstverständlich.

Martina Voss-Tecklenburg sagt vor der Kamera: «Wir mussten heute in allen Belangen Lehrgeld zahlen. Das tut jetzt erstmals weh.» Bevor sie sich verabschiedet, dreht sie sich noch kurz zu den Zuschauerrängen hinter dem Goal um, wo kreischende Mädchen versuchen, die Spielerinnen für ein Autogramm oder ein Selfie zu gewinnen, und schenkt den treuen Fans ein Lächeln.

Eine Stunde nach dem Spiel sind die Ränge leer. Fabienne Humm ist frisch geduscht und trifft sich in der Mitte des Spielfelds mit Madeleine Boll für den Fototermin des Migros-Magazins. Stürmerin Humm kannte die Geschichte der Pionierin des Schweizer Frauenfussballs bisher nicht. Die Enttäuschung darüber zeigt sich auf dem Gesicht der 63-Jährigen nur kurz. Denn eigentlich sei es ja ein gutes Zeichen, dass die Jungen sich keine Gedanken mehr über die Anfänge des Frauenfussballs machen müssten. Obwohl der Weg zur Gleichberechtigung im Fussball noch sehr lange ist, hat sich bereits einiges verändert. Heute dürfen die Mädchen wenigstens spielen, und wie! Madeleine Boll gerät ins Schwärmen: «Ich war in Kanada und habe deinen Hattrick gesehen. Wunderbar. Dass ihr die Schweiz erstmals an eine offizielle Frauen-WM gebracht habt, genau 50 Jahre nachdem man mir die Lizenz entzogen hat, bedeutet mir sehr viel. Und jetzt die EM. Weisst du, du lebst meinen Traum.»

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